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31. Dezember 2015

Hallo, hallo, kannst du mich hören?..

Vor diesem Film kannte ich das Wort Mumblecore gar nicht. Es sind Independentfilme junger Regisseure mit einem sehr niedrigen Filmbudget, bei denen Schauspieler auch Laiendarsteller sind, die vor allem vor Kamera frei improvisieren, es wird nicht nachsynchronisiert, es sind Geschichten aus dem Leben, es ist intensiv und macht süchtig. Natürlich wusste ich nicht, dass der von mir gut geschätzte Regisseur Richard Linklater auch Mumblecorer in dem Sinne ist, sein Boyhood auch. (Mehr über Mumblecore und vor allem German Mumblecore.)

Als ich "Liebe mich!" sah, konnte ich nicht glauben, dass deutsches Kino so gut sein kann, wieder; es hat mich ziemlich mitgenommen. Das Mädchen ist mir in Einigem ähnlich, ihre fragile Einsamkeit unter den Menschen... Danach suchte ich nach dem Lied und war von ihm für einige Tage verschluckt worden.

"Regisseur Philipp Eichholtz über seinen Film:

LIEBE MICH! ist ein handgemachter Improvisationsfilm ohne großes Budget oder Filmförderung. Er entstand nach dem “Sehr gute Filme"-Manifest von Axel Ranisch und wurde mit einem sechsseitigen Drehbuch innerhalb von zehn Tagen in Berlin gedreht.

Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam. Ab und an trifft man auf Menschen, an denen man wächst. Für mich war Sarah so eine Person.


Nach drei Jahren Sehnsucht, Herzschmerz und Liebeskummer ist dieser Film ein Liebeserklärung an alle lauten, impulsiven und fordernden Menschen, die ihre Fehler und Macken offen und mutig nach außen tragen.
(...)

Am Ende kostete der Film 4000€. Ich bin jetzt pleite, konnte dafür aber meinen persönlichen Seelenfrieden mit der „echten" Sarah finden. Billiger als ein Psychiater. Leider werden Filme noch nicht von der Krankenkasse gefördert." mehr lesen
Das "Sehr gute Filme" - Manifest von Axel Ranisch:
Sehr gutes Manifest

"I. Ein sehr guter Film hängt nicht vom Budget ab. Er entsteht in Freiheit selbstbestimmt und unabhängig quasi von glücklichen Filmautoren. Sehr gute Filme sind die Bio-Produkte der Deutschen Filmlandschaft.
II. Sehr gute Filme entstehen von der Idee, über den Dreh, bis zum Schnitt in einem Schwung -
wie in einem einzigen, rauschhaften Arbeitsvorgang. Die Intuitionen ist ihr wichtigstes Werkzeug,
sie zu achten ihr oberstes Gebot.

III. Redakteure, Produzenten und Förderer dürfen und sollten sehr gutes Geld investieren. Eine inhaltliche Bevormundung aber ist kontraproduktiv. Sie würde den Arbeitsfluss empfindlich behindern und das scheue Pflänzchen Intuition vergiften.
IV. Eine sehr gute Komödie stellt immer die größtmögliche in den Mittelpunkt ihrer Handlung. Eine sehr gute Tragödie geht ans Herz, weil sie die Komik des Alltags nie aus den Augen verliert.
Sehr gute Filme sind beides : tragisch und komisch.

V. Das Drehbuch ist eine Bedienungsanleitung für die vielen Mitarbeiter eines Films.
Das Drehbuch ist aber auch ein Rasenmäher der Intuition. Ein sehr gutes Filmteam ist so klein, beweglich und spontan, dass es eine Bedienungsanleitung nicht benötigt. Es gleitet auf den Wellen
des Momentes. Sehr gute Schauspieler, Kameramänner, Regisseure und Produzenten können das.

VI. Sehr gute Filme sind Kinder einer intakten Filmfamilie. Sie entstehen aus Leidenschaft. Ihre Themen sind wahrhaftig, ihre Helden kommen aus der Nachbarschaft und trotzdem bewegen sie
sich zwischen Realismus und Fantasie, zwischen Alltag und Abstraktion.

VII. Sehr gute Filme sind nie länger als 90 Minuten, treten gern im Rudel auf, nehmen sich selbst nicht so wichtig, dürfen auch mal daneben gehen, machen Spaß, bereichern jedes Festival, sind musikalisch, politisch, einfach gestrickt und abgrundtief echt.
VIII. Sehr gute Filme sind mit nichts zu vergleichen. Sie sind in der ersten Einstellung als solche zu erkennen. Sie sind Rohdiamanten, kantig, charmant und extravagant. Sehr gute Filme haben keine Vorbilder. Sie wollen weder wie andere Filme sein, noch sich selbst wiederholen.
Jeder sehr gute Film hat das Recht sich gänzlich neu zu erfinden."
Ein weiterer guter Mumblecore-Film, der mein Herz eroberte, war "Love Steaks". Das wunderbare Spiel, eine Geschichte, die ungeduldig macht, ist fast unerträglich.



Diese Produktionsfirma hat die Schmuckstücke hervorgebracht und ich werde mir auf jeden Fall Weiteres von ihnen antun: Darling Berlin.

Aber auch das skandinavische Kino war immer mein Favorit. "Auf Anfang [:reprise]" erzählt über das Schicksal der jungen Schreibenden. Was ist es, ein Schriftsteller zu werden, was ist echte Freundschaft zwischen Männern, die Selbstzerstörung und die Liebe...


28. September 2012

Was ist Freiheit


Um zwei Uhr siebzehn nachts essen gehen oder sich einen arg mystischen Film vor dem Einschlafen anschauen, obwohl man weiß, dass jeder Schatten in der Wohnung danach zum Mörder wird. Morgens den Wecker ausschalten und nicht zur Arbeit gehen. Ein luftiges Kleid anhaben und an einem windigen Durchzug einer Straße barfuß mit geschlossenen Augen stehen. Nackt sein. Lächerlich erscheinen. Frieren. Ich sein dürfen. Keine Angst haben, zu lachen. Das Glück nicht spielen müssen. Dumm sein. Wahrheit sagen dürfen. Wahrheit verstecken können. Nicht lügen müssen. Geliebt sein. Treppenschritte zählen oder etliche Bäume beim Zugfahren. Nachts einkaufen gehen. Ausschreien können. Denjenigen küssen, den man will. Denjenigen nicht küssen, den man will. Einsam sein. Von einem Fremden berührt werden. Da. Und da. Unvernünftig  sein. Sich nichts verbieten lassen. F.. you - sagen dürfen. F... me - sagen können. Traurig sein. Illusionen schaffen und sie danach zerbrechen. Verdammt unvernünftig sein. Sehnsucht scharlachrot färben. Demjenigen, den man liebt, es auch sagen können. Gehört werden. Empfindungen nicht definieren müssen. Gefühle fühlen können. Sie unterdrücken. Sich selbst vergessen. Verletzbarkeit zeigen. Genug Geld für Wohnung und Bücher haben. Einem Bruder sagen können, dass er einer wäre und ich ihn all die Jahre vermisst hätte. Jüdin sein. Keine Angst haben, dümmer zu sein, als andere. Auch klüger. Sex. Keine Angst haben, eigene Meinung zu äußern. Nicht allein sein. Allein sein. An niemanden denken. Träumen. Von jemandem träumen. Weinen dürfen. Nach New York wollen. Außerseits sein. Zukunft haben. Leidenschaftlich sein dürfen. In den USA leben. Ostsee riechen. Mit jemandem schlafen, den ich will. Neben ihm aufwachen und verschwinden. Um neben ihm bloß zu sterben. Seine Handfläche küssen. Sein Geschlecht spüren. Schlafenden Ihn anschauen. Glück. Heimat haben. Unglücklich sein. Meinen Vornamen von Lippen eines Anderen lesen können. Aufwachen. Riechen. Kindisch sein. Schreiben. Fühlen. Denken. Vermissen. Ersticken. Nein. Ja sagen können. Malen. Aufatmen. Begehren. Frühling statt Herbstes umarmen. Seine Zungen spüren. Lieben. 

Das ist Freiheit.

27. September 2012

[Bild: Ann, September 2012] 

Goldfrapp "Lovely head"



Bereits früher  zitierte ich Gedanken Hannah Arendts zur Liebe: Teil 1 und Teil 2. Neulich fand ich einige von ihnen wieder, diesmal ist einer der Ausschnitte ungekürzt:
"Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick.

Die Ehe als Institution der Gesellschaft zerreibt dies Ereignis, wie alle Institutionen die Ereignisse aufzehren, auf denen die gegründet waren. Institutionen, die sich auf Ereignisse gründen, halten der Zeit so lange Stand, als die Ereignisse nicht völlig aufgezehrt sind. Vor solchem Verzehrt-werden sind nur Institutionen sicher, die auf Gesetzen basieren. Solange die Ehe, immer zweideutig in dieser Hinsicht, als unscheidbar galt, war sie doch wesentlich auf dem Gesetz, nicht auf dem Ereignis der Liebe gegründet und damit eine echte Institution.


Inzwischen ist die Ehe zur Institution der Liebe geworden, und als solche ist sie noch um ein weniges hinfälliger als die meisten Institutionen der Zeit. Die Liebe wiederum ist seit ihrer Institutionalisierung ganz und gar heimat- und schutzlos geworden.


Dagegen protestieren Männer wie Frauen, jeder auf seine Weise. Beide versuchen, die zunehmende Flüchtigkeit der Liebe, ihre zunehmende Substanzlosigkeit zu verhindern. Die Frauen, indem sie aus der Liebe, die ein Ereignis ist, ein Gefühl machen, was nicht nur die Liebe degradiert, weil ein Göttliches zu einem Menschlichen gemacht wird, sondern auch alle Gefühle degradiert, weil sie offenbar dem Feuer der Liebe, an dem sie gemessen werden, nicht standhalten.


Der Irrtum kommt daher, dass die Liebe sich im Herzen des Menschen einnistet; das menschliche Herz ist die Wohnung, aber nicht die Heimat! der Liebe; das Missverständnis ist zu glauben, die Liebe entspringe dem Herzen und sei daher, mit einem weiteren Missverständnis, vom Herzen wie ein Gefühl hervorgebracht.
Diesem Gefühl geben die Frauen – die besten gerade, die die Institutionalisierung der Liebe durch Ehe mit Recht fürchten – sich hin, mit dem Erfolg, dass die Liebe im Gefühl und von ihm verzehrt wird, dass der dazugehörende Mann sich so schnell wie möglich retten muss, denn es geht ihm wirklich ans Leben!, und dass die Frauen, meist nur gelinde enttäuscht über die Flucht des für das Gefühl eher störenden Mannes, aus der »Liebe« ihren Lebensunterhalt machen. Inhalt eines Lebens kann die Liebe aber nur werden, wenn sie mindestens ein halb Dutzend Kinder hervorgebracht hat, zwecks täglicher Beschäftigung. Dann aber geht der ganze Humbug in der entstehenden ernsten Arbeit ohnehin zum Teufel. Die Frauen, deren Lebensinhalt die Liebe als solche ist, gehen meist an Tagträumerei oder, in selteneren Fällen, an Langeweile zugrunde.


Der Protest der Männer führt zu dem Umdenken der Liebe in Freundschaft. Zu diesen gehören wesentlich Kants Definition der Ehe, deren Gegenseitigkeit ein Kontrakt der Freundschaft verbürgt, dieser Kontrakt hat nur leider zum Inhalt, was keine Freundschaft schon rein physisch je zu leisten vermag. Auch Nietzsches Bemerkung, dass der größte Teil der Ehe der Unterhaltung gilt, weist in die Richtung: Sie schlägt vor, Kriterien der Freundschaft zu Kriterien der Ehe zu machen. Keine Freundschaft aber kann tragen, was eine Ehe zumutet. Wenn der Freundschaft zugemutet wird das tägliche Zusammen der Ehe oder der Liebe, geht sie zugrunde. – Die Ehe als reine, legal gesicherte Institution kann das Zusammen mühelos ertragen, nicht nur um der Kinder willen, sondern weil eine solches Tragen oder Ertragen gar nicht zum Problem wird. Sie wahrt ja immer die absolute Distanz der Partner, die in der Liebe durchbrannt wird und in der Freundschaft dauernd überbrückt.


Zur Abgrenzung: Gefühle habe ich; die Liebe hat mich. Freundschaft ist wesensmäßig abhängig von ihrer Dauer – eine zwei Wochen alte Freundschaft existiert nicht; die Liebe ist immer ein »coup de foudre«."
[Auszug aus: Hannah Arendt, Denktagebuch. 1950-1973, 2 Bde., hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann, München-Zürich 2002.]

14. April 2011

Aus fernem Tel Aviv

Aus der Ferne, nass von den stürmischen Wellen, erreichte mich ein Gedicht... Es wäre schade, dass es hier nur in den Kommentaren unterkommt...

Schlaflied
von F.

Mein liebes Kind, so schlaf doch ein
Schließ kraftlos deine Lider
Lass gleiten deinen jungen Geist
Erst am Morgen kommst du wieder

Dein Köpfchen ruht auf zarter Seide
Im Traume findest keinen Halt
Rutschst ab von höchsten aller Berge
Treibst fort im allerlängsten Fluss

Ein dunkles Feuer leuchtet leise
Ein Teufelchen tanzt seinen Tanz
Und irgendwo aus dunklem Walde
Kräht eine Katz‘ ein Lied heraus

Nimmst deinen ganzen Mut zusammen
Läufst langsam in den Wald hinein
Die Neugier treibt dich immer weiter
Und Angst verwirrt dir gar noch mehr

Spürst du bald Furcht, lauf bloß nicht weiter
Denk fest an etwas Gutes
Mach langsam deine Augen auf
Du liegst in meinen Armen

28. März 2011




Antwort
von Ann

Dein Schlaflied hat mich heute Nacht begleitet,
Als ob man einem lichten Wege folgte, in den Wald.
Du hattest einem Mädchen fast befohlen,
Der Neugierde zu folgen, ohne Angst.
Dein Lied und deine leise Stimme -
Sie flossen in die Träume zärtlich klar.
Du wurdest aus dem Jungen zu dem Manne,
Der Böses eines Kauzliedes einfing.
Der einem unsichtbaren Zauberer ähnlich
Die Riesensterne an den Himmel aufgebracht.
Das Mädchen träumte wundersame Wesen -
Sie spielte mit den Füchsen in das Fang'n.
Als sie ganz müde gegen Morgen endlich einschlief,
Waren es deine zarten Arme, die sie hielten und auffingen.
Es waren deine Augen, die sie als Erstes sah.

29. März 2011


Feist "Gatekeeper"

14. November 2010

Der sexuelle Liberalismus

Ein weiteres Zitat aus "Ausweitung der Kampfzone" von Michel Houellebecq:

"Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf oder sechs Mail in ihrem Leben, oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das nennt man das "Marktgesetz". In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. In wirtschaftlicher Hinsicht gehört Raphael Tisserand zum Lager der Sieger; in sexueller Hinsicht zu den Verlierern. Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich." Quelle

15. Oktober 2010

Eine Pause für die Begierde

Ungewiß... Erotisch... Ein Mann... Eine Frau... Anziehend... Ausziehend... Das Geheimnis... Die Sehnsucht... Die Begierde... Ein Rendezvous von zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben... Schön ist diese Werbung für das Herrenparfüm "Dior Homme" mit Jude Law (Regie: Guy Ritchie).



Danke an einen gewißen David für den Tipp.

23. Juni 2010

Die Selbstbefriedigung in der Kunst

Bereits vor einiger Zeit lief auf arte diese wunderbare Folge zur Geschichte der Masturbation. Hier sind zwei sehr sehenswerte Ausschnitte:

Die Selbstbefriedigung in der Kunst (mit Auguste Rodin, Salvador Dali, Pablo Picasso, Gustav Klimt, Egon Schiele und vielen anderen...)



Was nannte man "Tierchen"?



Das weitere Video zur Philosophie der Masturbation, unter anderem auch über die intellektuelle Selbstbefriedigung, sieht man hier.

20. Juni 2010

Don't expect me to be sane anymore

Aus dem Briefwechsel zwischen zwei großen Literaturgeistern - Anais Nin und Henry Miller:
Anais on March 2, 1932
The woman will sit eternally in the tall black armchair. I will be the one woman you will never have ... excessive living weighs down the imagination: we will not live, we will only write and talk to swell the sails.
(LP p.16)

Henry on March 4, 1932
Three minutes after you have gone. No, I can't restrain it. I tell you what you already know - I love you. It is this I destroyed over and over again. At Dijon I wrote you long passionate letters - if you had remained in Switzerland I would have sent them - but how could I send them to Louveciennes?
Anais, I can't say much now - I am in a fever. I could scarcely talk to you because I was continually on he point of getting up and throuwing my arms around you.
(LP p.16)

Henry on March 10, 1932, after they had become lovers
You make me tremendously happy to hold me undivided - to let me be the artist, as it were, and yet not forgot the man, the animal, the hungry, insatiable lover. No woman has ever granted me all the privileges I need - and you, why you sing out so blithely, so boldly, with a laugh even - yes, you invite me to go ahead, be myself, benture anything. I adore you for that. That is where you are truly regal, a woman extraordinary. What a woman you are! I laugh to myself now when I think of you. I have no fear of your femaleness.
(LP p.22)

Henry on March 21, 1932
Anais, I don't know how to tell you what I feel. I live in perpetual expectancy. You come and the time slips away in a dream. It is only when you go that I realize completely your presence. And then it is too late. You numb me. [...] This is a little drunken, Anais. I am saying to myself "here is the first woman with whom I can be absolutely sincere." I remember your saying -"you could fool me. I wouldn't know it." When I walk along the boulevards and think of that. I can't fool you - and yet I would like to. I mean that I can never be absolutely loyal - it's not in me. I love women, or life, too much - which it is, I don't know. But laugh, Anais, I love to hear you laugh. You are the only woman who has a sense of gaiety, a wise tolerance - no more, you seem to urge me to betray you. I love you for that. [...]
I don't know what to expect of you, but it is something in the way of a miracle. I am going to demand everything of you - even the impossible, because you encourage it. You are really strong. I even like your deceit, your treachery. It seems aristocratic to me.
(LP p.32,33)

Anais on March 26, 1932
This is strange, Henry. Before, as soon as I came home from all sorts of places I would sit down and write in my journal. Now I want to write you, talk with you. [...]
I love when you say all that happens is good, it is good. I say all that happens is wonderful. For me it is all symphonic., and I am so aroused by living - god, Henry, in you alone I have found the same swelling of enthusiasm, the same quick rising of the blood, the fullness, the the fullness ...
Before, i almost used to think there was something wrong. Everybody else seemed to have the brakes on. [...] I never feel the brakes. I overflow. And when I feel your excitement about life flaring, next to mine, then it makes me dizzy.
(LP p.36)

Henry on August 6, 1932
Don't expect me to be sane anymore. Don't let's be sensible. it was a marriage at Louveciennes - you can't dispute it. I came away with pieces of you sticking to me; I am walking about, swimming, in an ocean of bloodd, your Andalusian blood, distilled and poisonous. Everything I do and say and think relates back to the marriage. I saw you as the mistress of your home, a Moor with a heavy face, a negress with a white body, eyes all over your skin, woman, woman, woman. I can't see how I can go on living away from you [...] You became a woman with me. I was almost terrified by it. You are not just thirty years old - you are a thousand years old. [...]
Anais, I only thought I loved you before; it was nothing like this certainty that's in me now. Was all this so wonderful only because it was brief and stolen? Were we acting for each other, to each other? Was I less I, or more I, and you less or more you? Is it madness to believe that this could go on? When and where would the drab moments begin?
(LP p.95,96)

15. November 2009

Wenn eine Frau ein Telegramm "Ich liebe dich" sendet

Lange gab es keine Beiträge zu der Kinokunst. Einen Film mag ich besonders. Es ist "Ein Mann und eine Frau" ("Un homme et une femme") von Claude Lelouch aus dem Jahre 1966 mit Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant in den Hauptrollen.

Zwei nachdenkliche Augenblicke daraus.

Der Auto-Monolog von Jean-Louis:

und diese Szene mit der wunderschönen melancholischen Musik:


"(...) „Ein Mann und eine Frau“ reduziert die romantische Beziehung zwischen zwei Menschen auf das wesentliche, abstrahiert völlig von den „Zutaten“ und Beigaben, den Unterfütterungen der romantischen Komödie respektive der romantischen Tragödie, wie wir sie alle zur Genüge kennen. Anne (Anouk Aimée) ist irgendeine Frau, Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant) irgendein Mann, beide haben ein Kind, (...) Bei einem Besuch der Kinder verpasst Anne den Zug zurück nach Paris, und die Rektorin bittet Jean-Louis, Anne in seinem Auto mitzunehmen. (...)

Lelouch ist im wahrsten Sinn des Wortes anti-modern, wenn man dies auf den gängigen Liebesfilm und die damit verbreiteten Klischees bezieht. „Un homme et une femme“ enthält keine Klischees und ist doch romantischer als jede Hollywood-Romanze. Den Film beherrscht eine unproblematische Schwerelosigkeit, ein gut 100 Minuten dauerndes angenehmes Gefühl, und trotzdem ist er nicht problemlos. Lelouch schafft sozusagen Urformen von Mann und Frau, Archetypen, in denen jeder Betrachter ein bisschen sich selbst wiederfinden kann, ohne nicht zugleich zwei konkrete Menschen, eben Anne und Jean-Louis, zu zeigen, die sich einem konkreten Augenblick in einer konkreten Umgebung hingeben. (...)

Wir haben uns mehr oder weniger alle an eine bestimmte Form der romantischen Komödie oder Tragödie gewöhnt, das heißt vor allem an ihre unrealistischen, verträumten und zum Teil albernen Zutaten, und vor allem an ihre immer wieder reproduzierten Handlungsstränge. Aus diesem Grund ist ein in dieser Hinsicht schnörkelloser Film wie „Ein Mann und eine Frau“ ungewohnt, gewöhnungsbedürftig. Man muss sich auf ihn einlassen können, in ihn eintauchen können, um seine Widersprüche und Kontraste, seine Zartheit und seine Romantik empfinden, um den Augenblick genießen zu können." weiter lesen

20. Oktober 2009

Hinreißender Streit

Ein geniales Video: Streit zur 5. Symphonie von Beethoven



Diese Szene gehört zu einer der ersten Sketch Shows "Your Show of Shows", die 1950-1954 auf NBC ausgestrahlt wurden. Bemerkenswert ist, dass die Sendung live übertragen wurde. Schauspieler: Sid Caesar und Nanette Fabray.
(Übersetzt aus der Videobeschreibung)

Kleines Hintergrundwissen zum Entstehen der Fünften Symphonie:

Sie wird oft auch als Schicksalssymphonie genannt.
"
Die ersten Skizzen Beethovens zur 5. Sinfonie, deren Entstehung ein Kompositionsauftrag des oberschlesischen Grafen Franz von Oppersdorff zugrunde lag, sind in den Jahren 1803 und 1804, also zwischen dem Abschluss der Eroica und vor den Arbeiten an der 4. Sinfonie (vollendet im Herbst 1806), entstanden. Die Fertigstellung des Werkes erfolgte im Jahr 1807 und im Frühjahr 1808, in dem auch die Arbeiten an der 6. Sinfonie abgeschlossen wurden. Damit kann die musikalische Aussage des Werkes auch im Zusammenhang mit der ab 1798 beginnenden Taubheit Beethovens sowie dessen erschütternder Erkenntnis im Heiligenstädter Testament (1802) gesehen werden. Im Juni 1808 bot Beethoven das Werk dann in Erwartung besserer Bezahlung dem Verlag Breitkopf & Härtel an.

Schließlich wurde das Werk, nun auf den Grafen Rasumowski, dem später auch die drei Streichquartette op. 59 gewidmet wurden, sowie den Fürsten Lobkowitz umgewidmet, im Jahr 1809 verlegt. Über die Gedanken und Motivationen Beethovens zur 5. Sinfonie lässt sich wenig sagen, da keine Äußerungen von ihm selber dazu überliefert sind. Die meisten angeblich authentischen Aussagen Beethovens beruhen auf den Aussagen seines Sekretärs Anton Schindler und sind als äußerst fragwürdig zu beurteilen. So meinte Beethoven nach Schindler: „Den Schlüssel zu diesen Tiefen gab dessen Schöpfer selber, als er eines Tages mit dem Verfasser über die demselben zu Grunde liegende Idee sprach, mit den Worten: So pocht das Schicksal an die Pforte, indem er auf den Anfang des ersten Satzes hinwies.“ Ungeachtet der Tatsache, dass keine originären Aussagen Beethovens vorhanden sind, wird das Werk von Musikwissenschaftlern als Bindeglied zwischen der 3., 7. und 9. Sinfonie gesehen, in denen Beethoven zu einer vollkommen eigenständigen sinfonischen Tonsprache gelangte." wikipedia

1. August 2009

Flirten vom Feinsten

Sehr lustige und schöne Werbung aus dem israelischen Fernsehen von "Steimatzky Books" (mit engl. Untertiteln)

29. April 2009

Philosophiestunde

Die folgende Sendung schaute ich mir auf Deutsch an und nahm Einiges für mich mit. Der Dialog beider Denker und der wörtliche Kampf um die Definition und das Festhalten des wohl unbestimmbaren Gefühls wurden sehr lebendig und mitreißend vorgetragen, so dass man sich selbst immer wieder finden konnte. Während der ganzen Debatte wurde es mehrmals auf die Werke der Weltliteratur, Malerei und Musik verwiesen, was sehr interessant war. (Die Literaturliste findet sich hier.) Die angesprochene Philosophiestunde folgt unten in der Originalsprache Französisch:

Raphael Enthoven empfängt Nicolas Grimaldi in "Philosophie Liebe"



Teil 2, Teil 3

"Die Triebkraft, die die Welt in Bewegung hält, ist häufig, nachdem die äußere Schönheit nicht mehr sichtbar ist, Auslöser von Fehlschlägen und Enttäuschungen: Die Rede ist von der Liebe.


Jeder redet von ihr, jeder sehnt sich nach ihr und verweigert sie zugleich. Nach dem "Himmelhochjauchzend" folgt meist das "zu Tode betrübt". Oder man kehrt zumindest auf den Boden der Tatsachen zurück. Nach einer enttäuschten Liebe beginnt der Reigen von vorne, die anfängliche Trunkenheit weicht dem Widerwillen, aus inniger Zweisamkeit wird Unverständnis und Feindseligkeit. Beinahe krankhafte Eifersucht wird abgelöst durch das trügerische Gefühl, endlich wieder man selbst zu sein.(...)" weiter über die Sendung lesen

16. April 2009

Zuviel Sex

Interessantes von Richard David Precht:

Zuviel Sex und Rock'n Roll

"Der Bestsellerphilosoph Richard David Precht ein Buch über die Liebe geschrieben. Ein Gespräch über Romantik, Erotik und die Ansprüche an die Liebe

(...)

ZEIT ONLINE: Was erwarten Menschen Ihrer Ansicht nach heute von einer Liebesbeziehung?

Precht: Wir versuchen, mit dem Konzept der romantischen Liebe alles unter einen Hut zu bringen: Prickelnde Leidenschaft auf der einen und vertrauliche Geborgenheit auf der anderen Seite. Und das am besten auf Dauer. Das ist eine Quadratur des Kreises, eine Fiktion, die nur in den seltensten Fällen real wird.

ZEIT ONLINE: ...ein Dilemma, über das man aufklären sollte?

Precht: Ich will den Menschen nicht die romantische Liebe austreiben. Es ist ja unglaublich schön, sich dem hinzugeben. Wir leben, was die Liebe betrifft, in einer optimalen Zeit mit optimalen Möglichkeiten. Aber parallel dazu sind die Ansprüche an sich selbst und den geliebten Partner enorm gestiegen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Precht: Um Leidenschaft aufrecht zu halten, muss man etwas tun: für Kicks und Aufregung sorgen. Außerdem braucht man Geld. Aber das stärkste Selektionskriterium überhaupt ist heute das Aussehen – die Frage: "Bin ich schön?". Das hat das Kriterium der Gesundheit abgelöst. Man muss sich heute möglichst attraktiv halten. Auch sind die Ansprüche an Erotik maßlos hoch: Wir sind absolut "oversexed".

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Precht: Die Zeit der Provokationen ist vorbei. Was Uschi Obermaier einst postulierte, nämlich eine Gesellschaft mit Sex und Rock’n‘Roll, haben wir heute im Übermaß. Die Folge ist Verwirrungsunlust.

(...)

ZEIT ONLINE: Bleibt die Sehnsucht nach ewiger Liebe trotzdem?

Precht: Die Sehnsucht besteht. Auch schon bei jungen Menschen, die heute viel mehr über Liebe und Liebesbeziehungen wissen als früher. Auch das Bedürfnis nach Treue ist da: Je seltener sie wird, als desto kostbarer wird sie betrachtet.(...)" weiter lesen


Zum Schluß noch ein ungewöhnliches Fotoprojekt: "Die Eltern meiner Exfreunde"

"Die Fotografin Tine Casper hat ihre ehemals potentiellen Schwiegereltern besucht und sich mit ihnen fotografiert

"Heute, wo kaum mehr jemand seine Jugendliebe heiratet, hat man eher Lebensabschnitts-Schwiegereltern", sagt Tine Casper. Sie begab sich auf Spurensuche und hat die Eltern ihrer Ex-Freunde besucht. "Für mich standen dabei allerdings weniger die Exfreunde im Vordergrund als das Phänomen, dass mit der Trennung von einem Partner auch andere Beziehungen beendet werden – insbesondere die Beziehung zu den Schwiegereltern."" Fotos ansehen

19. Februar 2009

Vor dem Bild

Der Samstag kam schnell und verflüchtigte sich in den schönen Erinnerungen.

Auf dem Weg zur Galerie sah ich die ersten Schneeglöckchen. Auf den Hügeln der Villa, zu der ich mich eilte, befand sich noch Schnee. Im Schatten der Bäume sprossen die kleinen Blumen. Es war immer noch kalt, aber die Wärme kroch in das Herz hinein. So stand ich da und lächelte vor mich hin die ersten Freiwilligen des Frühlings an. Man wollte sie fast begrüßen. In meinem Kopf klangen Millionen von Melodien, abwechselnd zwischen Tschaijkowski, ClickClickDecker, "Manha de Carnaval" von Joan Baez, ... und Brahms.

Nun stand ich unerwartet vor Kandinsky, folgte dem Fluss der Besucher, und auf einmal sah ich die lebensgroße Rodins Skulptur "Eva" vor mir. Sie war beschämt, aber lebendig für mich... Es folgten der obligatorische "Seerosenteich" von Monet, danach Picasso, Dali, Cezanne, Matisse und Klee... Die Ausstellung war klein, aber die Bilder überfüllten mich. So hatte ich Zeit für jedes und keine Eile. Courbet, Van Gogh, Renoir... Türme, Frauen mit Schirmen, Punkte, Stillleben. Aber plötzlich stand ich da und konnte nicht weiter... Gauguin. Vielleicht erinnert sich jemand von den Lesern daran, was eine junge Frau mit dem Bild von Gauguin verband. ["Vielleicht"] Ich bestaunte einige Minuten lang völlig stumm und nicht atmend mehrere seiner Bilder, als ob ich in meinen Gedanken vor mir selbst stehen würde und mich von der Seite betrachtend. Nein, die Hand von jemandem Bestimmten berührte meine Schulter nicht. Es fand kein Treffen mit der vertrauten, verrauchten Stimme statt... Wartete ich in jenem Augenblick unbewusst trotzdem darauf? Ich weiß es nicht, war aber aufgewühlt, zeigte es aber nicht... Atmete nur schwer und versuchte es zu vergessen...

Als ich die Galerie bereits verlassen wollte, lenkte eine ältere Frau die Aufmerksamkeit ihrer wahrscheinlich Enkelinnen auf das Bild von Ferdinand Hodler und sprach begeistert davon. Ich ging bereits früher an diesem nicht so kleinen Bild vorbei, erst jetzt aber sah ich es mir an und entdeckte die Schönheit auf den zweiten Blick. Sieht so auch mein Frühling aus?

Stilles und weiteres Chaos

Am Abend wartete ein sehr kleines, aber gemütliches Kino mit vielleicht nur 45 Plätzen. Die Karten bezahlte man bei dem Kassierer, der zu jedem Sitzplatz kam. Die rote Eingangstür von der Straße führte direkt in den kleinen Saal, der bereits fast gefüllt war. Wir erhaschten die Plätze neben dem Klavier für die Stummfilmaufführungen, fühlten uns wie in eine kleine Boheme-Welt eingetaucht und widmeten uns der Geschichte eines Italieners, der nach dem Tod seiner Frau über sein Leben nachdenkt. Er verändert es schließlich auch, während er auf der Bank vor der Schule seiner Tochter Tag für Tag sitzt, die geflogenen Airlines und Wohnungsadressen aufzählt und nach dem Sinn sucht.... Eine berührende Tragikomödie, ein richtiges Vergnügen. Hier geht es zum deutschen Film-Trailer: "Stilles Chaos" von Nanni Moretti.

"Moretti: Großartig in seiner lakonischen Melancholie" (dpa)


Die "Heartcore"-Autorin schaffte es schneller als ich noch einen großartigen Kinostreifen zu erwähnen. "Vicky Cristina Barcelona" von Woody Allen. Johanna zeigt in dem Beitrag ihre Sicht der Dinge beim Abend mit den Freunden, auch wenn sie den Film nur "ganz nett" fand:
"(...) Plötzlich wurde es interessant. Man stritt sich, wurde lauter, hier ging es plötzlich nicht mehr bloß um Meinungen, sondern um die Verteidigung von Lebenshaltungen, das Schützen des eigenen Ungemachs und das Verstecken eigener Ängste. Alles startete mit dem jüngsten Streich des Brillenträgers und Großstadtneurotikers Nummer Eins, der sich wahrscheinlich diebisch gefreut hätte und Wochen später schon an einem Streifen mit dem Arbeitstitel „Neukölln oder Kunst frisst Seelen auf“ gearbeitet hätte.
Falls Sie den Woody Allen Film "Vicky, Christina, Barcelona“ bereits gesehen haben, werden Sie wissen: Darin machen unfassbar schöne Menschen schöne Dinge wie Essen, Dunkelkammerküssen, mit freier Liebe kokettieren, und aus Leidenschaft mit Revolvern in der Gegend rumfuchteln. Es gibt Menschen, die diesen Film für eine wunderbar ironische Sommerkomödie halten, für einen leichten Reigen romantischer Wirrungen.
Scarlett Johansson, Penélope Cruz, Javier Bardem. Mehr, sagen die Fans, bräuchte es ja gar nicht, außer einem Woody, der die Fäden in der Hand hält. Schönheit, Humor und Intelligenz in einem Film und als Sahnehäubchen Barcelona – wer das nicht liebt, soll doch in Regensburg versauern.
Dann gibt es die andere Fraktion, die sagt: Dieser Film sei doch bloß eine Versuchsanordnung, mit einer irritierend scheußlichen Erzählerstimme und einer zynischen Grundhaltung, im Mantel einer blond-brünetten Altherrenphantasien. Denn am Ende bleiben alle in ihren gewohnten Gefängnissen leben, keiner ist wirklich verändert. Die Sonne scheint weiter, Barcelona und die Ladies sehen toll aus und der todlangweilige Ehegatte in Amerika bekommt doch die kurzeitig anderweitig entflammte Vicky.(...)" weiter lesen
Musik aus dem Film von Giulia & Los Tellarini "Barcelona"

Zum Schluß noch etwas Interessantes über die Suche nach Liebe:
Wunschlos unglücklich
"(...) Es ist absurd: Unser großes Ideal in Liebesdingen, Romeo und Julia aus Verona - die zwei haben nur eine Nacht miteinander gehabt. Ihre Geschichte verrät uns nichts darüber, wie man es schafft, schwierige Lagen des Alltags zu durchschiffen oder auch nach der tausendundersten Nacht ein aufregendes Intimleben zu führen. Wer aber soll einem als Vorbild dienen? Fragen Sie sich einmal, mit wem Sie wirklich würden tauschen wollen in Sachen Liebe. Nicht nur für eine Stunde, sondern für ein halbes oder ganzes Leben. Mancher mag sich für die sogenannte freie Liebe entscheiden und in den Texten Sartres und Simone de Beauvoirs den Schlüssel suchen, wie eine solche Verbindung ohne Eifersuchtsdramen zu realisieren wäre. Andere lesen den "Brief an D.", die Liebeserklärung von André Gorz an seine Frau Dorine, verfasst nach 58 gemeinsam verbrachten Lebensjahren. So schön der Text ist - er liefert einem keine Anhaltspunkte, wie man eine solche Beziehung mit einem Partner umsetzen kann. Bleibt die Frage, wie die Liebe im Alltag überlebt.
Die Antwort kann übrigens jeder nachlesen. Sie steht in Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Dort errechnet ein Riesencomputer die Lösung für "das Leben, das Universum und für alles", mithin also auch für alle Beziehungsprobleme. Es ist die Zahl 42. Es bleibt nun jedem überlassen, wie er diese Botschaft auslegt. Sie könnte bedeuten: 42 Unterschiede zwischen sich und dem Partner finden und diese akzeptieren. Oder mit 42 Jahren anfangen zu meditieren, um selbst beim anstrengendsten Partner die Ruhe zu bewahren. (...)
Was sagt die Liebe zu uns? Vielleicht flüstert sie uns ja, frei nach Erich Fried, dies ins Ohr: Es scheint unsinnig, sich um mich zu bemühen. Ich bin aber nach wie vor das weitaus schönste Gefühl, das ihr Menschen empfinden könnt." den Artikel weiter lesen

12. Februar 2009

Zum Thema

Z
wei Liebende, die in allem übereinstimmen, sind schon tot. Sie sterben vor Langeweile. 
Simone de Beauvoir

Ich sah sie an, und sie gab mir den Blick zurück : wir faßten uns mit den Augen bei den Händen. Kurt Tucholsky

Der Mensch, das sonderbare Wesen mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen. Else Lasker-Schüler

Die Ehe ist eine lebenslange Doppelhaft ohne Bewährung.
Jean-Paul Sartre 

Eine Frau ist nur eine Frau, aber eine Zigarre kann man rauchen. 
Rudyard Kipling
Mehr findet man unter: Zitate zum Thema Liebe

8. Januar 2009

Liebe als Unschuld

Vor einem Jahr verschlang ich Houellebecq und fand ihn genial:
"In Bezug auf das Liebensleben gehörte Veronique wie wir alle zu einer
verlorenen Generation. Sie war zweifellos fähig gewesen zu lieben; sie hätte sich diese Fähigkeit gern bewahrt, das will ich hiermit bezeugen; aber es ging nicht mehr. Ein seltenes, künstliches und spätes Phänomen, blüht die Liebe nur unter besonderen geistigen Voraussetzungen, die selten zusammentreffen und in jeder Hinsicht der Sittenfreiheit, die das moderne Zeitalter charakterisiert, entgegengesetzt sind. Véronique hatte zu viele Diskotheken und Liebhaber kennen gelernt. Eine solche Lebensweise lässt das menschliche Wesen verarmen, sie fügt ihm Schaden zu, die manchmal schwerwiegend und stets irreparabel sind. Die Liebe als Unschuld und Fähigkeit zur Illusion, als Gabe, die Gesamtheit des anderen Geschlechts auf ein einziges geliebtes Wesen zu beziehen, widersteht selten einem Jahr sexueller Herumtreiberei, niemals aber zwei. In Wirklichkeit zerrütten und zerstören die zahllosen, während der Zeit des Heranwachsens angehäuften sexuellen Erfahrungen jede Möglichkeit gefühlsmäßiger, romantischer Projektion. Nach und nach, tatsächlich aber sehr rasch, wird man so liebesfähig wie ein altes Wischtuch. Man führt dann unvermeidlich ein Wischtuchleben; mit fortschreitendem Alter wird man weniger verführerisch und in der Folge verbittert. Man ist eifersüchtig auf die Jungen und hasst sie daher. Dieser Hass, der uneingestanden bleiben muss, wird bösartig und immer brennender; schließlich mildert er sich und verlöscht. Es bleiben nur noch Verbitterung und Ekel, Krankheit und Warten auf den Tod."

"Ich verfiel langsam auf den Gedanken, dass all diese Leute, Männer wie Frauen, überhaupt nicht gestört waren; sie litten bloß unter einem Mangel an Liebe. Ihre Gesten, ihr Verhalten, ihre Mimik zeugten von einem herzzerreißenden Durst nach körperlicher Berührung und Zärtlichkeit; aber das war natürlich nicht möglich."

[Aus Michel Houellebecq, "Ausweitung der Kampfzone" (Originalausgabe 1994)]
Einige Zitate seiner Romane befinden sich auch im Lexikon der dunklen Zitate: Michel Houellebecq oder man kann in der Analyse seiner Werke nachschauen: Warum können wir bloß nie, nie geliebt werden?

25. Oktober 2008

Zur Untreue

Interessante "Welt online" - Beiträge aus dem Bereich der Sexualforschung. An allem sind also nur Schimpansen Schuld. Es ist wirklich bedauerlich, aber auch lobenswert, da man dadurch den Stammbaum mancher Artgenossen bis auf die Ururururgroßväter genauestens benennen kann.

Warum die meisten Menschen zur Untreue neigen
Von Heike Stüvel (24. Oktober 2008)

"Die Klischees sind bekannt: Während die Frauen in der Regel treu sind, sehnen sich die Männer – vom Trieb gesteuert – nach vielen Partnerinnen. Doch die Wirklichkeit ist viel komplizierter: Der Mensch ist unabhängig vom Geschlecht von Natur promisk, behaupten Biologen und Sexualforscher. (...)
Den Rat zu Enthaltsamkeit oder Treue können aber die meisten Menschen nicht befolgen. Da sind Gene und Hormone einfach zu übermächtig. Mit unseren Vettern, den lebhaft promisken Schimpansen, haben wir 98,4 Prozent aller Erbinformationen gemeinsam. Wie sollten wir, mit lediglich 1,6 Prozent Eigenkapital, ein völlig anderes, ein kreuzbraves Sexualleben führen?
(...)
Die „Big Five“ nennt Schmitt die entscheidenden Faktoren, die den Hang zur Promiskuität bestimmen: Ein minimales Quantum an Pflichtgefühl, große Extrovertiertheit sowie ein geringer Hang zur Verträglichkeit, wie Kompromissbereitschaft und Hilfsbereitschaft. Zudem fanden die Forscher, dass Neugier und Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und Neurotizismus eine wichtige Rolle spielen.(...)" weiter lesen


Männer und Frauen wildern im Freundeskreis
Von Irene Habich
(30. Mai 2008)

"Europäer wildern gerne – und zwar in fremden Beziehungen. Den internationalen Vergleich stellt eine Studie der Bradley University mit knapp 17.000 Teilnehmern aus 53 Ländern an. Der Versuch, „jemanden romantisch für sich zu gewinnen, der bereits in einer Beziehung steckt“ – umgangssprachlich schlicht jemanden auszuspannen –, lässt sich überall auf der Welt beobachten: mal behutsam, mal dreist. Dazu gehören besondere Persönlichkeitsmuster, sagen die Forscher: sowohl beim Wilderer – der es immer wieder versuchen wird – als auch beim Begehrten, der sich bereitwillig aus festen Schnüren lösen lässt.(...)

Bei einem Ausspannversuch empfiehlt David Schmitt, nicht über das Ziel hinauszuschießen. Groß angelegte Offensiven in diesem Bereich sind nicht nur in den meisten Gesellschaften verpönt, sondern sie erregen auch den Zorn des Partners und fordern Gegenwehr heraus. Der Studien-Statistik zufolge besteht die beste Taktik darin, den aktuellen Partner subtil schlechtzumachen und sich langsam und vorsichtig im sozialen Umfeld des Objekts der Begierde einzuschleichen.(...)

Aber wie beständig sind diese Beziehungen, die durch Einmischung entstanden sind? Die Prognose kann schlecht ausfallen – und zwar dann, wenn der Drang zum Ausspannen fest in einer der Persönlichkeiten manifestiert ist. Dann hat ein Dritter leichtes Spiel." weiter lesen

28. Juli 2008

La Notte

Heute zeigt arte um 21:00 wieder ein Meisterstück der Filmgeschichte. "Die Nacht" (1961) von Michelangelo Antonioni mit Jeanne Moreau, Marcello Mastroianni und Monica Vitti.

Das intellektuelle Flirten zwischen Valentina und Giovanni, das mehr als nur Flirten offenbart:

"Synopsis: Lidia (Jeanne Moreau) und der Schriftsteller Giovanni (Marcello Mastroianni) besuchen ihren todkranken Freund, den Schriftsteller Tommaso (Bernhard Wicki), im Krankenhaus. Jeder erlebt seine Angst, Tommaso zu verlieren, auf seine Weise. Danach muss Giovanni auf eine Promotion-Party für sein jüngstes Buch. Anschließend treffen sich beide wieder zu Hause. Zwischen ihnen baut sich ein zunehmend bedrückendes Schweigen auf. Sie beschließen auszugehen. Ihre (titelstiftende) Nacht beginnt in einer Stripteasebar und endet auf einer Party in der Villa eines reichen Industriellen.
Kommentar: Der Film ist primär konzeptuell angelegt. Das Thema ist die sukzessive Auflösung eines Paares. (...)
Lidia und Giovanni werden von zwei Schauspielern verkörpert, die in ihren Heimatländern Frankreich und Italien auf dem Höhepunkt ihres Erfolges standen: Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni. In der Gleichung taucht eine dritte Größe auf, die am Ende die unvermeidliche Beweisführung antritt: Valentina (wunderbar gespielt von Monica Vitti), die hochintelligente, desillusionierte Tochter des Fabrikanten und künftige Erbin des väterlichen Imperiums, wird von dem Paar bewusst oder unbewusst manipuliert. Am Morgen schleudert sie ihnen entgegen: „Ihr beide habt mich restlos ausgelaugt!“
(...)
Ingmar Bergman, der letztes Jahr am selben Tag wie Antonioni starb, hielt „Die Nacht“ ebenfalls für Antonionis gelungensten Film – wahrscheinlich wegen des schonungslosen Intellektuellenporträts: ein Schriftsteller, der sich fast allen ihm Nahestehenden (der Ehefrau, dem Freund, dem Geschäftsmann) verweigert und sich dadurch in eine Isolation bringt, die seinem Schaffen wenig förderlich ist. Die deprimierende Promotion-Party für Giovannis Buch wird beispielsweise als „Vorzimmer zur Berühmtheit“ bezeichnet, als eine Art offizielles Purgatorium für den Künstler. Am Ende bringt Lidia es auf den Punkt: Giovanni ist wahrscheinlich nicht besonders begabt; sein Talent steht der verborgenen Begabung Valentinas um vieles nach. Er scheint von sich selbst abgekoppelt; vielleicht ist seine ganze Substanz in sein Schaffen eingeflossen? Er sagt selbst: „Ich habe keine Inspiration mehr, nur noch Erinnerungen“.(...)" weiter lesen

""Zwei in seelischer Leere erstarrte Menschen erkennen die Vergeblichkeit ihrer Ehe und alles Irdischen. Ein trüber Morgen sieht sie in hilfesuchender Umklammerung, auf der Flucht vor dem Nichts. Antonionis brillant inszenierter Film analysiert auf höchstem künstlerischem Niveau eine der Krankheitserscheinungen unserer Zeit: die Vereinzelung des Menschen, seine Unfähigkeit zur Kommunikation. Einer der einflußreichsten Filme des europäischen Nachkriegskinos, der - nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Darsteller - auch heute noch zu faszinieren vermag." (Lexikon des internationalen Films)."Quelle

Eine überwältigende Finalszene mit dem Brief:



25. Juni 2008

Sexualität und ...

Zwei interessante Artikel:

Interview mit Isabella Rossellini

"Wie arm ist unsere Sexualität!"

"Isabella Rossellini über das Liebesleben der Insekten, warum sie darüber eine Filmreihe gedreht hat und was die Tiere beim Sex den Menschen so alles voraus haben.
(...)

Wo sehen Sie den Hauptunterschied zwischen tierischem und menschlichem Sex?

Zunächst einmal geht's bei Tieren natürlich in erster Linie um die Reproduktion, während es bei uns Menschen doch hauptsächlich um die Lust geht. Und trotzdem hat die Tierwelt eine sehr viel größere Bandbreite an Möglichkeiten, Sex zu haben. Wie arm ist im Vergleich unsere Sexualität! Das Verrückteste bei uns Menschen ist, dass wir für keine anderen Organe so viele Gesetze haben wie für den Penis und die Vagina. Die Kirche, der Staat, das Gesundheitswesen - alle reden mit, wenn es um unsere Geschlechtsorgane geht. Und alle versuchen nur eines zu definieren: Was ist normal? Wenn man im Gegensatz zu derartigen Diskursen, die wir Menschen führen, einen Blick auf die Natur wirft, so stellt man dort eine enorme und durchaus natürliche Vielfalt fest. Bei dieser Vielfalt an Arten und auch an Sexualpraktiken kann man sich schon ganz schön über die menschliche Engstirnigkeit wundern. Man beginnt jene Sicherheiten und Normen zu hinterfragen, die wir selbst aufgestellt haben.

Wir können von Spinnen oder Garnelen eine Lektion in Offenheit lernen? (...)" weiter lesen


ZEIT DES ERWACHENS

"Die Haut erzählt so vieles"

Von Claudia Voigt

"Die Fotografin Bettina Rheims über Schönheit, Narben und Schlaflosigkeit." lesen

13. Juni 2008

Die Anderen


Kurt Tucholsky „Der andre Mann“
Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu dir nett.
Er kann dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an ...
Dann tritt zu euch beiden dein Mann.
Und du vergleichst sie in deinem Gemüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wie er schon dasteht – du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und du denkst bei dir so: »Eigentlich ...
Der da wäre ein Mann für mich!«
Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
und guten alten Papa!
Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren
ständest du ebenso da!
Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;
dann kennst du ihn in Unterhosen;
dann wird er satt in deinem Besitze;
dann kennst du alle seine Witze.
Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,
von oben und unten, von hinten und vorn ...
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ...
und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.
Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann!

(Aus: Die Weltbühne, 21.10.1930, Nr. 43, S. 630)

Sibylle Berg: Wohin springen die denn
„Lebensentwürfe gibt es, die nachzuvollziehen nur mit größter Mühe gelingen mag. Erwachsene Menschen stehen nach 20, 30 gemeinsam verbrachten Jahren voreinander, und dann sagt einer Sätze wie: Du, es ist einfach so passiert. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich habe doch auch ein Recht darauf, glücklich zu sein!
Die Sätze meinen: Ich habe mich verknallt, die Hormone rauschen noch mal so richtig fett durch meinen Körper, hurra, ich hab noch einmal eine Erektion gehabt, jippi, mir ist es gekommen, und jetzt mal tschüss. Dann packen sie ihr Köfferchen - du hörst von meinem Anwalt - und schlagen die Tür noch nicht mal zu.
Immer wenn ich so eine Geschichte höre oder lese, werde ich ganz starr vor Elend. ICH VERSTEHE DAS NICHT!
(…)
Und dann: Ich habe mich verliebt, es ist einfach so passiert. Blöder geht es nicht. Keinem passiert Verlieben einfach so. Das muss man wollen. Und zulassen. Genauso dämlich wie Frauen, die sich in verheiratete Väter mit fünf Kindern verlieben - "Ich konnte mich nicht dagegen wehren" - ist das. Madame-Bovary-Quatsch. Natürlich schlafen in uns allen genetische Programmierungen, die nach Paarung schreien. Natürlich sieht man immer wieder einen netten Menschen, einen potenziellen Partner. Vielleicht verliert man sich mithin in erregenden Gesprächen, von denen man glaubt, sie so lebendig noch nie vorher erlebt zu haben. Aber darum einen Menschen verraten, mit dem man sein halbes Leben verbracht hat? Was bleibt denn von dem noch so attraktiven, noch so anregenden neuen Gegenüber nach zehn Jahren?(…)“ Weiterlesen
Ich würde Frau Berg gerne zustimmen, aber vielleicht erst in 15-20 Jahren. Irgendetwas in mir trotzt diesen wohlüberlegten und deprimierend vernünftigen Gedanken, die mit meinen im Grunde übereinstimmen. Sie stimmen immer dann, wenn es sich gerade um eine Beziehung handelt, die funktioniert, in der man glücklich ist und auch zusammen mit dem Partner dieses Glück gestaltet. In solchem Fall sollte man dies nicht so leicht aufs Spiel setzen und nur der Hormone wegen dem prallen Busen oder den trunkenen Gesprächen unter Sternen hinterher laufen. 

Sie stimmen aber vor allem immer aus der Sicht des Verlassenen. Jedoch wenn die Beziehung nicht auf der Glückes Seite war, dann … Wenn es nicht gelang, die Gefühle aufrecht zu erhalten… Die Liebe zu einem anderen Menschen kann auch darin bestehen, ihn gehen zu lassen, wenn man sieht, dass er mit dem Anderen / der Anderen woanders glücklicher sein kann. Vielleicht ist es sogar etwas, was dem Begriff der wahren Liebe nahe kommt, dass man dem geliebten Ex-Partner den Neuanfang gönnt.

Wollen und Zulassen sind schöne Worte und Vorwürfe, bei denen alles ziemlich berechenbar zu sein scheint. Es verbleibt nichts mehr von Neugier und Neuentdeckungen, die uns doch immer prägen und den Fortschritt unseres gänzlichen Lebens ankurbeln. Das Prinzip der allgegenwärtigen Austauschbarkeit ist mir dabei allerdings genau so fremd, wie der Autorin Berg.

Ob die Reife im Gehirn reicht, um den Versuchungen zu widerstehen? Ob das reicht, um auf der ewigen Suche nach Liebe trotz der schmerzlichen Erfahrungen und Bloßlegungen, die jedes lebendige Herz mit sich schleppt, vernünftig und ruhig sitzen zu bleiben? Dies kann kein Mensch mit Zuversicht behaupten. Ja, die Hormone sind stärker. Ja, der Wunsch nach Geborgenheit, die sich in neuen, fremden Händen und Laken schöner anzufühlen scheint, auch.

Diejenigen allerdings, die nach den ewigen Wanderungen durch fremde Betten und Herzen müde und gleichgültig geworden sind, können auch diesen Beitrag von Sibylle Berg nachlesen.

15. Mai 2008

Requests galore a loved woman has

"Aber wenn alles gut wäre, gäbe es vermutlich überhaupt keine Liebesbriefe. Denn sie sind eigentlich immer tragisch. Einen solchen Brief schreibt ja nur, wer nicht mit seiner Liebe vereint sein kann. So schmachtet der Komponist Johann Strauß: "Es geht ganz lustig zu in meinem Innern, fröhliche Melodien summen mir im Kopf, das von Freude, Glückseligkeit übervolle Herz schlägt lustig den Takt dazu." Oscar Wilde deliriert: "Meine Seele und mein Leib gehören mir nicht mehr, sie sind in himmlischer Ekstase Dir verschrieben", während Bertolt Brecht tiriliert: "Ich grüße Dich, Du Sphinx meines Mondscheinnachtskahnfahrtentraumwahnsinns."" weiter


Anna Achmatova (1889-1966)

* * *

Requests galore a loved woman has,
But one who is no longer loved has none.
I’m glad that underneath the film of ice
The freezing water’s slowing down its run.

And I shall stand – O Christ, sustain me! –
On that precarious, sparkling crust.
Keep safe our letters, so posterity
Can judgment pass on both of us.

So they will see you, brave and wise and candid,
As clearly and as truly as can be.
Because we can’t leave any blank spots, can we,
In your so glorious biography!

Too sweet the potion of our earthly joys,
Too tight the snares of love in which we caught…
But let my name be known to girls and boys
At school when literature they are taught.

And let them smile with archness or humility
When this sad story of my life they’ve read.
No love you gave to me, no tranquility,
Make me a gift of bitter fame instead…

1913



* * *

I’ll leave your snow-white home and quiet garden
And let my life be desolate and clear.
In poetry I then shall glorify you
As I could not before, a woman mere.
And of your life I’ll always be a part,
Here where for me you built a heaven,
While I’ll trade in the rarest wares there are:
Your love, your tenderness, I’ll be selling.

1913
Tsarskoye Selo



* * *

My eyes plead for mercy humbly,
But what I can do, I’m defenceless
When somebody suddenly utters
His short, startling name in my presence.

I walk past some grey stacked logs
Along a narrow clearing.
A fresh, erratic wind blows,
Vernally and freely.

And my heart hears in that breeze
News from afar, and it’s bad.
He’s alive, he breathes,
But how dare he not feel sad!

1912
Tsarskoye Selo

(Translated by Olga Shartse, from "Anna Akhmatova. Poems", 1988)