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11. Februar 2017

Die Leben des Vaters

Diese Jugendlichen in Kapuzenpullis haben ziemliche Tränen bei mir hervorgerufen. Im Abgeordnetenhaus in Berlin. Als sie den Schmerz meines 20-jährigen Vaters mit ihrer Hingabe spielten.

31. Dezember 2015

Freiheit, Fehler zu machen

Sehr interessant schreibt Mises über die Freiheit, Fehler zu begehen.

"(...) Tatsache ist, daß es in einem kapitalistischen System letzten Endes die Verbraucher sind, die Befehle geben. Der Souverän ist nicht der Staat, sondern das Volk. Ein Beweis, daß die Verbraucher die wahren Herrscher sind, liegt nicht zuletzt auch darin, daß sie das Recht haben, Dummheiten zu begehen. Das ist das Vorrecht des Herrschers. Er hat das Privileg, Fehler machen zu können, niemand kann ihn davon abhalten; er muß allerdings auch für seine Fehler bezahlen. Wenn wir feststellen, daß der Verbraucher an erster Stelle steht, daß er der Souverän ist, sagen wir damit nicht, daß er frei von Fehlern ist und jederzeit weiß, was das Beste für ihn ist. Sehr oft kaufen die Verbraucher Dinge, die sie vernünftigerweise nicht kaufen oder konsumieren sollten.
Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, daß im kapitalistischen System eine Regierung die Menschen durch Kontrollen davon abhalten könnte, sich selber zu schaden. Die Vorstellung, daß der Staat eine väterliche Autorität, daß er jedermanns Wächter ist, stammt von den Sozialisten. Vor einigen Jahren unternahm die Regierung in den USA einen gutgemeinten Versuch. Dieses sogenannte "noble Experiment" war ein Gesetz, das den Genuß von alkoholischen Getränken verbot. Es ist sicher richtig, daß viele Leute zuviel Branntwein oder Whisky trinken und daß sie sich damit schaden können. Viele Behörden in den USA bekämpfen auch das Rauchen. Sicherlich gibt es viele Menschen, die zuviel rauchen, obwohl es für sie besser wäre, nicht zu rauchen. Das wirft die Frage auf, die weit über eine wirtschaftliche Diskussion hinausgeht. Sie zeigt nämlich, was Freiheit wirklich bedeutet.
Nehmen wir mal an, es sei gut, den Menschen zu verbieten, sich durch übermäßiges Rauchen oder Trinken selbst zu schaden. Aber hat man einem solchen Verbot einmal stattgegeben, werden andere kommen und sagen: Ist der Körper alles? Ist nicht der menschliche Geist viel wichtiger? Ist nicht der Geist das eigentlich Menschliche an uns, die einzig wirklich menschliche Qualität? Wenn man der Regierung das Recht zugesteht, über den Verbrauch des menschlichen Körpers zu entscheiden, nämlich, ob man rauchen, trinken oder nicht trinken soll, dann ist es schwer, den Leuten eine richtige Antwort zu geben, die behaupten: "Der Geist und die Seele sind viel wichtiger als der Körper, und der Mensch schadet sich weit mehr, wenn er schlechte Bücher liest oder schlechte Musik hört und sich schlechte Filme ansieht. Es ist deshalb Pflicht der Regierung, die Menschen davon abzuhalten, diese Fehler zu begehen."
Wie Sie wissen, haben Regierungen und Behörden viele Jahrhunderte lang geglaubt, daß das wirklich ihre Aufgabe sei. Dies geschah keineswegs nur in den früheren Zeiten. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in Deutschland eine Regierung, die es als ihre Pflicht ansah, zwischen guter und schlechter Malerei zu unterscheiden. Was gut und schlecht war, entschied ein Mann, der in seiner Jugend die Zulassungsprüfung für die Kunstakademie in Wien nicht bestanden hatte und sein Leben mit dem Malen von Postkarten fristete. Was gut oder schlecht war, entschied also ein Postkartenmaler. Und wer andere Ansichten über Kunst und Malerei äußerte als der oberste Führer, machte sich strafbar.
Räumt man erst einmal ein, daß es Pflicht des Staates sei, den Alkoholkonsum zu kontrollieren,  was kann man dann denen antworten, die behaupten, die Kontrolle von Büchern und Ideen sei viel wichtiger?
Freiheit bedeutet auch die Freiheit, Fehler zu machen. Dessen müssen wir uns bewußt sein. Wir dürfen durchaus sehr kritisch sein gegenüber unseren Mitbürgern, gegenüber der Art wie sie ihr Geld ausgeben und ihr Leben führen. Wir mögen der Ansicht sein, daß sie sich absolut töricht und schlecht verhalten. In einer freien Gesellschaft gibt es jedoch viele Möglichkeiten, unsere Meinung darüber zu äußern, wie sie ihre Lebensweise ändern sollten. Man kann Bücher oder Artikel schreiben, man kann Reden halten, man kann sogar, wenn man will, an Straßenecken predigen. Und das wird auch in vielen Ländern so gehalten. Aber man darf nicht gewissermaßen mit Polizeigewalt andere Menschen davon abhalten, gewisse Dinge zu tun, nur weil man selbst nicht will, daß die anderen die Freiheit dazu haben. 
Das ist der Unterschied zwischen Sklaverei und Freiheit. Der Sklave muß tun, was ihm sein Herr befiehlt, aber der freie Bürger - und das ist es, was Freiheit wirklich bedeutet - hat die Möglichkeit, seinen eigenen Lebensweg selbst zu wählen.(...)"

Aus: Ludwig von Mises, Vom Wert der besseren Ideen (Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik), Olzog Verlag 2008, S 45-47. [amazon]

Russische Küche und Kultur

Ein interessanter Sammelband ist an der Uni Potsdam von Norbert Franz herausgebracht worden: "Russische Küche und kulturelle Identität" (2013).
Aus der Buchbeschreibung:
"Nach sieben Jahrzehnten Sowjetunion sind die Russen in vielen ihrer Essgewohnheiten wieder zu den Traditionen der vorrevolutionären Zeit zurückgekehrt. Die Esskultur, die private wie die der Restaurants, hat wieder einen hohen Stellenwert, Kochbücher und Ratgeber in Fernsehen und Internet haben Konjunktur. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Sparte der Kultur hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Im Frühjahr 2010 fand an der Universität Potsdam die erste internationale und interdisziplinäre Tagung zum Thema „Russische Küche und kulturelle Identität“ statt. Der vorliegende Sammelband enthält viele der dort vorgestellten Beiträge in Aufsatzform. Es sind kultur- und literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu Essen und Trinken in Russland. Untersucht werden nicht nur die Bedeutung einzelner Speisen und Zubereitungsarten und die Mahlzeit als soziales Geschehen, sondern auch der Verzicht auf Nahrung, sei es freiwillig als Fasten, sei es erzwungen als Hunger. Eine andere Gruppe von Beiträgen geht der Rolle des Essens als literarischem Motiv nach, eine weitere bildlichen Darstellungen. Auch das Trinken wird bedacht. In der Kultur durchweg klar kodiert, eignen sich Essen und Trinken ganz besonders als literarische Zeichen, die in den Werken unterschiedlichste Funktionen übernehmen können. Als Ganzes eröffnen die Beiträge erste Durchblicke in ein großes und bislang oft vernachlässigtes Forschungsgebiet." Quelle
Aus dem Kapitel "Rituale des Trinkens in der Literatur" im Literarischen Trinken von Anne Hultsch:
"Die Ukrainer essen zu jedem Glas Schnaps etwas Nahrhaftes und Intensives, Speck zum Beispiel. Die Russen essen nichts dazu, riechen nur manchmal am Brot – ihrer Ansicht nach ist es hinausgeworfenes Geld, zum Wodka etwas zu essen. Er soll nicht schmecken, sondern wirken. Und die Chance darauf ist um so größer, je weniger gegessen wird. (Andruchowytsch 2005)
Американцы наивные, черствые, бессердечные. Дружить с американцами невозможно. Водку пьют микроскопическими дозами. Все равно что из крышек от зубной пасты… (Dovlatov 2000, 104)"*
*Die Übersetzung von Anne Hultsch: „Die Amerikaner sind naiv, gefühllos, herzlos. Mit Amerikanern befreundet zu sein, ist unmöglich. Sie trinken den Vodka in mikroskopischen Dosen. Soviel wie aus dem Verschluß einer Zahnpastatube…“Quelle
Hier kann man das Buch runterladen.  
Bild-Quelle: amazon  

Die besten Trinkszenen oder besser gesagt die Betrunkenen-Szenen im Kino am Silvester kenne ich aus meiner Kindheit, und zwar zwei Fragmente aus dem sowjetischen Film "Die Ironie des Schicksals oder ... " ("Ирония судьбы, или с легким паром!"):




Mehr über die russische Küche, Rezepte und Literatur, sogar Poesie gibt es hier nachzulesen.

Granatapfelbaum

"Nicht wegen des nahenden Krieges, sondern aus einem anderen, unklaren Grund durchfuhr es mich manchmal im Innersten in jenem Herbst des Jahres 1947, vor lauter wehem Sehnen, vermischt mit tiefer Scham, dem sicheren Wissen bevorstehender Strafe und auch einem vagen Schmerz: Es war eine verbotene Sehnsucht, eine Sehnsucht durchtränkt mit Schuld und Kummer, nach den Labyrinthen jenes Obstgartens. Nach der Zisterne, die mit einer grünen Metallplatte abgedeckt war, nach dem fünfeckigen Zierbecken mit seinen himmelblauen Kacheln und dem Gold seiner Fische, die einen Moment im Sonnenlicht glitzerten und gleich wieder im Dicklicht der Wasserrosen verschwanden. Nach den weichen Kissen mit fein gewellten Spitzen. Nach den üppigen Teppichen mit den eingewebten Paradiesvögeln in paradiesischem Gezweig. Nach den Kleeblättern im Fensterglass, Blatt für Blatt mit eigenem Licht, ein Blatt rot, ein Blatt grün, ein Blatt golden, ein Blatt lila.
Und auch nach dem Papagei, dessen Stimme wie das Krächzen eines alten Rauchers klang: "Mais oui, mais oui, chère Mademoiselle", und nach einer Partnerin mit de Sopranstimme, die ihm glockenhell antwortete: "Tfaddal! S'il vous plait! Enjoy!"
Ich war doch einmal dort gewesen, in jenem Obstgarten, ehe ich schmächlich daraus vertrieben wurde, ich hatte ihn doch einmal mit Fingerspitzen berührt -
"Bass. Bass. Bass min fadlak. Uskut." "Genug. Genug. Genug bitte. Still."
Frühmorgen erwachte ich beim Duft des ersten Morgenlichts und sah durch die Ritzen des geschlossenen Eisenladens den Granatapfelbaum in unserem Hof. Dort, im Versteck jenes Grantapfelbaums, wiederholte jeden Morgen ein unsichtbarer Vogel präzise und mit leuchtender Fröhlichkeit die ersten fünf Töne der Melodie "Für Elise".
So ein redseliger Dummkopf, so ein lauter Dummkopf: Statt auf sie zuzugehen, wie der neue hebräische Mensch auf das edle arabische Volk oder wie ein Löwe, der sich zu Löwen gesellt, hätte ich doch einfach auf sie zugehen können wie ein Junge auf ein Mädchen? Oder nicht?"
Aus: Amos Oz, "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 2006, S. 536-537.

 

Line of Life with Golda Meir (1977)

30. Dezember 2015

The winter cherry

"Семья, она как Родина, просто должна быть! Иначе в жизни нет никакого смысла!.."*

Was für Melancholie befiel mich, als ich mir den fast postsowjetischen Film "Die Winterkirsche" ("Zimnjaja vishnja") aus dem Jahre 1985 angeschaut habe. Sie ist dreißig, erzieht einen kleinen Sohn allein und liebt einen verheirateten Mann, der ihr Arbeitskollege ist. Natürlich kann daraus nichts Gutes werden. Ein Verheirateter wird seine Frau nie verlassen. Aber nur das russische Kino kann die verletzliche, die hoffende, das Glück suchende weibliche Seele derart fein zeigen. Es hat mich fast zerrissen... Der Realismus tut weh, aber es ist trotzdem schön in seiner Wahrheit und Musik. Vielleicht muss man sich das manchmal direkt, mit der Axt vor Augen führen.

(Das Video lässt sich auf youtube anschauen, bitte auf den entsprechenden Link auf dem Bildschirm klicken.)


Den Film in voller Länge bietet Lenfilm offiziell hier zum Schauen an. Auch die weiteren 2 Teile, die sehr gut den Zustand im Land und die sozialen Verhältnisse dort kurz vor und bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigten.

*Übersetzung aus dem Russischen von mir: "Die Familie, sie ist wie Heimat, soll einfach sein! Andernfalls hat das Leben keinen Sinn!.."

Godiva

John Collier "Lady Godiva" (ca. 1898), via Wikimedia Commons
"Godiva ist Gegenstand einer Legende, die seit dem 13. Jahrhundert belegt ist: Das Volk litt unter der Steuerlast, für die ihr Ehemann verantwortlich war. Lady Godiva ertrug es nicht, die Menschen leiden zu sehen. Sie bemühte sich, ihren Mann dazu zu überreden, die Steuerlast zu senken. Er erwiderte, er würde die Steuern erst senken, wenn sie nackt durch die Stadt reitet. Denn Leofric rechnete nicht damit, dass seine Frau tatsächlich den Mut aufbringen würde, ohne Bekleidung durch die Stadt zu reiten, damit es dem Volk besser geht. Leofric, vom Mut seiner Frau beeindruckt, habe daraufhin alle Steuern erlassen, außer jene auf Pferde." wikipedia

Alfred Tennyson "Godiva"
I waited for the train at Coventry;
I hung with grooms and porters on the bridge,
To watch the three tall spires; and there I shaped
The city's ancient legend into this:
Not only we, the latest seed of Time,
New men, that in the flying of a wheel
Cry down the past, not only we, that prate
Of rights and wrongs, have loved the people well,
And loathed to see them overtax'd; but she
Did more, and underwent, and overcame,
The woman of a thousand summers back,
Godiva, wife to that grim Earl, who ruled
In Coventry: for when he laid a tax
Upon his town, and all the mothers brought
Their children, clamoring, "If we pay, we starve!"
She sought her lord, and found him, where he strode
About the hall, among his dogs, alone,
His beard a foot before him and his hair
A yard behind. She told him of their tears,
And pray'd him, "If they pay this tax, they starve."
Whereat he stared, replying, half-amazed,
"You would not let your little finger ache
For such as these?" -- "But I would die," said she.
He laugh'd, and swore by Peter and by Paul;
Then fillip'd at the diamond in her ear;
"Oh ay, ay, ay, you talk!" -- "Alas!" she said,
"But prove me what I would not do."
And from a heart as rough as Esau's hand,
He answer'd, "Ride you naked thro' the town,
And I repeal it;" and nodding, as in scorn,
He parted, with great strides among his dogs.
So left alone, the passions of her mind,
As winds from all the compass shift and blow,
Made war upon each other for an hour,
Till pity won. She sent a herald forth,
And bade him cry, with sound of trumpet, all
The hard condition; but that she would loose
The people: therefore, as they loved her well,
From then till noon no foot should pace the street,
No eye look down, she passing; but that all
Should keep within, door shut, and window barr'd.
Then fled she to her inmost bower, and there
Unclasp'd the wedded eagles of her belt,
The grim Earl's gift; but ever at a breath
She linger'd, looking like a summer moon
Half-dipt in cloud: anon she shook her head,
And shower'd the rippled ringlets to her knee;
Unclad herself in haste; adown the stair
Stole on; and, like a creeping sunbeam, slid
From pillar unto pillar, until she reach'd
The Gateway, there she found her palfrey trapt
In purple blazon'd with armorial gold.

Then she rode forth, clothed on with chastity:
The deep air listen'd round her as she rode,
And all the low wind hardly breathed for fear.
The little wide-mouth'd heads upon the spout
Had cunning eyes to see: the barking cur
Made her cheek flame; her palfrey's foot-fall shot
Light horrors thro' her pulses; the blind walls
Were full of chinks and holes; and overhead
Fantastic gables, crowding, stared: but she
Not less thro' all bore up, till, last, she saw
The white-flower'd elder-thicket from the field,
Gleam thro' the Gothic archway in the wall.

Then she rode back, clothed on with chastity;
And one low churl, compact of thankless earth,
The fatal byword of all years to come,
Boring a little auger-hole in fear,
Peep'd -- but his eyes, before they had their will,
Were shrivel'd into darkness in his head,
And dropt before him. So the Powers, who wait
On noble deeds, cancell'd a sense misused;
And she, that knew not, pass'd: and all at once,
With twelve great shocks of sound, the shameless noon
Was clash'd and hammer'd from a hundred towers,
One after one: but even then she gain'd
Her bower; whence reissuing, robed and crown'd,
To meet her lord, she took the tax away
And built herself an everlasting name.
[Quelle]

30. August 2015

Gedanken, Gedanken

Als ich die Bilder von den ertrunkenen syrischen Kindern zufällig auf Facebook erhascht hatte, verfolgten sie mich noch stundenlang in meinem Kopf. Ich werde hier definitiv nichts zum Thema schreiben. Es wird genug überall berichtet, beschuldigt, gekotzt und ermutigt etc., etc. Die Lösung für das Flüchtlingsproblem in Europa liegt aber definitiv nicht nur im Hilfewollen und der Beseitigung von Fremdenhass (der nicht zu beseitigen ist, so ist eben der Mensch) und das ist das, woran ich innerlich scheitere. Ich, die der ganzen Welt helfen wollen würde, werde hier aber still, denn ich komme an meine Grenze der Vernunft. Und daher tut es weh. Aber helfen müssen wir, denn es ist die menschliche Pflicht.

Leon Engländer schreibt auf:
"Ich verstehe diese Debatte mal wieder nicht. Oder doch, ich verstehe sie und sie ist so typisch deutsch, dass sie mir auf den Geist geht. Die einen schreien: "Macht die Grenzen dicht und schmeißt sie alle raus!", was beweist, dass unsere Bildungspolitik noch stärker versagt hat als die Asylpolitik. Die anderen rufen: "Lasst sie alle rein!", verraten aber nicht, wer das bezahlen soll.
 Dabei scheint es so einfach: Menschen, die zu uns kommen, weil ihr Leben bedroht ist, muss geholfen werden. Ohne Wenn und Aber! Menschen die "nur" kommen, weil sie sich bei uns eine bessere wirtschaftliche Zukunft erhoffen, müssen willkommen geheißen werden, wenn sie – wie in vielen anderen Ländern der Welt auch – beweisen, dass sie was auf dem Kasten haben. Jene, die aber nur kommen, um Sozialleistungen zu kassieren, fliegen raus."weiter lesen

Und Broder setzt weiter fort: 
"(...) Was wir derzeit importieren, sind nicht nur "ethnische", also kulturelle und religiöse Konflikte, sondern, um mit Marx zu reden, auch eine "industrielle Reservearmee", für die es keine Beschäftigung gibt und keine geben wird, das Lumpenproletariat von morgen und übermorgen. Was unser Urteilsvermögen trübt, sind die Bilder, die wir täglich sehen: von der griechisch-mazedonischen Grenze, aus Calais am Ärmelkanal, aus Freital und Heidenau in Sachsen.
Wer angesichts solcher Bilder kein Mitleid empfindet, der hat kein Herz, wer aber nur Mitleid empfindet, von dem er sich mit einer Spende befreit, der hat keinen Verstand.(...)" weiter lesen
Quentin Quencher:
"(...) Im Prinzip gibt es nur drei grundsätzliche Lösungen in der Flüchtlingsfrage. Die erste wäre, dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht mehr ihre Heimat verlassen möchten. Das hieße, dort für Rechtssicherheit und Frieden zu sorgen, für wirtschaftliche Perspektiven ebenso. Wie so was gemacht werden könnte, in kurzer Zeit noch dazu, kann ich mir selbst in der Phantasie nicht ausmalen. Selbst solche gutgemeinten Dinge wie Entwicklungshilfe bleiben regelmäßig erfolglos, weil in den Ländern aus denen die Menschen fliehen wollen, Korruption, Vetternwirtschaft oder organisierte Kriminalität jegliche positive Entwicklung regelmäßig im Keim ersticken. Wir müssten dort quasi als Besatzungsmacht auftreten um die bisherigen Strukturen zu zerschlagen. Auch hier kann ich mir nicht vorstellen, wie dies aussehen könnte.

Also bleibt nur Lösung Nummer zwei, den Menschen den Zutritt zur EU zu, beziehungsweise zu Deutschland, zu verweigern. Dies wird menschliche Tragödien zur Folge haben, doch nur so kann dem Flüchtlingsstrom Einhalt geboten werden. Werden die Grenzen nicht gesichert, wird sich die unkontrollierte und unkontrollierbare Zuwanderung weiter verstärken, da jeder aufgenommene und jeder geduldete Zuwanderer weitere nachzieht.

Diese Zuwanderung nicht zu begrenzen, wäre die dritte grundsätzliche Lösung, mit Folgen allerdings, die ich hier ebenfalls nicht ausmalen möchte.

Die Zeit der Illusionen ist vorbei, auch wenn sie immer wieder durch solche Vorschläge wie denen von einem Einwanderungsgesetz genährt werden. Es würde nichts an der Situation in den Herkunftsländern ändern, weshalb der Auswanderungsdruck der gleiche bliebe. Für uns ist es natürlich ein Einwanderungsdruck. Letztlich ist dies die Kernfrage: Wie gehen wir mit diesem Druck um? Halten wir ihm stand, geben wir ihm nach oder sorgen wir für einen Druckausgleich. Jede dieser drei prinzipiellen Möglichkeiten hat Konsequenzen die uns bitter aufstoßen. Wird Zeit, dass ehrlich darüber gesprochen wird, anstatt Wischi-Waschi-Vorschläge von einem Einwanderungsgesetz als Lösungsmöglichkeit zu bringen." weiter lesen

Katharina Szabo:
"(...) Seit publik wurde, dass ein muslimischer Lynchmob einen Mitbewohner des Asylheimes im thüringischen Suhl erschlagen wollte, da dieser angeblich eine Seite aus einem Koran gerissen hatte, wissen wir aber, dass nicht nur Flüchtlinge zu uns kommen, sondern auch deren Verfolger. Männer, die die Verletzung einer gedruckten Ausgabe ihres heiligen Buches mit sofortigem Mord im Rudel beantworten, die sich in der Überzahl der Vielen auf einen einzelnen Schwachen stürzen, um ihn zu vernichten. Menschen, die keine Ahnung vom Recht auf körperliche Unversehrtheit haben oder der Gleichheit von Mann und Frau, denen Religionsfreiheit, der Schutz von Kindern oder das Recht auf freie Meinungsäußerung nichts bedeutet. Wird man sie schnell in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren können? Und wird man Vorkommnisse dieser Art künftig verhindern, indem man sie anlügt, wie der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow, als er vollmundig behauptete, das Schänden eines Korans würde in Deutschland nicht geduldet?

Oder soll man ihnen lieber gleich reinen Wein einschenken und sie wissen lassen, dass das Schänden von Menschenkörpern in unserem Land nicht geduldet wird, das Schänden heiliger Bücher aber geradezu zum guten Ton gehört? Dass Muslime durchaus zu Deutschland gehören, aber niemals das Kalifat? Wie werden sie reagieren? Enttäuscht? Dies alles sind Fragen, die man besser nicht stellen sollte. (...)"
weiter lesen

Der kleine Einwanderer Shteyngart

Ein sehr witziges Interview gab es mit Gary Shteyngart in der NZZ zu seinem neuen Buch "Kleiner Versager" (engl. "Little Failure"), das ich unbedingt lesen möchte.
"(...)
Der amerikanische Traum, den Ihre Eltern für Sie träumten, war der einer Karriere als Jurist. Dabei war Kultur in Ihrem Zuhause wichtig. Ihre Mutter unterrichtete Klavier, Ihr Vater wollte einmal Opernsänger werden. Warum fiel es Ihren Eltern so schwer, zu akzeptieren, dass ihr Sohn Schriftsteller sein wollte?

Schriftsteller wurde nicht als Beruf angesehen. Man kann Schriftsteller werden wie Tschechow, der aber war zunächst einmal Arzt. Meine Eltern stellten sich immer vor, dass Schreiben mein Hobby sein würde – nachdem das Geld anderweitig verdient worden sei. Doch sie machten gerne Witze, auch politische. Ohne sie wäre es nicht leicht gewesen, satirische Literatur zu schreiben.

Sie erzählen im Buch, wie Ihre Grossmutter Galja Sie zu Ihren ersten Schritten als Autor ermutigte. Sie sagte: «Warum schreibst du nicht selbst einen Roman?»

Ja, sie meinte: «Du kannst das!» Ich war fünf Jahre alt. Und ich liebte Lenin. Es gab in der Nähe unseres Hauses diese riesige Lenin-Statue, wahrscheinlich die grösste in Leningrad. Wir nannten ihn den «Latino-Lenin», weil er so aussah, als ob er gleich anfangen würde zu tanzen. Also schrieb ich ein Buch mit dem Titel «Lenin und seine magische Gans». Meine Grossmutter war schlau. Sie wusste, dass Schriftsteller ermutigt werden müssen. Also bezahlte sie mich mit sowjetischem Käse. Für jede Seite ein kleines Stück. Und ich verfasste einen sehr politischen Roman: Lenin und die Gans fallen zusammen in Finnland ein, starten eine sozialistische Revolution – und später isst Lenin die Gans. (...)" weiter lesen

Wunderbar ist der Buch-Trailer mit dem Autor:

4. Dezember 2014

Outer Space

... Faszination Weltraum. Ich freue mich auf diese Ausstellung in Bonn, die noch bis zum 22. Februar offen sein wird.


Zwei Versuche

Peter Härtling (*1933, Chemnitz)

ZWEI VERSUCHE, MIT MEINEN KINDERN
ZU REDEN

I

Ich wollte dir erzählen,
mein Sohn,
im Zorn
über deine scheinbare
Gleichgültigkeit,
über die eingeredete
Fremde
zwischen uns,
wollte ich dir erzählen,
zum Beispiel,
von meinem Krieg,
von meinem Hunger,
von meiner Armut,
wie ich geschunden wurde,
wie ich nicht weiterwußte,
wollte dir
deine Unkenntnis
vorwerfen,
deinen Frieden. .
deine Sattheit,
deinen Wohlstand,
die auch
die meinen sind,
und während ich schon
redete,
dich mit Erinnerung
prügelte,
begriff ich, daß
ich dir nichts beibrächte
als Haß und Angst,
Neid und Enge,
Feigheit und Mord.
Meine Erinnerung ist
nicht die deine.
Wie soll ich
dir das Unverständliche erklären?
So reden wir
über Dinge,
die wir kennen.
Nur wünsche ich
insgeheim,
Sohn, daß du, Sohn,
deinem Sohn
deine Erinnerung
nicht verchweigen mußt,
daß du
einfach sagen kannst:
Mach es so
wie ich.
versuche
zu kämpfen,
zu leben,
zu lieben
wie ich,
Sohn.
 
II

Ich wollte dir erzählen,
meine Tochter,
von meiner ersten
Liebe,
von dem Schrecken
einer
fremden Haut,
von trockenen
suchenden
allmählich
feucht werdenden
Lippen,
vom Atem,
der einem
ausgeht,
von Wörtern,
die Luftwurzeln haben,
von der Sehnsucht,
für einen Augenblick
so zusammen
in der Mitte der Erde,
der Kugel Erde,
ruhen zu können,
der Kern,
um den alles
sich dreht.
Und am Ende.
Tochter,
roch ich unsern Schweiß,
die Mühe unserer
Liebe,
wie den von Fremden
und wußte.
daß Glück
so fremd riecht.
Du sollst es auch wissen,
Tochter.
 
[Quelle]

La terre outragée

Vor kurzem beeindruckte mich ein Film, den ich zufällig in einer abendlichen Müdigkeit auf arte erwischte. Ohne zu ahnen, worum es gehen würde, hörte ich auf einmal russische Sprache und danach wurde es mir klar. Ich gelang in meine Kindheit, in die Zeit, als alles Gefährliche noch gar nicht als solches erkennbar war. Ich konnte mich daran erinnern, dass mein Vater mir verboten hatte, damals im Frühling 1986, unter den Bäumen und Sträuchen zu spielen. Das Verstecken in den riesigen Büschen liebte ich aber so sehr und schlich mich trotzdem an das Ende unseres Gartens, um dort ganz klein unter den Blättern und Ästen zu verweilen, das Holz zu riechen...

Verwundete Erde. Ein so starker französischer Film, dass ich danach nicht mehr wusste, wo ich bin, warum und überhaupt. Die Hauptdarstellerin hieß natürlich Anja. Und die Regisseurin schien die überwältigende Kraft, welche z.B. Tarkowskij früher überbringen konnte, hier auf der Leinwand in meine Gefühle einzupflanzen. Ja, sie widmete sich dem schmerzhaften Thema, das auch mich nicht loslässt, was eine Heimat sei.



Auf arte selbst erfährt man ein wenig mehr über den Film (auch im Video am Anfang):
"Eindringliches Spielfilmdebüt der gebürtigen Israelin Michale Boganim: Die Katastrophe von Tschernobyl ist Ausgangspunkt für eine Geschichte, die weit über den konkreten Fall hinausgeht und zu einem kritischen Nachdenken über die Frage nach der Bindung an den Ort wird, der für Heimat und Verwurzelung steht. In den Hauptrollen: Olga Kurylenko und Andrzej Chyra." weiter lesen
Der Film wurde in der Tat an den Originalorten rund um Tschernobyl gedreht... (darüber lesen

Ich hatte auch die Möglichkeit, 1990 die Gegend zu besuchen, etwas entfernter vom Reaktor, als in einem Städtchen noch Menschen lebten, bevor man es zur toten Zone erklärte und alle Lebenden erst Jahre später nach dem Reaktorunglück endlich aussiedelte.... Da liegen meine Großeltern auf dem Friedhof in der toten, radioaktiven Zone. Da liegen paar Verwandte mehr in einem Massengrab des 2. Weltkrieges. Da hatte mein Vater seine ersten Schritte vor dem Krieg gemacht, meine Großeltern haben sich dort geliebt. Und jetzt wuchert die Radioaktivität ihre lebendigen Blüten hier. Es gibt einen bewegenden Bericht von jemanden, der die verlorene, bereits gestorbene, verseuchte Heimat meiner Familie besucht hatte: Poliske. Auf einem der Bilder ist das Mahnmal am Massengrab zu sehen, den ich eben erwähnte...

20. September 2014

Für den Frieden


Morgen, am 21. September'14,  findet in Moskau der Marsch des Friedens statt. 50.000 Teilnehmer werden erwartet. Michail Chodorkowski ruft auf seiner Webseite zur Teilnahme auf, und zwar auch mit den Gedichten! Ich sitze hier sprachlos, alles in mir ist verstummt und höre ihnen zu, es ist zu stark, zu menschlich, zu eindringlich sogar für mich... Mit den Gedichten für den Frieden!!! Nur die Russen können das.

(Wer Übersetzungen aus dem Russischen benötigt, wendet Euch an mich einfach, ich übersetze es)

Oksana Myssina liest Ossip Mandelstam "Der Himmel ist mit Zukunft schwanger"

Sergej Propazhin liest Wladimir Majakowski "Euch"

Zoya Swetowa liest Boris Sluzki

Kirill Kovbas liest Louis Aragon "Walzer der Zwanzigjährigen"

Aleksej Devottschenko liest Ossip Mandelstam "Die Ballade von einem unbekannten Soldaten"

Katja Heifetz liest Jacques Prevert "Familiäres"

Marusja Orel liest Faina Grimberg "Andrej Iwanowitsch kommt heim"


Tamara Eidelmann liest Wilfrid Owen

Videos via khodorkovsky.ru


PS: Am 24. September findet ein Russischer Abend mit Michail Chodorkowski in Berlin statt. Er erzählt über sein neues Projekt: die Bewegung "Offenes Russland", stellt sein neues Buch vor etc. Der Eintritt ist frei, aber erst nach einer Registirerung möglich. Alle Informationen sind hier zu finden.

30. April 2014

Eine andere Ukraine

Wer einen Einblick in den Osten der Ukraine bekommen möchte, hat mit diesem deutschen Film eine unglaublich schöne Gelegenheit dazu. Er zeigt das einfache Volk - die Schachtarbeiter in Donezk, aber auch die Elite nach der Orangenen Revolution, direkt, wie es ist, mit einer authentischen Prise Humor. Denn alle sind große Fußballfans. Ich persönlich hatte meine große Freude daran. Die Dokumentation lief gestern im ZDF und es hat mich überrascht, solch ein Meisterstück im Kleinen Fernsehspiel  zu entdecken.

"The Other Chelsea" (2011)
Online in der ZDF-Mediathek

31. Dezember 2013

Shabbat shalom oder Happy New

Augenblick 

Dich berühren mit dem Blick, 
Wenn die Augen schlafen. 
Rot im Wein beschmutzt dein Mund
Schmeckt nach Leben saftig. 

31. Dezember 2013
 

Als dieses Blog vor 7 Jahren öffentlich gemacht wurde, war es Neujahr und ich wünschte damals meinen Freunden, Lesern und jedem etwas Schönes mit den Briefen von Robert und Clara Schumann, wie auch mit ihrer Musik. Ich denke, ich setze diese Tradition in diesem Jahr wieder fort. Zumal zum Neujahr wünscht man den Anderen von ganzem Herzen ehrlich etwas.

Doch zunächst möchte ich all diejenigen, die es nicht betrifft, um Verzeihung für die nachfolgenden drei Absätze bitten. Da man aber zu ehrlichen Wünschen von ganzem Herzen verpflichtet sei, muss ich in den kommenden drei Absätzen zur Abwechslung endlich all den Personen zunächst gratulieren, dank deren Bemühungen meine letzten Jahre besonders besonders ausfielen. Meine Sprache darin entspricht überhaupt nicht meiner Art, aber ich muss, da einige von ihnen dieses Blog leider immer noch lesen und ich es nicht wünsche. Für alle Anderen geht es nach diesen drei Punkten weiter.

(1. Für den erniedrigenden Psychoterror an meinem ehemaligen Arbeitsplatz in Saarbrücken vor einem Jahr und besonders die Folgen, die ich physisch und in meinem Inneren davon trug, möchte ich vor allem den drei Kolleginnen, eingeschlossen meine Vorgesetzte, mit denen ich das Zimmer teilte, wünschen, dass jede von ihnen vom Leben das bekommt, was sie verdient. Vielleicht sogar einen Stalin oder einen Putin dazu. Auch paar anderen Kollegen aus jenem Unternehmen würde es nicht schaden.

2. Meinen nächsten ehemaligen Arbeitgebern - dem Ehepaar aus einer wunderschönen Designagentur in Darmstadt, das mit mir nach meinen Erlebnissen in Saarbrücken wie mit einem Spielzeug gespielt und mich in den innerlichen und finanziellen Ruin in diesem Jahr getrieben hatte, wünsche ich nicht weniger als Insolvenz und Scheidung. Ich wünschte, dass die Ehefrau, die mich gekonnt verbal herabsetzte, endlich erfährt, was ihr Mann direkt vor ihrer Nase hinter ihrem Rücken treibt. Dank euch weiß ich immerhin, wie hohl die Menschen sind, die Werbung gestalten, und wie viel wert ihre Worte sind. Man klopft an die äußere Schale derjenigen und hört nur das sinnentleerte Nichts hallen. So viel ist auch die Werbung wert.

3. Letztlich möchte ich den Männern, unter ihnen auch paar liberal-libertären, die mir nichts als Schmerz und furchtbare Einsamkeit brachten, die man nicht mal mit den Gedichten beschreiben kann, wünschen, dass sie ihr ... nie wieder hochkriegen oder es ihnen abfällt. Danke, dass ich so desillusioniert bin und auch wenn verbrannt, unglaublich zart und stärker, als je zuvor.
Lasst mich und dieses Blog für immer in Ruhe.)


All meinen anderen Lesern, einfach Menschen kann ich an dieser Stelle endlich ein wunderschönes, gesundes und emotionales neues Jahr 2014 wünschen, voller guter Begegnungen, Wunder und Einfälle. Trinken wir darauf, dass niemand uns je kleinkriegen und erniedrigen kann! Die Stärke und die Schönheit der einfühlsamen Seele sind größer!

Graffiti an einer Buchhandlung in Menden im Sauerland
Bild von Mbdortmund (Eigenes Werk) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

Dieses Jahr hatte mich mit drei Ereignissen besonders getroffen. Der Tod von Marcel Reich-Ranicki, der genauso alt wie mein Vater ist, brachte mich zu Tränen und tat weh, da ich den Gleichdenkenden verlor, den Gleichfühlenden, was deutsche Literatur und Heimat in Worten angeht, einen Menschen, der niemand Anderer war als ein einfacher Jude, der mir sehr nah war. Ich habe meinen Kritiker verloren, von dem ich leider nie gelesen werde und von dem ich erhoffte, aufgefordert zu sein, mich noch mehr im Schreiben zu üben, denn so viel Unglück würde ihn unwohl stimmen. Unter anderem über ihn schrieb außerordentlich präzise Maxim Biller in seinem für mich überraschend ehrlichen und selbstironischen Buch, das ich jedem empfehlen würde, "Der gebrauchte Jude" (danke an Fabian W.  für folgendes Zitat, das ich damals zufällig sah und welches mich zum überaus bereichernden Buch brachte, was die Gegenwart des Judentums in Deutschland angeht):
"In einem Moment seltener Verlangsamung von Zeit und Gedanken bemerkte ich plötzlich die Bücher. Marcel Reich-Ranicki frage mich, ob ich leben könnte von dem, was ich tue, und ich sagte Ja und guckte erstaunt über seine Schulter zum Regal, wo sie in acht, neun langen, überfüllten Reihen standen. Er allein hatte diese Bücher in den letzten fünf Jahrzehnten geschrieben - seit er wieder in Deutschland war, seit er das machen konnte, wovon er im Zug nach Polen 1938 geträumt hatte, wenn er nicht gerade Balzacs "Frau von dreißig Jahren" las, das einzige Buch, das er außer ein paar Kleidern und seinen wertlosen Judenpapieren mitnehmen durfte. Seine letzte Arbeit, die Kassetten mit den besten deutschen Romanen, Essays und Theaterstücken, wie er meinte, lagen quer in den Regalen, und auf jeder Kassette war ein Foto von ihm.[...] Aber ich dachte immer nur an die Bücher in den Regalen hinter ihm. Sie waren die Antwort, die ich von ihm brauchte, jetzt wurde es mir klar. Er, noch gottloser als mein Vater, der zumindest einmal im Jahr in die Synagoge ging, um die Lieder zu hören, die bei ihm zu Hause in Moskau im stibl heimlich gesungen wurden, er, dem Israel nicht näher war als New York oder Warschau, er, der nicht auf einem jüdischen Friedhof liegen wollte - er war der jüdischte Jude, den ich je treffen werde. Er hatte nur Worte, harte, schmetterlingszarte, spinozahafte klare Worte, mehr nicht, und keine Treppe zum Himmel, kein offenes Israelticket bei El Al. So schrieb er sich - Jude ist Jude - um sein Leben ins Leben hinein, nicht umgekehrt." (Maxim Biller, "Der Gebrauchte Jude")
Das zweite große Ereignis, das mich unbeschreiblich glücklich machte, war die Freilassung von Chodorkowski. Die verlorenen und die ihm gestohlenen Jahre wird man natürlich nicht mehr zurückerhalten, aber ich wünsche ihm nur das Beste, was ein freier Mensch erleben darf, soll und muss! Willkommen endlich in der Freiheit, lieber Michail Borissowitsch! Als das russische Fernsehen die sogar zu intimen Momente seiner ersten Begegnung mit seiner Mutter in Berlin zeigte, rührte es mich zutiefst.

Michail Chodorkowski, 2001
By PressCenter of M. Khodorkovsky and Pl. Lebedev [CC-BY-3.0], 
via Wikimedia Commons

Vor einigen Tagen am Freitag feierte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen richtigen Schabbat im Kerzenschein zu Hause. Zu zweit. Zunächst musste aber Bonn erkundet werden. Seit so vielen Jahren Leben hier erfuhr auch ich endlich selbst viel über seine über 2.000-jährige Geschichte, konnte einen Guide spielen und nicht nur von Anekdoten bezüglich Beethoven, sondern davon berichten, dass dank Napoleon, der zwar 20 Prozent Bonner Bevölkerung bei seiner Eroberung tötete, die Juden und Protestanten hier nach geltendem französischem Recht die gleichen Rechte erhielten. Oder die ehemalige Residenz des Kurfürsten - die heutige Universität - nach Zerstörungen drei Mal aufgebaut werden sollte. Damit zum Beispiel auch solche wie ich sie später absolvieren durften. Das Wetter konnte nicht frühlinghafter sein, außer als es um den Spaziergang zum Langen Eugen ging - ein Muss an jenem Tag. Der Wind hatte uns dahin fast fliegen lassen.

Ein schöner Bonn-Spaziergang im Winter, ausgerechnet zur Musik von Tum Balalajka, findet sich in diesem Video...


Schabbat... Dass ich es feierte, war das Ergebnis des oben erwähnten Buches von Maxim Biller. Nie hätte ich gedacht, dass ein feierlich begangener Freitagabend mich im Nachhinein auch noch derart erhellen wird. Endlich durfte dich die Heimat umarmen und nicht das ferne, reizende Hong Kong. Wir zündeten die Kerzen an, du lasest das Gebet, wir tranken aus dem selben Glas den Wein, die Challa schnittest du auf, das unkoschere Essen wärmten wir auf, das ich in Aufregung fast gänzlich auf dem Teller da liess, wir tranken sogar auf die Freiheit von Chodorkowski, die russischen Süßigkeiten und dein "r" im Klang deiner ersten Sprache, die du als Kind verlassen musstest, dein süßer Akzent, der mich immer lächeln lasst... Manchmal ist die Heimat doch sehr nah, nur fünf Millimeter entfernt...

Wir hörten uns hebräische Lieder an, die Psalmen, modern vertont mit Akon, und begrüßten dadurch Schabbat ("Lecha Dodi"). Am schönsten fand ich aber das Lied der Lieder - "Das Hohelied Salomos". Nie dachte ich, dass man bereits im Tanach so zärtlich sinnlich sein konnte... 

Benyamin Brody, Diwon & Dugans "Shir HaShirim", Yehi Razton (final prayer) (Danke an Esther für diese Musik)


Die Übersetzung findet man zum Beispiel bei dem Philosophen Martin Buber: "Das Lied der Lieder".

Ich wünsche Euch eine überwältigende Inspiration und ein glückliches Jahr! Ein spanischer Filmregisseur Alvaro de la Herran ließ sich von einem Buch inspirieren, das bis jetzt alle Ladentheken bereits bedeckt hatte, mich jedoch nicht interessierte. Das Video für die spanische Ausgabe des Männermagazins "GQ" fand ich dagegen alles Andere als nicht hinreißend...

"Mine"


Wir hören uns im Neuen Jahr. Bestimmt.
Gut Rosch also!

A.

23. August 2013

9. August 2013

Jewtuschenko

Der große russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko, der Autor des Gedichtes "Babij Jar", war 1991 zu Gast in der ukrainischen Zeitung "Kijewskaja Prawda". Ich übersetze ihn kurz aus seinem Interview: "Es war meine Pflicht vor dem Gedächtnis der Ermordeten... Ich hoffe, dass solange die Erinnerung an Babij Jar in unsere Herzen schlägt, es unmöglich sein wird, uns in dem Leben bis hin zu dem Gefühl der Überlegenheit einer Nation über die andere zu sinken... Ich betrachte den Antisemitismus als eine Art des Antipatriotismus, als Erniedrigung des Ansehens seiner eigenen Nation." 
[Danke an meinen Papa für diesen wunderbaren Hinweis.]

Ich musste tief schlucken, als ich mir die Rezitation von "Babij Jar" von Jewtuschenko selbst auf Russisch anhörte. Als er das Gedicht 1961 geschrieben hatte, brach er damit das lange Schweigen über die ganze Tragödie... und den Antisemitismus an sich. Und wer schwieg. Alle... Seine russische Seele hat es nicht ausgehalten und hat ein unvergessliches Stück Literatur erschaffen...

Hier liest er sein Gedicht auf Englisch (mit russischen Sequenzen):


Für Russischsprachige ist im nachfolgenden Video seine unglaubliche Lesung in der Originalsprache Russisch zu finden:


Zum Nachlesen ist die englische Übersetzung auch hier.
Große Sammlung seiner Gedichte und Prosa auf Russisch findet sich hier.