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31. Dezember 2015

Zerbrechlichkeit

John William Godward

Godward, Girl in a yellow drape, (1901), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, The Mirror, (1899), [Public Domain] via Wikimedia Commons



Godward, L'Oracle de Delphes, (1899), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, La tambourine, (1906), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, In the Tepidarium, (1913), [Public Domain], via Wikimedia Commons



Godward, Violets, sweet violet, (1906), [Public Domain], via Wikimedia Commons



Godward, Nude on the Beach, (1922), [Public Domain], via Wikimedia Commons

Endymion

Heinrich Heine  "In der Frühe"

Auf dem Fauxbourg Saint-Marçeau
Lag der Nebel heute Morgen,
Spätherbstnebel, dicht und schwer,
Einer weißen Nacht vergleichbar.

Wandelnd durch die weiße Nacht,
Schaut’ ich mir vorübergleiten
Eine weibliche Gestalt,
Die dem Mondenlicht vergleichbar.

Ja, sie war wie Mondenlicht
Leichthinschwebend, zart und zierlich;
Solchen schlanken Gliederbau
Sah ich hier in Frankreich niemals.

War es Luna selbst vielleicht,
Die sich heut bey einem schönen,
Zärtlichen Endymion
Des Quartièr Latin verspätet?

Auf dem Heimweg dacht ich nach:
Warum floh’ sie meinen Anblick?
Hielt die Göttin mich vielleicht
Für den Sonnenlenker Phöbus?

[Aus "Neue Gedichte", 1. Auflage 1844, S. 180-181, Quelle]

Jérôme-Martin Langlois "Diana and Endymion" (etwa 1822),  
aus: Web Gallery of Art, via Wikimedia Commons

30. Dezember 2015

Godiva

John Collier "Lady Godiva" (ca. 1898), via Wikimedia Commons
"Godiva ist Gegenstand einer Legende, die seit dem 13. Jahrhundert belegt ist: Das Volk litt unter der Steuerlast, für die ihr Ehemann verantwortlich war. Lady Godiva ertrug es nicht, die Menschen leiden zu sehen. Sie bemühte sich, ihren Mann dazu zu überreden, die Steuerlast zu senken. Er erwiderte, er würde die Steuern erst senken, wenn sie nackt durch die Stadt reitet. Denn Leofric rechnete nicht damit, dass seine Frau tatsächlich den Mut aufbringen würde, ohne Bekleidung durch die Stadt zu reiten, damit es dem Volk besser geht. Leofric, vom Mut seiner Frau beeindruckt, habe daraufhin alle Steuern erlassen, außer jene auf Pferde." wikipedia

Alfred Tennyson "Godiva"
I waited for the train at Coventry;
I hung with grooms and porters on the bridge,
To watch the three tall spires; and there I shaped
The city's ancient legend into this:
Not only we, the latest seed of Time,
New men, that in the flying of a wheel
Cry down the past, not only we, that prate
Of rights and wrongs, have loved the people well,
And loathed to see them overtax'd; but she
Did more, and underwent, and overcame,
The woman of a thousand summers back,
Godiva, wife to that grim Earl, who ruled
In Coventry: for when he laid a tax
Upon his town, and all the mothers brought
Their children, clamoring, "If we pay, we starve!"
She sought her lord, and found him, where he strode
About the hall, among his dogs, alone,
His beard a foot before him and his hair
A yard behind. She told him of their tears,
And pray'd him, "If they pay this tax, they starve."
Whereat he stared, replying, half-amazed,
"You would not let your little finger ache
For such as these?" -- "But I would die," said she.
He laugh'd, and swore by Peter and by Paul;
Then fillip'd at the diamond in her ear;
"Oh ay, ay, ay, you talk!" -- "Alas!" she said,
"But prove me what I would not do."
And from a heart as rough as Esau's hand,
He answer'd, "Ride you naked thro' the town,
And I repeal it;" and nodding, as in scorn,
He parted, with great strides among his dogs.
So left alone, the passions of her mind,
As winds from all the compass shift and blow,
Made war upon each other for an hour,
Till pity won. She sent a herald forth,
And bade him cry, with sound of trumpet, all
The hard condition; but that she would loose
The people: therefore, as they loved her well,
From then till noon no foot should pace the street,
No eye look down, she passing; but that all
Should keep within, door shut, and window barr'd.
Then fled she to her inmost bower, and there
Unclasp'd the wedded eagles of her belt,
The grim Earl's gift; but ever at a breath
She linger'd, looking like a summer moon
Half-dipt in cloud: anon she shook her head,
And shower'd the rippled ringlets to her knee;
Unclad herself in haste; adown the stair
Stole on; and, like a creeping sunbeam, slid
From pillar unto pillar, until she reach'd
The Gateway, there she found her palfrey trapt
In purple blazon'd with armorial gold.

Then she rode forth, clothed on with chastity:
The deep air listen'd round her as she rode,
And all the low wind hardly breathed for fear.
The little wide-mouth'd heads upon the spout
Had cunning eyes to see: the barking cur
Made her cheek flame; her palfrey's foot-fall shot
Light horrors thro' her pulses; the blind walls
Were full of chinks and holes; and overhead
Fantastic gables, crowding, stared: but she
Not less thro' all bore up, till, last, she saw
The white-flower'd elder-thicket from the field,
Gleam thro' the Gothic archway in the wall.

Then she rode back, clothed on with chastity;
And one low churl, compact of thankless earth,
The fatal byword of all years to come,
Boring a little auger-hole in fear,
Peep'd -- but his eyes, before they had their will,
Were shrivel'd into darkness in his head,
And dropt before him. So the Powers, who wait
On noble deeds, cancell'd a sense misused;
And she, that knew not, pass'd: and all at once,
With twelve great shocks of sound, the shameless noon
Was clash'd and hammer'd from a hundred towers,
One after one: but even then she gain'd
Her bower; whence reissuing, robed and crown'd,
To meet her lord, she took the tax away
And built herself an everlasting name.
[Quelle]

30. August 2015

Neue Zählung


Neue Zählung

2 Milliarden Tage unter falschen Händen,
3 Jahre mit kaum Geschmack im Mund.
4 Sekunden, seit unsere Augen sich küssten,
5 Schritte von deiner Tür zu meiner
heimlich,
Dein harter Schlag in mein Gemüt.


Love, ich will dich,
Einsamkeit ist nicht genug.

23.-30. August 2015



Alles in mir hört sich wie die Musik im sowjetischen Film "100 Tage nach der Kindheit" aus den 70ern an (ab der 14. Sek).

Mehr Gedichte: Meine Gedankenspiele 
Bild: Enthusiastischer Kuss, v. Pedro Ribeiro Simões, via flickr unter CC-Lizenz (CC BY 2.0)

18. März 2015

Wie Frühling riechen

William-Adolphe Bouguereau (1825-1905), "Spring Breeze", 1895, via Wikimedia Commons

* * *
Nachts begrüße ich die Töchter
Eines Sterns, der mich nicht tröstet.
Nachts bin ich in seinen Armen,
Wenn die Anderen verjagt sind.

Stehle ich mir seine Wangen,
Küsse windig seine Schönheit,
Unter meinen Lippen lebt er.
Er wacht auf und seine Augen - 
Die des Mannes, der mich möchte -
Bitten dunkel um das Feuer.

18. März 2015, abends 


5. Dezember 2014

Zarte Dunkelheit

Die Sonne küsste das Gewitter,
Des Himmels zarte Dunkelheit.
Ich roch die Nacht
In ihrer mehrenden Verzückung,
Von deinem Hemd in meiner Hand.

4. Dezember 2014



"Kiss" von See-ming Lee from Hong Kong SAR, China [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons



"Kiss" von See-ming Lee from Hong Kong SAR, China [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons



"Kiss" von See-ming Lee from Hong Kong SAR, China [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons


18. Januar 2014

Verstörte Küsse


John William Waterhouse, Lamia (second version) (1909), via Wikimedia Commons


Nacktfuß

Du wanderst nacktfuß durch den Winter

Auf einem Teppich aus dem Osten,
Durch Ornamente plätschert Wärme
Und dringt mit Schweiß in unsre Körper.
Wenn du mich wälzt durch alle Flüsse
In einem Bett aus Sand und Flößen,
Beiße mich fest in deine Hände,
In deinen Balg über dem Herzen,
Um Stille einer Nacht zu schützen.
Wir sind verletzlich ineinander,
In einem Mond, verstört mit Küssen.

16.-17. Januar 2014




Küsse

Das ganze Leben schmeckt  nach süßen Smarties,
Geklebt auf Spiegel und auf seine Brillen.
Ich koste Grüne an den Türen eines Zuges,
Im Dunkeln glimmen gelbe runde Augen der Katzen.
Manch rote Punkte bleiben in der Tüte für die Briefe -
Gequetscht am Boden einer Hängetasche,
Zerbrösele ich sie mit meinen Lippen
Und reibe auf den Umschlag anstatt Marken.

16.-17. Januar 2014


Davor: Sieben Minuten lang

    1. August 2013

    Lilith - II

    Paradies 

    Manchmal stelle ich mir vor,
    Als lebten keine andren Menschen. 
    Im Paradies… 
    Gäbe es nur zwei 
    Nur dich und mich. 

    Bedeckt von Pflanzen und der Wärme.
    Du wärest Reiseleiter weiser, 
    Der mich des Biblischen belehrt. 
    Ich wäre jung und unerfahren, 
    Mit feuchtem Haar 
    Dir Wangen glühend zuwendet. 
    Dein Körper gleicht einem von wilden Tieren. 

    Mein Land ist heilig. 
    Dies Land kennst du besser als ich. 

    06.-07. Juni 2013 




    Das Heilige in mir 

    Unter der Haut, 
    Mit deiner Hand unter ganz deinen Rippen 
    Berührtest du 
    Das Heilige in mir. 
    An jener Stelle war die Eva, deine Frau, 
    Dir entschnitten. 
    Fühle mein Herz, mein Schreiborgan, 
    Das dir dabei entglitten. 
    Es hat den Beat, 
    Den eigenartigsten von allen. 
    Es hat den Schmerz 
    Zur Melodie der Lebenszeit erklärt. 

    30. Juli 2013, zwischen 08:45 und 08:55 




    Zähne 

    Ich bin ganz dein, beschmückt mit Kränzen frischer Zähne, 
    Die du nie jagen gingst, von Löwen – gelb und grün. 
    Ich trage diese Blumen stolz um meine Haare. 
    Deine Blumen. 
    Gib mir nicht Rosen, auch gar keine Schwüre. 
    Deine Wärme. 
    Sei morgens da, wenn meine Lippen suchen. 
    Halte meine Füße. 
    Vergiss Vernunft und andere Parolen, 
    Die Frauen, geschart um dich. 
    Ich bin ganz dein, beschmückt mit Kränzen deiner Worte. 
    Sei morgens da, doch wenigstens im Brief. 

    30. Juli 2013, zwischen 08:45 und 08:55 



    Hast du gestern keine Kirschen im Bett entdeckt? Ich war neben dir, du bist im Gras bei unserem letzten Ausflug einfach eingeschlafen. Wir beide barfuß. Ich ließ einen nassen Pfirsich deine Brust nach unten gleiten. Ganz vorsichtig. Du schliefst so friedlich weiter… Und ich nahm einen Grashalm und streichelte deine Wange damit, doch träumtest du so fest, deine Lippen waren klein wenig offen. Du hättest nur meinen Geruch bemerkt und ließt deine Augen trotzdem noch zu…. Nach Blumen strömte es. Weil ich einen Blumenkranz geflochten hatte, aus Löwenzahn, und du ihn gar auf deinen Haaren trugst. Ich wollte dich wecken. Ich hatte ein Buch, ein leichtes Kleid, und wir hatten sogar einen alten Schallplattenspieler, den man mitnehmen kann und von Hand aufdrehen muss. Was wir hörten, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht weißt du es? Kannst du dich noch daran erinnern? Ich wollte dich wecken, mit einer kalten, dunkelgereiften Kirsche durch dein Gesicht führen, deinen ersten Blick sehen und deine Hand, die mich wie einen Geist wegstoßen wird, weil unerwartet für dich. Ich hätte deine Hand leicht gebissen… Deine verschlafenen, ungläubigen Augen hätte ich gern gesehen.


    Solche Musik, die dir keine Möglichkeit gibt, ihr zu entkommen, ist tückisch... Es gleicht einem Gefühl, das man doch endlich, endlich zur Erlösung kommen möchte, aber sie hält dich weiterhin im Zustand der Erregung fest und steigert ihn nur von Minute zu Minute.  Nimm die Kopfhörer nicht ab...

    Gramatik "Epic Destiny"


    Lilith... Vor anderthalb Monaten sah ich sie flüchtig und konnte seit dann nicht mehr vergessen. Wie verführerisch sie aussah, magisch war ihr Körper, ihre geschlossenen Augen verbargen Geheimnisse, die ich vorher gar nicht kannte... In einem Bildband. Das Buch hatte ich jemandem geschenkt, während ich selbst in meinem roten Kleid, das alles von mir preisgab und gleichzeitig bedeckte, die Augen Kölns einen Tag lang stehlen durfte... "Femme fatale: Faszinierende Frauen" (hier kann man in das Buch reinschauen).

    Bild: John Collier, Lilith, 1887, via wikipedia

    Danach las ich die Geschichte erster Frau Adams, die Lilith hieß. Es folgt nur der Anfang davon, ich empfehle wirklich dem Link zu folgen und den Midrasch zu Ende zu lesen. Nie hätte ich gedacht, eine derart starke Erzählung um die Rechte einer Frau im Religiösen zu finden:
    "Ein jüdisch-feministischer Midrasch zu den Jamim Noraim:
    Für eine Versöhnung mit Lilith
    von Marianne Wallach-Faller

    Jüdische Feministinnen verwenden gern die alte Form des Midrasch, um ihre Anliegen zu formulieren. Besonders um die Gestalt Liliths, der ersten Frau Adams (nach einer Interpretation des ersten Schöpfungsberichts), kreisen solche neuen Midraschim gern. Der folgende Midrasch übernimmt Elemente der alten Erzählungen um Lilith. Er schreibt aber auch den bekanntesten feministischen Midrasch weiter, Judith Plaskows "Das Kommen Liliths". 

    Am Anfang schuf Gott Adam und Lilith aus dem Staub der Erde und blies ihnen den Lebensatem ein. Da sie beide gleich erschaffen worden waren, waren sie einander in jeder Hinsicht gleichgestellt. Adam, als Mann, passte dies nicht, und er verlangte von Lilith, dass sie sich ihm unterordne. Lilith weigerte sich, rief Gottes heiligen Namen an und flog weg. Sofort beklagte sich Adam darüber bei Gott. Gott schickte drei Boten zu Lilith, um sie zur Rückkehr zu Adam aufzufordern. Sonst werde sie bestraft. Lilith aber wollte nicht mit einem Mann zusammenleben, der sie nicht als Gleichgestellte behandelte, und sie beschloss, dort zu bleiben, wo sie war. 
    Als Ersatz für Lilith „baute" (banah, 1. Mose 2. 22) Gott für Adam eine zweite Frau aus Adams Seite: Eva, die nun nicht mehr gleich wie Adam „erschaffen" (jazar, 1. Mose 2. 7), sondern als „eine Hilfe ihm gegenüber" „gebaut" wurde. Während des Schöpfungsprozesses wurde so, entgegen Gottes ursprünglichem Schöpfungsplan, die Frau verkleinert – so wie dies auch beim Mond gegenüber der Sonne geschehen war (Chullin 60 b)." auf hagalil weiter lesen

    Jüdische Frauen haben auch ein unabhängiges, feministisches und freidenkendes Magazin gegründet, das "Lilith" heißt.  

    30. Dezember 2012

    Ein Tag in...

    Wie fühlt sich Rodins Eva an und was ging in Salvador Dali vor, als er seinen Traum erschuf, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen... Frankfurt Ende Dezember fühlt sich wie ein verschlafener Frühling an, der vergessen hatte, seinen Wecker auf Winterzeit umzustellen. Die Meteorologen sind gescheitert, das Wasser zum Jahresende einzufrieren, jeder Versuch ist zwecklos und wird ihnen kläglich nicht gelingen. 

    Beeindruckendes Frankfurt

    Er hat ein wenig Wärme aus Tel Aviv - ein streng zu verzollendes Gemütsgut illegal eingeführt - und sie hat sie in sich vom Spätherbst aufbewahrt. Vom Bahnhof gelangt man zu Fuß über die Brücke zum Museumsufer. Der Main ist hoch und seine braune Brühe ohne Fettflecken bedeckt bereits manch Treppenstufen. Auf einmal wächst vor Augen das Bankenviertel auf der Gegenseite empor; auch wenn es nie die New Yorker Skyline übertreffen würde, gibt es ein gutes Gefühl des Wohlstandes des ganzen Landes wieder, fernab der Provinz, welcher sie den Rücken kehrt. Was tun die Menschen? Wie Ameisen auf der Promenade hin und her eilend, nutzen sie die erste Frühlingsluft zum Ausgehen aus. Dezember. Ihr kurzes Kleid ist unter der Jacke verschwunden und die Stiefel beschreiten fröhlich und ein wenig tanzend die Luft, den Stein, die Stadt, die noch so viele Geheimnisse birgt.

    Das Städel Museum öffnete seine Türen für die Erkenntnisse der modernen Kunst wie auch schwarzer, sehnsüchtiger und völlig irrationaler Romantik.

    Ein schöner Spaziergang durch die Epochen der Kunst erwartete zunächst in den wiedereröffneten Räumen der Sammlung "Kunst der Moderne". Die Liebhaber des Expressiven, Impressiven, Surrealen und völlig Futuristischen finden sich hier selbst in den beeindruckenden Werken wieder. Es ist sinnlos, all die Namen aufzuzählen, denn es sind die Künstler, ohne die man nicht leben kann.



    Dabei stolperte sie unvorsichtig über Auguste Rodin. Seine Eva in Menschengröße baute sich hinter ihrem Rücken auf, ohne dass sie die Figur vorher bemerkte. Der Wächter schaute sie bösartig an, doch die Skulptur blieb stehen... Sie stellte sich vor, wie der große Künstler sein Modell zunächst ängstlich und zart berührte, Maße von jedem ihrem Körperteil mit den Händen neugierig und fordernd ertastete, wie lebendig sie unter seinen Fingern atmete, lebte, sich wendete, wenn seine Berührungen intensiver wurden... bis sie in Bronze den Rücken der Besucherin streifte...
    "Voll des Staunens beschrieb Rilke später diese Skulptur: „Und die Eva, wie weit in die Arme hineingebogen, deren nach auswärts gewendete Hände alles abwehren möchten (auch den eigenen – sich verwandelnden Leib).“ Die Oberfläche der lebensgroßen Figur ist unruhig und gibt starke Lichtreflexe in den Raum hinein ab. Dies ist nicht nur dem unvollendeten Zustand der Arbeit geschuldet – die Schwangerschaft des Modells ließ keine Vollendung zu –, sondern auch dem ausdrücklichen Bestreben des Künstlers, das Licht in impressionistischer Weise über den Körper tanzen zu lassen." mehr
    Halbdunkler Raum, abgerundet, voller schwarzer Spiegel, inmitten die Sitzbänke. Halbschatten - Halblicht. So gelangt man in die dunkle Begierde, in die Nacktheit der "Schwarzen Romantik".



    "Vom 26. September 2012 bis 20. Januar 2013 zeigt das Städel Museum die große Sonderausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“. Erstmals widmet sich damit eine Ausstellung in Deutschland der dunklen Seite der Romantik und ihrer Fortführung im Symbolismus und Surrealismus. 
    ...
    Mit einem sowohl geografisch als auch zeitlich übergreifenden Ansatz, der Bezüge zwischen verschiedenen romantischen Zentren darlegt und komplexe ikonografische Entwicklungen vor Augen führt, will die Ausstellung das Interesse für die düsteren Aspekte der Romantik wecken und damit zu einem erweiterten Verständnis dieser Bewegung anregen. Viele der präsentierten künstlerischen Entwicklungen und Positionen resultieren aus einem erschütterten Vertrauen in ein aufgeklärtes, fortschrittliches Denken, das sich rasch nach der – als neues Zeitalter gefeierten – Französischen Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts ausgebreitet hat. Blutiger Terror und Kriege brachten Leid und den Zerfall gesellschaftlicher Ordnungen in weiten Teilen Europas. So groß die anfängliche Begeisterung war, so groß war auch die anschließende Enttäuschung, als sich die düsteren Facetten der Aufklärung in all ihrer Härte offenbarten. Nun widmeten sich junge Literaten und Künstler verstärkt der Kehrseite der Vernunft. Das Schreckliche, das Wundersame und Groteske machten dem Schönen und Makellosen die Vorherrschaft streitig. Der Reiz der Beschäftigung mit Sagen und Märchen und die Faszination für das Mittelalter traten dem Ideal der Antike gegenüber. Auch die heimische Natur gewann verstärkt an Anziehungskraft und wurde zum beliebten Motiv der Künstler. Dem hellen Licht des Tages begegneten der Nebel und die dunkle, geheimnisvolle Nacht."
    weiter lesen

    Über das aggressiv erotische Bild Dalis "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen" kann man hier (unter Audioguide (Hörproben) kurz hören und hier sehen und lesen.

    Von vielen Bildern inspiriert, blieb dieses besonders im Gedächtnis hängen:

    Franz von Stuck "Die Sünde" (1893)

    Wenn man den Tag bereits derart in die Kunst eingesogen angefangen hatte, war es wohl die logische Fortsetzung, dass die geworfene Münze zum Kinobesuch einlud. "Anna Karenina" von Joe Wright. Es war keine enttäuschende Filmvorstellung, jedoch völlig anders als gewohnt. Es war ein Stück Theater, das etwas gestellt, ein wenig künstlich auf der Kinoleinwand wirkte. 
    Sie beschlich danach der Gedanke, dass nur die Russen wohl im Stande wären, dieses Buch wirklich so darstellen zu können, wie es der Authentizität der russischen Seele und ihrer grenzenlosen Leidenschaft entsprechen würde. Schön und melancholisch waren aber im Film russische Volkslieder, Natur, russische Wörter, Motive, ein Kuss im Wald und die Liebesszene.
     

    Was das Buch angeht, kann man jedoch lieber auf die klassische Vorgängervariante mit Sophie Marceau als Anna verweisen. Die mitreißende Walzerszene ist hier zu sehen.

    Was hat Lewin am Ende des Filmes verstanden? Dazu musste sie das Buch selbst nach vielen Jahren in die Hand nehmen und letzte Abschnitte lesen:

    "-- А, ты не ушел? -- сказал вдруг голос Кити, шедшей тем же путем в гостиную. -- Что, ты ничем не расстроен? -- сказала она, внимательно вглядываясь при свете звезд в его лицо.
    Но она все-таки не рассмотрела бы его лица, если б опять молния, скрывшая звезды, не осветила его. При свете молнии она рассмотрела все его лицо и, увидав, что он спокоен и радостен, улыбнулась ему. 
    "Она понимает, -- думал он, -- она знает, о чем я думаю. Сказать ей или нет? Да, я скажу ей". Но в ту минуту, как он хотел начать говорить,она заговорила тоже.
    -- Вот что, Костя! Сделай одолжение, -- сказала она, -- поди в угловую и посмотри, как Сергею Ивановичу все устроили. Мне неловко. Поставили ли новый умывальник? 
    -- Хорошо, я пойду непременно, -- сказал Левин, вставая и целуя ее. 
    "Нет, не надо говорить, -- подумал он, когда она прошла вперед его. -- Это тайна, для меня одного нужная, важная и невыразимая словами. 
    Это новое чувство не изменило меня, не осчастливило, не просветило вдруг, как я мечтал, -- так же как и чувство к сыну. Никакого сюрприза тоже не было. А вера -- не вера -- я не знаю, что это такое, -- но чувство это так же незаметно вошло страданиями и твердо засело в душе. 
    Так же буду сердиться на Ивана кучера, так же буду спорить, буду некстати высказывать свои мысли, так же будет стена между святая святых моей души и другими, даже женой моей, так же буду обвинять ее за свой страх и раскаиваться в этом, так же буду не понимать разумом, зачем я молюсь, и буду молиться, -- но жизнь моя теперь, вся моя жизнь, независимо от всего, что может случиться со мной, каждая минута ее -- не только не бессмысленна, как была прежде, но имеет несомненный смысл добра, который я властен вложить в нее!" Lew Tolstoj "Anna Karenina"


    Bis bald, Frankfurt, du hast noch viele Geheimnisse, die es auf jeden Fall zu entdecken gilt. 

    1. August 2012

    Du atmest leise

    Ein schwüler Nachmittag zwang mich, ein Buch, Notizbüchlein und einen bereits angebissenen Apfel einzupacken und zum nahe gelegenen See zu fahren. Aus der Ferne glänzte seine Oberfläche wie ein frischpolierter Tisch, die Köpfe der Badenden schaukelten winzig, als ob gereifte Kirschen, versehns weggeschüttet, sich im Takt in dem undursichtigen Wasser bewegten. Im Gras mein großes Handtuch ausgebreitet, fühlte ich mich erleichtert, den Schatten finden zu können. Meinem Blick eröffnete sich eine sonst ruhige Stätte mit vielen Kindern und Studenten, die hier ihre Picknicks feierten. Ich blieb abseits von ihnen, genoss meine Einsamkeit und wollte erst später, wenn die Luft unerträglich stehen würde, das Wasser berühren.

    Vertieft in das Buch, dauerte meine Freiheit nicht lange. Ich spürte auf einmal kalte Stiche auf dem Rücken und erhob erschrocken meinen Kopf. Ein junger Mann, völlig nass, beugte sich über mein Gelesenes. Er nahm es, schlug neugierig auf: „Hier wird nicht gelesen“,  lachte er und entfernte sich. Dabei rief er aus dem Büchlein Heine laut heraus: 

    "Ich halte ihr die Augen zu
    Und küß sie auf den Mund;
    Nun läßt sie mich nicht mehr in Ruh,
    Sie fragt mich um den Grund."

    Zeit zu überlegen hatte ich nicht, es war ein Buch aus der Bibliothek, seine Art machte mich stutzig. Ich lief ihm barfuß hinterher und bemerkte nicht, als die Brennnessel mein rechtes Bein wie ein Schmetterling streifte. Es brannte und ich schrie auf. Er drehte sich um und lachte. Erstaunt bemerkte ich in der Weite das Schimmern zwischen den Bäumen, ein zweiter See war mir bis jetzt unbekannt gewesen.  Ich folgte dem Jungen, er hat sein Tempo meinem angepasst und war plötzlich verschwunden. Ich ging weiter und sah ihn in das Wasser springen. Am Ufer stehend, beobachtete ich seine graziösen Schwimmbewegungen. Er winkte mir zu. Ich lachte: „Nein, ich ertrinke.“ 

    Bild: Gustav Klimt, "Fischblut", 1898 (Quelle: wikipedia)

    „Hier kannst du nicht ertrinken, du spürst den Boden unter den Füssen.“ 
    Ich überlegte, was hatte ich zu verlieren. Meine Neugierde. Das Wasser berührte meine Beine, er beugte sich zu mir und seine Hand streifte die brennende  Stelle von Brennnessel. Ich erlaubte ihm, meine Hand zu nehmen und gefahrlos ins Wasser zu gehen. Er hatte glühend dunkle Augen, als ob er mich gleich anzünden würde. Zugleich schämte ich mich, ihn so angestarrt zu haben. Das Wasser reichte mir bis zu meinem Busen, ich spürte, wie seine Hand meinen Rücken rührte. „Entspann dich, ich bringe dir das Schwimmen bei“. Ich verstand nicht, wie ich einem völlig Unbekannten vertraute. Er schwamm eine Runde um mich und schaute mich an: „Beweg deinen Körper, wie ich.“  Ich spürte seine Arme, seine Brust, Beine, wie sie sich um meine schwangen und versuchte mich übers Wasser zu halten. Er neigte mich mit dem Rücken auf die Oberfläche und hielt mit seinen Armen. Es klappte nicht. „Du musst dich entspannen“, wiederholte er, „anders kann dich das Wasser nicht tragen“.  Seine Augen nährten sich meinen, seine Hand nahm mein Kinn sanft und führte zu seinen Lippen. Er küsste mich mit Verzögerung. Ich verstand nicht, was geschah. Es fühlte sich so an, als ob ich ein Kirschbaum wäre und jetzt die Blüten an meinem Körper überall kribbelnd aufgehen würden. Ich antwortete seinen Lippen, spürte das Wasser um mich höher, plötzlich verlor ich den Halt unter den Füssen. Er küsste mich weiter, mein Körper war eins mit dem See geworden...

    Auf einmal fühlte ich kalte Stiche auf dem Rücken und hob erschrocken meinen Kopf hoch. Ein kleines Mädchen hat mich gerüttelt und fragte, ob es mir gut gehen würde. Ich versuchte mich zu erinnern, wo ich war. Ich war am Strand eingeschlafen, schaute auf mein Bein, es gab keine Brennnessel-Spuren. Alles geträumt. Fast enttäuscht lächelte ich das Mädchen an. Bald würde es dunkel werden und ich beeilte mich, dabei fiel mein Blick auf das aufgeschlagene Buch. Neben dem Heine-Gedicht stand am Rande mit einer mir unbekannten Schrift mit dem Bleistift frisch gekritzelt: 

    In meinen Armen halte ich dich wie eine Engelsharfe
    Dein Haar umspielt dein goldenes Gesicht wie ein Wasserfall den Fels
    In deinen dunklen, traurigen Pupillen spinnst du ein zartes Netz aus Liebe
    Du atmest leise, in milden Wellen vor dich hin, ein Meer

    1. Mai 2012

    Non-Anständig °5

    Als deine Lippen meine riefen
    Und dein Geruch den meinen fand,
    Als deine Wünsche in den Fingern
    Mein Land entdeckten,
    Schwand die Scham.
    Von deinen Küssen tief betrunken,
    Erstickte ich im Schluchzen fast.
    Nimm mich in deine Arme, Wilder,
    Zerkratze meine Hülle mit den Ästen.
    Komm, ferner Jüngling, in die Nacht.

    01. Mai 2012

    William-Adolphe Bouguereau, Badende, 1870  [via Wikimedia Commons]


    Gioconda Belli

    Bedecken will ich
    Dein Geschlecht mit Äpfeln
    Mangonektar
    Erdbeerfleisch.

    Dein Körper ist Frucht.

    Umarm ich Dich, so rollen Mandarinen
    ich küsse Dich und alle Trauben
    ergießen den heimlichen Wein
    ihres Herzens
    auf meinen Mund.
    In Deinen Armen spürt meine Zunge
    den süßen Saft der Orangen
    In Deinen Beinen bewahrt der Granatapfel
    seinen erregenden Samen.

    Ich will die saftigen Früchte ernten
    die im Schweiße Deiner Poren reifen:

    Mein Mann aus Pfirsich und Limonen
    laß mich trinken aus den Quellen
    der Aprikosen, Bananen
    und Trauben aus Kirsch.

    Dein Körper ist das verlorene Paradies
    aus dem mich nie
    ein Gott wird vertreiben.
     [Quelle]

    20. April 2012

    Tanze mit mir


    Bild: Léon Samoilovitch Bakst "Model" [via Wikimedia Commons]


    Eddy Beuth  (ca. 1882/84 - Todesdatum unbekannt)
    Tanze mit mir!  
    Komm, tanze mit mir! In den Flackerschein
    meiner wilden Wünsche hüll ich Dich ein.
    Die Geigen locken so süß, so leis,
    ich bin so jung und ich bin so heiß
    und ich schenke Dir in der einen Nacht,
    was Deine Sehnsucht nie sterben macht.
    Tanze mit mir!

    Und lache mit mir und gieb mir Wein!

    In mein goldnes Märchenhaar spinn ich Dich ein.
    Ich bin so bleich - nun küsse mich rot,
    küß meine wühlende Sehnsucht tot,
    die in mir aufschluchzt mit zitterndem Laut.
    - Der, den ich liebe, - der küßt seine Braut.
    [Quelle]