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13. Januar 2017

Better than sex

Ein Lauf ums Leben, ein kleiner Tod, der wahre Jazz, der heute meine Schmerzensgrenze überschritten hatte. 

Abschlussszene aus "Whiplash"

24. September 2016

Mein ein

und auch mein alles?

Vor kurzem sah ich einen Film, in welchem mein vergangenes Leben mir selbst vor die Augen geführt wurde. Dabei improvisierten die Schauspieler, sie waren bloss unglaublich ehrlich mit den Gefühlen, die sie spielten, und sich selbst treu. Man wird einfach an die Wand gedrängt, in die Wand hinein, obwohl es gar nicht mehr weiter geht, und man daran zerbricht.



"Und der ist extrem glaubwürdig im Porträt einer Frau, die beinahe zugrunde geht am Versuch, sich zwischen den widersprüchlichen Signalen des von ihr geliebten Mannes nicht selbst zu verlieren. Sich nicht aufzulösen, weil sie ins Magnetfeld eines Narzissten geraten ist. Aus seiner Sicht ist sie zuletzt wohl nur eine Art Kollateralschaden.
Ihr wird der magere Trost bleiben, dass der Anfang wirklich, wirklich wunderschön gewesen ist. Eben zu schön, um wahr zu sein. Grandioser, gnadenloser, absolut sehenswerter Film." Johanna Adorjan über den Film in FAZ

Die Musik ist schön, aber warum muss im offiziellen Musikvideo eine Frau zu einer Sklavin werden? Mir wird dabei nicht gut zumute. Daher höre ich es mir nur an, ohne das Bild.

"Easy"

18. September 2016

Revolucion, mon amour

Gerade läuft auf arte ein unglaublich schöner Film "Soy Cuba". 
Ein sowjetischer und ein poetischer. 
(Es ist bestimmt noch 7 Tage auf arte online verfügbar, empfehle es jedem. Das ist das wahre Kino.)

31. Dezember 2015

Russische Küche und Kultur

Ein interessanter Sammelband ist an der Uni Potsdam von Norbert Franz herausgebracht worden: "Russische Küche und kulturelle Identität" (2013).
Aus der Buchbeschreibung:
"Nach sieben Jahrzehnten Sowjetunion sind die Russen in vielen ihrer Essgewohnheiten wieder zu den Traditionen der vorrevolutionären Zeit zurückgekehrt. Die Esskultur, die private wie die der Restaurants, hat wieder einen hohen Stellenwert, Kochbücher und Ratgeber in Fernsehen und Internet haben Konjunktur. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Sparte der Kultur hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Im Frühjahr 2010 fand an der Universität Potsdam die erste internationale und interdisziplinäre Tagung zum Thema „Russische Küche und kulturelle Identität“ statt. Der vorliegende Sammelband enthält viele der dort vorgestellten Beiträge in Aufsatzform. Es sind kultur- und literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu Essen und Trinken in Russland. Untersucht werden nicht nur die Bedeutung einzelner Speisen und Zubereitungsarten und die Mahlzeit als soziales Geschehen, sondern auch der Verzicht auf Nahrung, sei es freiwillig als Fasten, sei es erzwungen als Hunger. Eine andere Gruppe von Beiträgen geht der Rolle des Essens als literarischem Motiv nach, eine weitere bildlichen Darstellungen. Auch das Trinken wird bedacht. In der Kultur durchweg klar kodiert, eignen sich Essen und Trinken ganz besonders als literarische Zeichen, die in den Werken unterschiedlichste Funktionen übernehmen können. Als Ganzes eröffnen die Beiträge erste Durchblicke in ein großes und bislang oft vernachlässigtes Forschungsgebiet." Quelle
Aus dem Kapitel "Rituale des Trinkens in der Literatur" im Literarischen Trinken von Anne Hultsch:
"Die Ukrainer essen zu jedem Glas Schnaps etwas Nahrhaftes und Intensives, Speck zum Beispiel. Die Russen essen nichts dazu, riechen nur manchmal am Brot – ihrer Ansicht nach ist es hinausgeworfenes Geld, zum Wodka etwas zu essen. Er soll nicht schmecken, sondern wirken. Und die Chance darauf ist um so größer, je weniger gegessen wird. (Andruchowytsch 2005)
Американцы наивные, черствые, бессердечные. Дружить с американцами невозможно. Водку пьют микроскопическими дозами. Все равно что из крышек от зубной пасты… (Dovlatov 2000, 104)"*
*Die Übersetzung von Anne Hultsch: „Die Amerikaner sind naiv, gefühllos, herzlos. Mit Amerikanern befreundet zu sein, ist unmöglich. Sie trinken den Vodka in mikroskopischen Dosen. Soviel wie aus dem Verschluß einer Zahnpastatube…“Quelle
Hier kann man das Buch runterladen.  
Bild-Quelle: amazon  

Die besten Trinkszenen oder besser gesagt die Betrunkenen-Szenen im Kino am Silvester kenne ich aus meiner Kindheit, und zwar zwei Fragmente aus dem sowjetischen Film "Die Ironie des Schicksals oder ... " ("Ирония судьбы, или с легким паром!"):




Mehr über die russische Küche, Rezepte und Literatur, sogar Poesie gibt es hier nachzulesen.

Wo bist du, ferne Stadt

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Vollmond
Leise schwimmt der Mond durch mein Blut ...
Schlummernde Töne sind die Augen des Tages
Wandelhin – taumelher –

Ich kann deine Lippen nicht finden ...
Wo bist du, ferne Stadt
Mit den segnenden Düften?

Immer senken sich meine Lider
Über die Welt – alles schläft.


 
Aus dem Film von Claude Lelouch "Hasards ou coïncidences" ("Begegnung in Venedig") (1998)



Höre!
Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,  
Daß keine Weibin Trinken findet.  

Die dich umarmt,
Stiehlt mir von meinen Schauern,  
Die ich um deine Glieder malte.  

Ich bin dein Wegrand.  
Die dich streift,  
Stürzt ab.  

Fühlst du mein Lebtum  
Überall  
Wie ferner Saum?  
[über das Gedicht]


Deine rauhen Blutstropfen
Süßen auf meiner Haut.

Nenne meine Augen nicht Verräterinnen,
Da sie deine Himmel umschweben;

Ich lehne lächelnd an deiner Nacht
Und lehre deine Sterne spielen.

Und trete singend durch das rostige Tor
Deiner Seligkeit.

Ich liebe dich und nahe weiß
Und verklärt auf Wallfahrtzehen.

Trage dein hochmütiges Herz,
Den reinen Kelch den Engeln entgegen.

Ich liebe dich wie nach dem Tode
Und meine Seele liegt über dich gebreitet –

Meine Seele fing alle Leiden auf,
Dich erschüttern ihre schmerzlichen Bilder.

Aber so viele Rosen blühen,
Die ich dir schenken will;

O, ich möchte dir alle Gärten bringen
In einem Kranz.

Immer denke ich an dich,
Bis die Wolken sinken;

Wir wollen uns küssen –
Nicht?


Justin Peck und  Janie Taylor




Dem Barbaren
Ich liege in den Nächten
Auf deinem Angesicht.

Auf deines Leibes Steppe
Pflanze ich Zedern und Mandelbäume.

Ich wühle in deiner Brust unermüdlich
Nach den goldenen Freuden Pharaos.

Aber deine Lippen sind schwer,
Meine Wunder erlösen sie nicht.

Hebe doch deine Schneehimmel
Von meiner Seele –

Deine diamantnen Träume
Schneiden meine Adern auf.

Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel
Um meine bunte Haut.

Dich beglückt das erschrockene Rauschen
Meiner Muscheln.

Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.
O du!


Hallo, hallo, kannst du mich hören?..

Vor diesem Film kannte ich das Wort Mumblecore gar nicht. Es sind Independentfilme junger Regisseure mit einem sehr niedrigen Filmbudget, bei denen Schauspieler auch Laiendarsteller sind, die vor allem vor Kamera frei improvisieren, es wird nicht nachsynchronisiert, es sind Geschichten aus dem Leben, es ist intensiv und macht süchtig. Natürlich wusste ich nicht, dass der von mir gut geschätzte Regisseur Richard Linklater auch Mumblecorer in dem Sinne ist, sein Boyhood auch. (Mehr über Mumblecore und vor allem German Mumblecore.)

Als ich "Liebe mich!" sah, konnte ich nicht glauben, dass deutsches Kino so gut sein kann, wieder; es hat mich ziemlich mitgenommen. Das Mädchen ist mir in Einigem ähnlich, ihre fragile Einsamkeit unter den Menschen... Danach suchte ich nach dem Lied und war von ihm für einige Tage verschluckt worden.

"Regisseur Philipp Eichholtz über seinen Film:

LIEBE MICH! ist ein handgemachter Improvisationsfilm ohne großes Budget oder Filmförderung. Er entstand nach dem “Sehr gute Filme"-Manifest von Axel Ranisch und wurde mit einem sechsseitigen Drehbuch innerhalb von zehn Tagen in Berlin gedreht.

Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam. Ab und an trifft man auf Menschen, an denen man wächst. Für mich war Sarah so eine Person.


Nach drei Jahren Sehnsucht, Herzschmerz und Liebeskummer ist dieser Film ein Liebeserklärung an alle lauten, impulsiven und fordernden Menschen, die ihre Fehler und Macken offen und mutig nach außen tragen.
(...)

Am Ende kostete der Film 4000€. Ich bin jetzt pleite, konnte dafür aber meinen persönlichen Seelenfrieden mit der „echten" Sarah finden. Billiger als ein Psychiater. Leider werden Filme noch nicht von der Krankenkasse gefördert." mehr lesen
Das "Sehr gute Filme" - Manifest von Axel Ranisch:
Sehr gutes Manifest

"I. Ein sehr guter Film hängt nicht vom Budget ab. Er entsteht in Freiheit selbstbestimmt und unabhängig quasi von glücklichen Filmautoren. Sehr gute Filme sind die Bio-Produkte der Deutschen Filmlandschaft.
II. Sehr gute Filme entstehen von der Idee, über den Dreh, bis zum Schnitt in einem Schwung -
wie in einem einzigen, rauschhaften Arbeitsvorgang. Die Intuitionen ist ihr wichtigstes Werkzeug,
sie zu achten ihr oberstes Gebot.

III. Redakteure, Produzenten und Förderer dürfen und sollten sehr gutes Geld investieren. Eine inhaltliche Bevormundung aber ist kontraproduktiv. Sie würde den Arbeitsfluss empfindlich behindern und das scheue Pflänzchen Intuition vergiften.
IV. Eine sehr gute Komödie stellt immer die größtmögliche in den Mittelpunkt ihrer Handlung. Eine sehr gute Tragödie geht ans Herz, weil sie die Komik des Alltags nie aus den Augen verliert.
Sehr gute Filme sind beides : tragisch und komisch.

V. Das Drehbuch ist eine Bedienungsanleitung für die vielen Mitarbeiter eines Films.
Das Drehbuch ist aber auch ein Rasenmäher der Intuition. Ein sehr gutes Filmteam ist so klein, beweglich und spontan, dass es eine Bedienungsanleitung nicht benötigt. Es gleitet auf den Wellen
des Momentes. Sehr gute Schauspieler, Kameramänner, Regisseure und Produzenten können das.

VI. Sehr gute Filme sind Kinder einer intakten Filmfamilie. Sie entstehen aus Leidenschaft. Ihre Themen sind wahrhaftig, ihre Helden kommen aus der Nachbarschaft und trotzdem bewegen sie
sich zwischen Realismus und Fantasie, zwischen Alltag und Abstraktion.

VII. Sehr gute Filme sind nie länger als 90 Minuten, treten gern im Rudel auf, nehmen sich selbst nicht so wichtig, dürfen auch mal daneben gehen, machen Spaß, bereichern jedes Festival, sind musikalisch, politisch, einfach gestrickt und abgrundtief echt.
VIII. Sehr gute Filme sind mit nichts zu vergleichen. Sie sind in der ersten Einstellung als solche zu erkennen. Sie sind Rohdiamanten, kantig, charmant und extravagant. Sehr gute Filme haben keine Vorbilder. Sie wollen weder wie andere Filme sein, noch sich selbst wiederholen.
Jeder sehr gute Film hat das Recht sich gänzlich neu zu erfinden."
Ein weiterer guter Mumblecore-Film, der mein Herz eroberte, war "Love Steaks". Das wunderbare Spiel, eine Geschichte, die ungeduldig macht, ist fast unerträglich.



Diese Produktionsfirma hat die Schmuckstücke hervorgebracht und ich werde mir auf jeden Fall Weiteres von ihnen antun: Darling Berlin.

Aber auch das skandinavische Kino war immer mein Favorit. "Auf Anfang [:reprise]" erzählt über das Schicksal der jungen Schreibenden. Was ist es, ein Schriftsteller zu werden, was ist echte Freundschaft zwischen Männern, die Selbstzerstörung und die Liebe...


Obsession

Rohe Romantik in den 90ern in Berlin und Frankreich zeigt "Obsession" unverhofft gut. Ein wirklich ausgezeichneter Film, der nicht nur die Berliner Luft der damaligen Zeit aufgefangn hat, auch die Melancholie der schwarz-weißen Filmkunst der 20er, 30er, Musik und ganz unafgedrängt sogar das Urjüdische. Ein wenig die Verlorenheit, die verrückte Schönheit seiner Protagonisten sind unbeholfen und so authentisch. Er lebt und liebt dank ihnen. Noch nie klang das Wort "F*ck" schöner. Der verliebte Daniel Craig ist anders...


Granatapfelbaum

"Nicht wegen des nahenden Krieges, sondern aus einem anderen, unklaren Grund durchfuhr es mich manchmal im Innersten in jenem Herbst des Jahres 1947, vor lauter wehem Sehnen, vermischt mit tiefer Scham, dem sicheren Wissen bevorstehender Strafe und auch einem vagen Schmerz: Es war eine verbotene Sehnsucht, eine Sehnsucht durchtränkt mit Schuld und Kummer, nach den Labyrinthen jenes Obstgartens. Nach der Zisterne, die mit einer grünen Metallplatte abgedeckt war, nach dem fünfeckigen Zierbecken mit seinen himmelblauen Kacheln und dem Gold seiner Fische, die einen Moment im Sonnenlicht glitzerten und gleich wieder im Dicklicht der Wasserrosen verschwanden. Nach den weichen Kissen mit fein gewellten Spitzen. Nach den üppigen Teppichen mit den eingewebten Paradiesvögeln in paradiesischem Gezweig. Nach den Kleeblättern im Fensterglass, Blatt für Blatt mit eigenem Licht, ein Blatt rot, ein Blatt grün, ein Blatt golden, ein Blatt lila.
Und auch nach dem Papagei, dessen Stimme wie das Krächzen eines alten Rauchers klang: "Mais oui, mais oui, chère Mademoiselle", und nach einer Partnerin mit de Sopranstimme, die ihm glockenhell antwortete: "Tfaddal! S'il vous plait! Enjoy!"
Ich war doch einmal dort gewesen, in jenem Obstgarten, ehe ich schmächlich daraus vertrieben wurde, ich hatte ihn doch einmal mit Fingerspitzen berührt -
"Bass. Bass. Bass min fadlak. Uskut." "Genug. Genug. Genug bitte. Still."
Frühmorgen erwachte ich beim Duft des ersten Morgenlichts und sah durch die Ritzen des geschlossenen Eisenladens den Granatapfelbaum in unserem Hof. Dort, im Versteck jenes Grantapfelbaums, wiederholte jeden Morgen ein unsichtbarer Vogel präzise und mit leuchtender Fröhlichkeit die ersten fünf Töne der Melodie "Für Elise".
So ein redseliger Dummkopf, so ein lauter Dummkopf: Statt auf sie zuzugehen, wie der neue hebräische Mensch auf das edle arabische Volk oder wie ein Löwe, der sich zu Löwen gesellt, hätte ich doch einfach auf sie zugehen können wie ein Junge auf ein Mädchen? Oder nicht?"
Aus: Amos Oz, "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 2006, S. 536-537.

 

Line of Life with Golda Meir (1977)

30. Dezember 2015

The winter cherry

"Семья, она как Родина, просто должна быть! Иначе в жизни нет никакого смысла!.."*

Was für Melancholie befiel mich, als ich mir den fast postsowjetischen Film "Die Winterkirsche" ("Zimnjaja vishnja") aus dem Jahre 1985 angeschaut habe. Sie ist dreißig, erzieht einen kleinen Sohn allein und liebt einen verheirateten Mann, der ihr Arbeitskollege ist. Natürlich kann daraus nichts Gutes werden. Ein Verheirateter wird seine Frau nie verlassen. Aber nur das russische Kino kann die verletzliche, die hoffende, das Glück suchende weibliche Seele derart fein zeigen. Es hat mich fast zerrissen... Der Realismus tut weh, aber es ist trotzdem schön in seiner Wahrheit und Musik. Vielleicht muss man sich das manchmal direkt, mit der Axt vor Augen führen.

(Das Video lässt sich auf youtube anschauen, bitte auf den entsprechenden Link auf dem Bildschirm klicken.)


Den Film in voller Länge bietet Lenfilm offiziell hier zum Schauen an. Auch die weiteren 2 Teile, die sehr gut den Zustand im Land und die sozialen Verhältnisse dort kurz vor und bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigten.

*Übersetzung aus dem Russischen von mir: "Die Familie, sie ist wie Heimat, soll einfach sein! Andernfalls hat das Leben keinen Sinn!.."

Breathe in ... Chopin

Die Geschichte im Film "Breathe in" war an sich nichts Besonderes, aber das Spiel beider Protagonisten hat es mir angetan. Eines Lehrers (Guy Pearce) und einer Schülerin (Felicity Jones). Verbotenes Spiel am Klavier... in diesem Ausschnitt. Chopin, der am Anfang so ruhig zu sein scheint, ist es gar nicht. Ich will aber nichts verraten, schaut und hört es euch selbst an.


8. Oktober 2015

Sommer auf Raten

Die letzte Wärme, die letzte Feuchtigkeit des Sommers, der den Abschied nimmt. Oder ich. 

Was ist mit mir? Ich denke wieder an den Tod. Nicht der Sommer und nicht der Herbst sind Schuld daran. Verloren habe ich mich und bin aus dem Kalender gefallen, wie ein Polaroid-Bild, das ich mir vorgenommen hatte, jeden Tag abzureißen. Verschwunden in jemandem. Ich liebe, warum will ich dann sterben, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Tod als die einzige Möglichkeit, dem Schmerz zu entgehen. Tod als Erleichterung? Die Schwere, mit welcher er das Verliebtsein behängt hat, ist an den Wochentagen zu ertragen. Das Unzumutbare kommt immer am Freitag auf dem Weg nach Hause. Dann wird es tonnenschwer...

Ich sehe ihn und der Sommer in mir kommt hoch, das Fieber seines Rückblickes nimmt die Kraft und verwandelt mich entweder in sein willenloses Objekt oder zwingt zu völlig ungeahnten Möglichkeiten, in welche ich mich auch stürze... Oder gibt er mir die Kraft wieder? Der Kampf mit ihm um die Wärme des Sommers dauert bis in den Herbst hinein. Er gibt mir die Wärme und nimmt sie wieder weg. Aus dem Sommer formt er einen Herbstmantel um mich, der einerseits seine Wärme substituiert, um sie später aus mir aufzusaugen. Ein Blick nur, sein Blick fehlt gerade. Sein sommerlicher Blick, mit welchem er mich geküsst hatte, mit welchem er mich jedes Mal aus dem unsichtbaren Plastilin modelliert. Seine Hände, die alles von mir fanden, bis in den Schmerz. Wir sind im Krieg, im Krieg um die Liebe.

Seit Tagen sterbe ich an diesem Lied
Charles Aznavour "Une vie d'amour" (aus dem sowjetischen Film "Teheran 43")

... und auf Russisch von Aznavour, noch viel schöner...

5. Dezember 2014

Ohne Namen

Obsessiv

Mit deinen Lippen öffnest Grenzen,
In welche ich gewiesen bin.
Wie tätowiert  erwachen Träume
Auf meiner Haut,  in meinen Fasern,
Von meinen Schultern, wilden Wellen,
Zu deinen Knochen an den Händen.
Durch eine Lücke, eine kleine, in deinem Mund
Zwischen den Zähnen, fließen die Sterne -
Harte Körper -
In mich, mit einer ungewohnten Wärme.

Von deinem Himmel bis an meine Gräser.


03. - 04. Dezember 2014




Weitere Obsessionen sind im folgenden Lied zu hören...
Banks "Stick" (lyrics)

"“Stick” is a song off of Bank’s debut LP, Goddess. It’s a love song centered on lustful obsession.
As Banks described in one interview:

"Sometimes you need a growl. You need a heavy atmosphere. There’s no separation between electronic music and acoustic music. It’s all one thing. Each song has its own heartbeat. Each song has its own soul. The song: "Stick"? That needed to be chunky and sexy. It’s human. It’s human to be the girl in “Stick” and feel spicy as heck." Quelle

Danke an jemanden für das Lied und die Inspiration...

Ob es Liebe ist, fragen sich die beiden in "New York, I Love You". Bradley Cooper ist einer von denen...

4. Dezember 2014

La terre outragée

Vor kurzem beeindruckte mich ein Film, den ich zufällig in einer abendlichen Müdigkeit auf arte erwischte. Ohne zu ahnen, worum es gehen würde, hörte ich auf einmal russische Sprache und danach wurde es mir klar. Ich gelang in meine Kindheit, in die Zeit, als alles Gefährliche noch gar nicht als solches erkennbar war. Ich konnte mich daran erinnern, dass mein Vater mir verboten hatte, damals im Frühling 1986, unter den Bäumen und Sträuchen zu spielen. Das Verstecken in den riesigen Büschen liebte ich aber so sehr und schlich mich trotzdem an das Ende unseres Gartens, um dort ganz klein unter den Blättern und Ästen zu verweilen, das Holz zu riechen...

Verwundete Erde. Ein so starker französischer Film, dass ich danach nicht mehr wusste, wo ich bin, warum und überhaupt. Die Hauptdarstellerin hieß natürlich Anja. Und die Regisseurin schien die überwältigende Kraft, welche z.B. Tarkowskij früher überbringen konnte, hier auf der Leinwand in meine Gefühle einzupflanzen. Ja, sie widmete sich dem schmerzhaften Thema, das auch mich nicht loslässt, was eine Heimat sei.



Auf arte selbst erfährt man ein wenig mehr über den Film (auch im Video am Anfang):
"Eindringliches Spielfilmdebüt der gebürtigen Israelin Michale Boganim: Die Katastrophe von Tschernobyl ist Ausgangspunkt für eine Geschichte, die weit über den konkreten Fall hinausgeht und zu einem kritischen Nachdenken über die Frage nach der Bindung an den Ort wird, der für Heimat und Verwurzelung steht. In den Hauptrollen: Olga Kurylenko und Andrzej Chyra." weiter lesen
Der Film wurde in der Tat an den Originalorten rund um Tschernobyl gedreht... (darüber lesen) 

Ich hatte auch die Möglichkeit, 1990 die Gegend zu besuchen, etwas entfernter vom Reaktor, als in einem Städtchen noch Menschen lebten, bevor man es zur toten Zone erklärte und alle Lebenden erst Jahre später nach dem Reaktorunglück endlich aussiedelte.... Da liegen meine Großeltern auf dem Friedhof in der toten, radioaktiven Zone. Da liegen paar Verwandte mehr in einem Massengrab des 2. Weltkrieges. Da hatte mein Vater seine ersten Schritte vor dem Krieg gemacht, meine Großeltern haben sich dort geliebt. Und jetzt wuchert die Radioaktivität ihre lebendigen Blüten hier. Es gibt einen bewegenden Bericht von jemanden, der die verlorene, bereits gestorbene, verseuchte Heimat meiner Familie besucht hatte: Poliske. Auf einem der Bilder ist das Mahnmal am Massengrab zu sehen, den ich eben erwähnte...

30. April 2014

Eine andere Ukraine

Wer einen Einblick in den Osten der Ukraine bekommen möchte, hat mit diesem deutschen Film eine unglaublich schöne Gelegenheit dazu. Er zeigt das einfache Volk - die Schachtarbeiter in Donezk, aber auch die Elite nach der Orangenen Revolution, direkt, wie es ist, mit einer authentischen Prise Humor. Denn alle sind große Fußballfans. Ich persönlich hatte meine große Freude daran. Die Dokumentation lief gestern im ZDF und es hat mich überrascht, solch ein Meisterstück im Kleinen Fernsehspiel  zu entdecken.

"The Other Chelsea" (2011)
Online in der ZDF-Mediathek

16. Januar 2014

Sieben Minuten lang

Der erste Blick


Entrückt

Das Kino hat uns in der Dunkelheit umarmt,
Dicht deine Hand auf meine Haut pressend.
Wie blau färbt sich eine Sehnsucht ein.
Mein lautes vor Dummheit Herz
Hab' ich zur Stille überredet.

Blass tanzten
Tränen auf den Wangen - nur im Film.
Ich war ein Teil von ihm, du auch, wir beide sehend.
Du hast Gewässer salzig abgeleckt.
Sind wir vor Farbenfroheit um uns her nicht blind,
Gar nicht zu taub vor schrillem Schweigen glänzend?

Sie liebten sich vor uns, ich sah dich von der Seite an,
Wie schön du warst, entrückt in der Erregung eines Blaus.
Ich wollte dich da küssen, gar nicht sittlich.
Sie liebten sich sieben Minuten lang,
Und
ich dich während dessen.

Weißt du nicht mehr, wo meine Lippen waren?
Sie haben dich ertastet, dich berührt, ermannt.
Ganz neben mir warst du in mich versunken,
Das erste Mal wir beide, wir allein.
Benommen glitt ich zu dem Boden ab.

Das Licht im Saal war eingeschaltet.


15. Januar 2014



Dann wurde es plötzlich warm, es wurde blau. Seit einer Woche lebt sie in einem erregten Zustand, der nicht freilässt, nicht mal um zu essen, nachzudenken, vorwärts zu kriechen. 

Barszene


Er trug einen blauen Pulli und sie ein Schleifchen paar Töne heller, abgerissen von ihrer Unterwäsche und versteckt in ihrer hinteren Hosentasche, so eng an ihrem Körper, dass sie fühlen konnte, wie es den Jeansstoff durchbrennt. So einen Film erlebte sie noch nie. Sie sah sich selbst in den Großaufnahmen der Augen, der Lippen, ihres Schrittes und dessen, was in der Brust war. Die Gefühle ergossen sich bis in die hinteren Plätze, wo sie saßen, hinter ihnen ein lesbisches Paar; sie weinte zusammen mit Adele und wollte nicht, dass er sie so sieht, es floss aus ihr ungefragt heraus, sie verdrängte ihren Atem. Es war sie, da auf der Leinwand, verkörpert in ein junges Mädchen, in die Nacktheit jedes Geräusches im Raum, auf der Suche nach sich selbst. Wie schön und zugleich schmerzhaft diese Suche ist. Es wurden keine Genitalien seziert, auch nicht die Gefühle. Sie wurden gelebt, gelitten, gefühlt, gezeigt in einer Explosion, die einen überrollt und keinen Platz im Gehirn lässt, um über die Folgen nachzudenken. So entsteht ein Mensch, eine Frau, so stöhnt sie, wenn sie liebt. Erkannt hat sie sich mal in einer, mal in der anderen Frau. Weibliche Sexualität im Großformat und eine Liebe, die zur bitteren Enttäuschung oder eine unerwartete Erlösung werden kann. Die Suche nach Liebe ist auch die Suche nach sich selbst. Was ist Kunst, wer ist deine Muse. Die schönsten und längsten Szenen, seit es Kino gibt, nein, es war kein leerer Porno, es war wirklich schöner, unverblümter Sex in Lebensgröße. Er fühlte sich gut an, sie fühlte sich wieder als Frau, aufgeweckt dank dem Film, dank ihm drei Stunden in der Dunkelheit an ihrer Seite. Wenn sie ihn ansah, blickte er nach vorne, um sie anzuschauen, wenn sie ihren Kopf wieder zur anderen Seite drehte. Bis sie sich trafen.

Jetzt wusste sie, warum sie ihre Gedichte im Blog immer in blauer Farbe stehen liess...

Mehr Musik zum süchtigen Sein...:

1. Mr. Gnome "The Way" 
3. Slowdive "Crazy for you"
4. Toco "Samba Noir"
5. Saint privat "Un, Deux, Trois"

PS: blauisteinewarmefarbe

31. Dezember 2013

Shabbat shalom oder Happy New

Augenblick 

Dich berühren mit dem Blick, 
Wenn die Augen schlafen. 
Rot im Wein beschmutzt dein Mund
Schmeckt nach Leben saftig. 

31. Dezember 2013
 

Als dieses Blog vor 7 Jahren öffentlich gemacht wurde, war es Neujahr und ich wünschte damals meinen Freunden, Lesern und jedem etwas Schönes mit den Briefen von Robert und Clara Schumann, wie auch mit ihrer Musik. Ich denke, ich setze diese Tradition in diesem Jahr wieder fort. Zumal zum Neujahr wünscht man den Anderen von ganzem Herzen ehrlich etwas.

Doch zunächst möchte ich all diejenigen, die es nicht betrifft, um Verzeihung für die nachfolgenden drei Absätze bitten. Da man aber zu ehrlichen Wünschen von ganzem Herzen verpflichtet sei, muss ich in den kommenden drei Absätzen zur Abwechslung endlich all den Personen zunächst gratulieren, dank deren Bemühungen meine letzten Jahre besonders besonders ausfielen. Meine Sprache darin entspricht überhaupt nicht meiner Art, aber ich muss, da einige von ihnen dieses Blog leider immer noch lesen und ich es nicht wünsche. Für alle Anderen geht es nach diesen drei Punkten weiter.

(1. Für den erniedrigenden Psychoterror an meinem ehemaligen Arbeitsplatz in Saarbrücken vor einem Jahr und besonders die Folgen, die ich physisch und in meinem Inneren davon trug, möchte ich vor allem den drei Kolleginnen, eingeschlossen meine Vorgesetzte, mit denen ich das Zimmer teilte, wünschen, dass jede von ihnen vom Leben das bekommt, was sie verdient. Vielleicht sogar einen Stalin oder einen Putin dazu. Auch paar anderen Kollegen aus jenem Unternehmen würde es nicht schaden.

2. Meinen nächsten ehemaligen Arbeitgebern - dem Ehepaar aus einer wunderschönen Designagentur in Darmstadt, das mit mir nach meinen Erlebnissen in Saarbrücken wie mit einem Spielzeug gespielt und mich in den innerlichen und finanziellen Ruin in diesem Jahr getrieben hatte, wünsche ich nicht weniger als Insolvenz und Scheidung. Ich wünschte, dass die Ehefrau, die mich gekonnt verbal herabsetzte, endlich erfährt, was ihr Mann direkt vor ihrer Nase hinter ihrem Rücken treibt. Dank euch weiß ich immerhin, wie hohl die Menschen sind, die Werbung gestalten, und wie viel wert ihre Worte sind. Man klopft an die äußere Schale derjenigen und hört nur das sinnentleerte Nichts hallen. So viel ist auch die Werbung wert.

3. Letztlich möchte ich den Männern, unter ihnen auch paar liberal-libertären, die mir nichts als Schmerz und furchtbare Einsamkeit brachten, die man nicht mal mit den Gedichten beschreiben kann, wünschen, dass sie ihr ... nie wieder hochkriegen oder es ihnen abfällt. Danke, dass ich so desillusioniert bin und auch wenn verbrannt, unglaublich zart und stärker, als je zuvor.
Lasst mich und dieses Blog für immer in Ruhe.)


All meinen anderen Lesern, einfach Menschen kann ich an dieser Stelle endlich ein wunderschönes, gesundes und emotionales neues Jahr 2014 wünschen, voller guter Begegnungen, Wunder und Einfälle. Trinken wir darauf, dass niemand uns je kleinkriegen und erniedrigen kann! Die Stärke und die Schönheit der einfühlsamen Seele sind größer!

Graffiti an einer Buchhandlung in Menden im Sauerland
Bild von Mbdortmund (Eigenes Werk) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

Dieses Jahr hatte mich mit drei Ereignissen besonders getroffen. Der Tod von Marcel Reich-Ranicki, der genauso alt wie mein Vater ist, brachte mich zu Tränen und tat weh, da ich den Gleichdenkenden verlor, den Gleichfühlenden, was deutsche Literatur und Heimat in Worten angeht, einen Menschen, der niemand Anderer war als ein einfacher Jude, der mir sehr nah war. Ich habe meinen Kritiker verloren, von dem ich leider nie gelesen werde und von dem ich erhoffte, aufgefordert zu sein, mich noch mehr im Schreiben zu üben, denn so viel Unglück würde ihn unwohl stimmen. Unter anderem über ihn schrieb außerordentlich präzise Maxim Biller in seinem für mich überraschend ehrlichen und selbstironischen Buch, das ich jedem empfehlen würde, "Der gebrauchte Jude" (danke an Fabian W.  für folgendes Zitat, das ich damals zufällig sah und welches mich zum überaus bereichernden Buch brachte, was die Gegenwart des Judentums in Deutschland angeht):
"In einem Moment seltener Verlangsamung von Zeit und Gedanken bemerkte ich plötzlich die Bücher. Marcel Reich-Ranicki frage mich, ob ich leben könnte von dem, was ich tue, und ich sagte Ja und guckte erstaunt über seine Schulter zum Regal, wo sie in acht, neun langen, überfüllten Reihen standen. Er allein hatte diese Bücher in den letzten fünf Jahrzehnten geschrieben - seit er wieder in Deutschland war, seit er das machen konnte, wovon er im Zug nach Polen 1938 geträumt hatte, wenn er nicht gerade Balzacs "Frau von dreißig Jahren" las, das einzige Buch, das er außer ein paar Kleidern und seinen wertlosen Judenpapieren mitnehmen durfte. Seine letzte Arbeit, die Kassetten mit den besten deutschen Romanen, Essays und Theaterstücken, wie er meinte, lagen quer in den Regalen, und auf jeder Kassette war ein Foto von ihm.[...] Aber ich dachte immer nur an die Bücher in den Regalen hinter ihm. Sie waren die Antwort, die ich von ihm brauchte, jetzt wurde es mir klar. Er, noch gottloser als mein Vater, der zumindest einmal im Jahr in die Synagoge ging, um die Lieder zu hören, die bei ihm zu Hause in Moskau im stibl heimlich gesungen wurden, er, dem Israel nicht näher war als New York oder Warschau, er, der nicht auf einem jüdischen Friedhof liegen wollte - er war der jüdischte Jude, den ich je treffen werde. Er hatte nur Worte, harte, schmetterlingszarte, spinozahafte klare Worte, mehr nicht, und keine Treppe zum Himmel, kein offenes Israelticket bei El Al. So schrieb er sich - Jude ist Jude - um sein Leben ins Leben hinein, nicht umgekehrt." (Maxim Biller, "Der Gebrauchte Jude")
Das zweite große Ereignis, das mich unbeschreiblich glücklich machte, war die Freilassung von Chodorkowski. Die verlorenen und die ihm gestohlenen Jahre wird man natürlich nicht mehr zurückerhalten, aber ich wünsche ihm nur das Beste, was ein freier Mensch erleben darf, soll und muss! Willkommen endlich in der Freiheit, lieber Michail Borissowitsch! Als das russische Fernsehen die sogar zu intimen Momente seiner ersten Begegnung mit seiner Mutter in Berlin zeigte, rührte es mich zutiefst.

Michail Chodorkowski, 2001
By PressCenter of M. Khodorkovsky and Pl. Lebedev [CC-BY-3.0], 
via Wikimedia Commons

Vor einigen Tagen am Freitag feierte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen richtigen Schabbat im Kerzenschein zu Hause. Zu zweit. Zunächst musste aber Bonn erkundet werden. Seit so vielen Jahren Leben hier erfuhr auch ich endlich selbst viel über seine über 2.000-jährige Geschichte, konnte einen Guide spielen und nicht nur von Anekdoten bezüglich Beethoven, sondern davon berichten, dass dank Napoleon, der zwar 20 Prozent Bonner Bevölkerung bei seiner Eroberung tötete, die Juden und Protestanten hier nach geltendem französischem Recht die gleichen Rechte erhielten. Oder die ehemalige Residenz des Kurfürsten - die heutige Universität - nach Zerstörungen drei Mal aufgebaut werden sollte. Damit zum Beispiel auch solche wie ich sie später absolvieren durften. Das Wetter konnte nicht frühlinghafter sein, außer als es um den Spaziergang zum Langen Eugen ging - ein Muss an jenem Tag. Der Wind hatte uns dahin fast fliegen lassen.

Ein schöner Bonn-Spaziergang im Winter, ausgerechnet zur Musik von Tum Balalajka, findet sich in diesem Video...


Schabbat... Dass ich es feierte, war das Ergebnis des oben erwähnten Buches von Maxim Biller. Nie hätte ich gedacht, dass ein feierlich begangener Freitagabend mich im Nachhinein auch noch derart erhellen wird. Endlich durfte dich die Heimat umarmen und nicht das ferne, reizende Hong Kong. Wir zündeten die Kerzen an, du lasest das Gebet, wir tranken aus dem selben Glas den Wein, die Challa schnittest du auf, das unkoschere Essen wärmten wir auf, das ich in Aufregung fast gänzlich auf dem Teller da liess, wir tranken sogar auf die Freiheit von Chodorkowski, die russischen Süßigkeiten und dein "r" im Klang deiner ersten Sprache, die du als Kind verlassen musstest, dein süßer Akzent, der mich immer lächeln lasst... Manchmal ist die Heimat doch sehr nah, nur fünf Millimeter entfernt...

Wir hörten uns hebräische Lieder an, die Psalmen, modern vertont mit Akon, und begrüßten dadurch Schabbat ("Lecha Dodi"). Am schönsten fand ich aber das Lied der Lieder - "Das Hohelied Salomos". Nie dachte ich, dass man bereits im Tanach so zärtlich sinnlich sein konnte... 

Benyamin Brody, Diwon & Dugans "Shir HaShirim", Yehi Razton (final prayer) (Danke an Esther für diese Musik)


Die Übersetzung findet man zum Beispiel bei dem Philosophen Martin Buber: "Das Lied der Lieder".

Ich wünsche Euch eine überwältigende Inspiration und ein glückliches Jahr! Ein spanischer Filmregisseur Alvaro de la Herran ließ sich von einem Buch inspirieren, das bis jetzt alle Ladentheken bereits bedeckt hatte, mich jedoch nicht interessierte. Das Video für die spanische Ausgabe des Männermagazins "GQ" fand ich dagegen alles Andere als nicht hinreißend...

"Mine"


Wir hören uns im Neuen Jahr. Bestimmt.
Gut Rosch also!

A.

19. Oktober 2013

Poetry is a verdict, not an occupation

"Poetry is a verdict, not an occupation...Once the fire celebrated Light, the dirt Humility, the blood Sacrifice... Once, for a while, he seemed to serve something other than himself. Those were the only poems he ever wrote. They were for Shell. He wanted to give her back her body." (Roman "The Favourite Game", Leonard Cohen, Quelle)
Was für ein unerwarteter, unglaublicher Fund sah mich heute - die schwarz-weißen Filmaufnahmen des 30-jährigen Leonard Cohen. Er trägt Gedichte vor, lacht, lässt sich ganz intim im Bad filmen, heult, spricht über die Liebe, Frauen, Sexualität, alles...

"Ladies and Gentlemen... Mr. Leonard Cohen"
(von Donald Brittain und Don Owen, 1965)


"This informal black-and-white portrait of Leonard Cohen shows him at age 30 on a visit to his hometown of Montreal, where the poet, novelist and songwriter comes "to renew his neurotic affiliations." He reads his poetry to an enthusiastic crowd, strolls the streets of the city, relaxes in this three-dollar-a-night hotel room and even takes a bath."
"A lot of Donald's work was salvage jobs for other people, and that's how he came to do this film. Don Owen shot the tour of the four poets, couldn't get it to work and Brittain came in and saw that the only thing that worked was the Leonard Cohen segments.

The most interesting thing is the exploration of documentary truth, where Cohen writes in the bathtub, caveat emptor, and then the two of them sit in the theatre and Don questions him about that scene. It's an interesting exchange. The whole film is basically the two of them saying, "Don't believe everything you see just because it's documentary."

They stayed friends all their life. Cohen was at Don's funeral in tears. They recognized each other as authentic human beings. They lived the lives they wanted to lead. - by Adam Symansky" Quelle

Mein nächstes Buch zum zarten Verschlingen wird das bereits erwähnte "Das Lieblingsspiel" - sein Erstlingswerk über die großen Gefühle zum Mädchen namens Shell sein:
“I must go now."
"Stay up the night with me! We'll go to the fish market. There are great noble monsters packed in ice. There are turtles, live ones, for famous restaurants. We'll rescue one and write messages on his shell and put him in the sea, Shell, seashell. Or we'll go to the vegetable market. They've got red-net bags full of onions that look like huge pearls. Or we'll go down to Forty-second Street and see the movies and buy a mimeographed bulletin of jobs we can get in Pakistan --"
"I work tomorrow."
"Which has nothing to do with it."
"But I'd better go now."
"I know this is unheard in America, but I'll walk you home."
"I live on Twenty-third Street."
"Exactly what I'd hoped. It's over a hundred blocks.” 

Kein Beruf, auch keine Beschäftigung ist nicht nur die Poesie, auch mit der Liebe verhält es sich gleich, sie ist und bleibt ein Verdikt, denke ich... Die wahre Liebe... 

Im Film trug er dieses Gedicht vor:






As the mist leaves no scar
On the dark green hill
So my body leaves no scar
On you and never will

Through windows in the dark
The children come, the children go
Like arrows with no targets
Like shackles made of snow

True love leaves no traces
If you and I are one
It's lost in our embraces
Like stars against the sun

As a falling leaf may rest
A moment on the air
So your head upon my breast
So my hand upon your hair

And many nights endure
Without a moon or star
So we will endure
When one is gone and far

True love leaves no traces
If you and I are one
It's lost in our embraces
Like stars against the sun 




Zur Poesie und dem Sinn des Schreibens:

5. September 2013

Nur fünf Millimeter, nur schwarz-weiß

Ich schenke dir Flügel –
Flügel aus Sehnsucht.
Wagst du sie ausbreiten
Und fliegst zu dem Licht?

Deine brennenden Augen,
Deine Arme und Schenkel.
Von deiner zu meiner
Hand langsam gemessen
Sind fünf Millimeter.

Das Weinglas am Boden,
Neben Teppich die Schuhe.
Deine Lippen verrutschen.

Nichts bleibt uns unmöglich.
Unter heutigem Mond
Gibt es heilendes Licht.

06.-07. Juni 2013.

  












Bilder: Ann, Sommer'13


Das neue Jahr sollte doch mit Honig anfangen, auch sagen wir mal irgendwo in China oder im weiten Hong Kong.

Gestern schrieb sich:

Dieses Neujahrsfest ist daher vorzuziehen, weil es warm ist und angenehm nach einer sommerlichen Nachtfeuchtigkeit vom Blumenbeet riecht. Weil goldene Schwänze von Flugzeugen gerade den Himmel verunstalten, oder verschönern. Der Abendhimmel lässt das Gefühl aufkommen, dahinten, ganz hinter ihm, wenn man nur aufstehen und es berühren würde, sich eine andere Welt auftun würde. Ob im neuen Jahr, ob noch später, eine hoffentlich bessere, hoffentlich glückliche, ja süße. Schana Tova!


Robert Pattinson. Dabei war ich nie sein Fan. Er macht es in der neuesten Werbung von "Dior Homme" aber so, dass ...
Musik: Led Zeppelin.



Bald mehr...