27. Juli 2012

Weder Heimat noch Liebe


Weder Heimat noch Liebe
Weder Hunger noch Schlaf
Weder Freunde noch Ruhe
Weder Zukunft noch Kraft
Weder Zartheit noch Blicke
Weder Küsse noch sanft
Kann nicht atmen, ertrinke.
Gehe unter in Flüssen
Weder schwimmen noch treiben
Bin am Boden verschlammt.
Wie viel Hoffnung ertragen
Wie viel Nacktheit von mir
Nur allein, ganz auf ewig?
Die Sekunden verschluckend
Mein Herz tickt gegen Leben
Ich bin es, siehst du nicht?

25. Juli 2012


Liebe, mit den Ausschnitten aus „Zabriskie Point“ von Michelangelo Antonioni.

24. Juli 2012

Keine Schönheit


Keine Schönheit

Nicht schlafen nachts.
Nicht denken auch tagsüber.
Ich falle, bete ohne jedes Wort.
Beschmutzt mit Schmerz,
Bedacht mit Sorgen.
Ohne Wärme, ohne Reue.
Ich steige singend zu den Träumen,
Geräuschlos falle in ihr Loch.

Hebe mich hoch aus meinen Seen,
Zeuge mich aus der trüben Not.
Nimm deine Silben, meine Qualen,
Küss meine Adern hinter Apostroph.
Nein, keine Schönheit haben Tränen.
Oh gar nicht. Hörst du. Gar nicht sie.
Nein, auch der Schmerz im Bauch -
... Der Verlobte.
Denn du bist fort -
Nicht tot. Das bin nur ich.

24. Juli 2012

10. Juli 2012

Atme mich ein

Atme mich ein,
Den Himmel mit dem Meer vereinen.
Wenn sie zum Donnern kommen,
Stirbt die Last.
Wenn du der Himmel bist,
Bin ich die Erde, jene weiche.
Wenn du zur See zerfließt,
Bin ich dein Ufer, schwimme heim.

Wenn du mich küssen wirst,
Halt mir den Atem.
Nimm mich, wirf gegen harte Wand.
An deinen Lippen schmecke ich den Sommer.
Und die Nelken.
Ich kann mich noch an den Geschmack erinnern.
Es riecht, verlangt nach Zartheit roh, nicht rar.

Atme mich ein, Du Juli, Du verdammter.
Du, der die Schönheit mir absprach.
Ich könnte sagen, dass ich deine Worte hasse.
Ich könnte aber sagen: net, ljublju tebja.

Abend, 09. Juli 2012


Heute hat mich etwas berührt... 
Ingeborg Bachmann ist von unbeschreiblicher Bedeutung für mich. Meine Lieblingsdichterin. Ihre Gedichte, ihr Briefwechsel mit Paul Celan und ihr Roman "Malina" sind in meinem Herzen eingeprägt. Heute habe ich erfahren, dass eine in Russland geborene Lyrikerin und Schriftstellerin Olga Martynova den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hatte. Wie berührend ist das für mich. Als ich mehr über Martynova las, fühlte ich sie auf einmal so nah. Ihre Geschichte, mit der sie gewonnen hatte, erinnerte mich an etwas und ich dachte nach. Ich bin aufgewühlt in mir und würde so gerne es dir erzählen. Hörst du? Dass sie in Leningrad aufgewachsen ist und jetzt in Frankfurt lebt. Dass ihre Geschichte von einem Jungen handelt, der seine Gefühle und Posie in den Ferien entdeckt. Dass Martynova mit einem Poeten und Schriftsteller lebt, ebenfalls einem russisch-jüdischen, und sie ein glückliches Schriftsteller-Paar sind. Sie haben einen Sohn in Frankfurt jüdisch erzogen. 
“Die neue Bachmann-Preisträgerin überzeugte mit dem Text „Ich werde sagen: Hi!“, den Juror Paul Jandl als „Geburt eines Dichters durch die Erotik“ beschrieb. Jurorin Daniela Strigl freute sich über den „hintersinnigen, anarchischen Witz“ in der Erzählung, die Kritikerin Meike Feßmann lobte den Beitrag als „souveränen und luftigen“ Text. Die 50-jährige Autorin schildert das doppelte Erwachen ihres jungen Protagonisten während der Ferien – Dichtung und Mädchen ziehen ihn gleichermaßen an. Die Jury beeindruckten vor allem kunst- und humorvoll eingeflochtene kulturgeschichtliche Bezüge.” [Quelle]
Ihren Text „Ich werde sagen: Hi!“ kann man im Volltext hier nachlesen. 

Auf Deutschlandradio Kultur gibt es ein wunderbares Interview mit der Preisträgerin. Sie erklärt, Aufgabe der Literatur sei es, die Sprache neu zu erschaffen, um das Denken zu sensibilisieren. In der “Jüdischen Allgemeinen” gab es Anfang des Jahres auch ein sehr interessantes Gespräch “Ein Paar Autoren” mit Olga Martynova und ihrem Mann, dem Dichter und Schriftsteller Oleg Jurjew. 
"Glückliche und gleichermaßen erfolgreiche Schriftstellerpaare sind selten. Martynova und Jurjew sind ein angenehm uneitles Duo, zurückhaltende Naturelle, zu Beginn freundlich reserviert – wer schreibt, bleibt wachsam, wenn er selbst betrachtet und beschrieben werden soll. Jurjew ist der Typus des intellektuellen Schriftstellers, Traditionalist und Neuschöpfer zugleich. Mit seinem Roman Die russische Fracht (2009) verlangt er seinen Lesern einiges ab." weiter lesen
Ich fand ein Gedicht von Martynova auf Russisch und bin etwas stumm geworden...
Памяти Ани Коробовой

И вышла голая душа

в поля, в леса,
шурша неслышною травой,
и колкий иней в облаках
над поседевшею Невой,
и птичий всхлип в садах.

С иголочки, куда ни глянь,

одета зимняя земля,
такие новые поля
и непривычные леса,
и света сильная рука

тебя бросает в облака.

[Quelle]

Mehr über Ingeborg Bachmann und ihre Lyrik: Ekstase der Unmöglichkeit

3. Juli 2012

Bist du meine Heimat?


Wenn Sonnenblumen nicht zu einem Blumenstrauß zusammengeschnitten werden, sie man aber auf einem Feld als ein Meer betrachten könnte, wäre ich dann vielleicht zu Hause? Sie winken dem Wind mit den schweren Köpfen und fragen sich gewiss, was aus ihren Kindern – den Kernen wird. 

Die Sonnenblume hat für mich eine besondere Bedeutung. Immer im August denke ich daran. Mein Vater war zwanzig, ein junger sowjetischer Jurastudent, in die Armee einberufen, kurz bevor der Krieg ausbrach.  Der sechste August `41 hat sein Leben verändert.  Schwer verwundet verbrachte er  zwei Tage ohne jegliche Hilfe auf einem ukrainischen Sonnenblumenfeld liegend und kriechend… Er hat versucht, die schweren Regentropfen von den großen Sonnenblumenblättern zu trinken. Zu bitter waren sie aber. Diese Bitterkeit hat er für sein Leben lang im Gedächtnis behalten. Umso lieber ist ihm diese Blume für die Ewigkeit geblieben und ich ihr womöglich sogar danke, dass sie meinen Vater damals auf ihre Art beschützt hatte. Auch wenn es erst der Anfang der Hölle war… Hätte ich das alles in seinem Alter überlebt? Wie selbstverständlich ist mir heute die Gesellschaft, in der ich lebe, die Freude am Leben, meine Umgebung, junge Späße, kein Tod. Und damals? Was wäre damals gewesen?

Auch in dem Film „Alles ist erleuchtet“ ("Everything is illuminated") werden die ukrainischen Sonnenblumen zum Inbegriff des Nahen, der Heimat.


Was ist also Rodina (russ. Wort für Heimat)? Etwas, was mich mit den Eltern verbindet, wie diese Blumen? Oder ist es etwas Eigenständiges, was nur für mich, die bereits kein kleines Kind mehr ist, da ist? Wohin ich auch gehen würde, würde es mich erwarten? Ist es überhaupt an einen Ort gebunden? Oder eher an eine Erinnerung? Ist es die Literatur, die Worte, die mich überall auffangen und mich umarmen, wenn ich einsam bin? Ist es die Muttersprache oder welch eine von vielen, die noch kommen werden?
Wird es irgendwann ein Mensch sein, der zu mir sagen wird: Du bist meine Heimat?..

Die gesungenen Verse in dem Filmausschnitt sind niemandem anderen als dem großen russischen Dichter Alexander Sergeevitsch Puschkin entliehen, seinem bekanntesten Gedicht, gerichtet an Anna Petrovna Kern.
In hoffnungslosem Leid gefangen,
Im Wirbelwind der lauten Welt
Erklang dein zartes Stimmchen lange,
Im Traum erschien dein zartes Bild.

Ein Augenblick, ein wunderschöner:
Vor meine Augen tratest du,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.


Das vollständige Gedicht ist hier zu lesen unter "An ***".

26. Juni 2012

Gebleichte Träume sind getunkt ins Blau


Deine Farben

Schwarz ist mein Kleid, im Rot ist meine Seele,
Gebleichte Träume sind getunkt ins Blau.
Mit gelben Blüten einer Margarita werde glücklich,
Hörst du? Wenn du mich tötest. Hundertmal.  
Zähl jedes Mal.
Errechne jedes Wort und schreibe es zur Lyrik.
Nimm meinen Hals, zerdrück die Atemader brachial.
Aus der Zerbrechlichkeit der Nähe steigt die Frau.
Die Geliebte.
Unsterbliche Gefühle unsres Seins.

26. Juni 2012




Eine späte Antwort auf einen Brief

An den einsamen Reisenden

In Einsamkeit sanft eingehüllt
Befragte Freiheit den Verfolger:
Bist du mir so lang nachgereist,
Dass Früchte reiften auf den Bäumen.
Bist du mir so fern nachgegangen,
Dass Vögel nicht mehr singen wollten,
Und deine Arme von dem Schwimmen
Dein Schwert nicht mehr ertragen konnten.
Leg  mir dein Haupt zum Meeresschoss
Und ruh dich aus, Geliebter.
Mit jedem Hügel, Himmelskragen
Wirst du im Herzen liebend freier.

30. März 2012


Wunderschönes Lied von dem Ungesagten und Verschwiegenen.
(Die Übersetzung ist in den Untertiteln.)

Carlos Varela "Una Palabra"

21. Juni 2012

Tanz mit mir, Anna!

Als ich vor einiger Zeit erfahren hatte, dass eine meiner Lieblingsschauspielerinnen Keira Knightley Anna Karenina spielen wird, war ich stumm verzaubert und ahnte noch nicht, welche Rolle diese Heldin für mich je verkörpern würde. Heute erschien der lang erwartete Trailer zum neuen Film. Ich bin fasziniert, mitgenommen, fasziniert.

Es war Sommer, die Weintrauben gaben einen angenehmen Schatten in unsrem Hof. Ich war 13 oder 15, als ich den Klassiker Tolstojs mit in die Nächte genommen und mir während der Ferien die Notizen zu jedem Kapitel gemacht hatte. Tagsüber dachte ich darüber nach. Das Buch hatte vergilbte Seiten und roch nach Zigaretten. Zum ersten Mal mit meinem eigenen Vornamen konfrontiert, auf solch einer Ebene, die mir bis dahin noch völlig verschlossen war. (Erst später entdeckte ich  die eindringliche Poesie von Anna Achmatova.) Ich schrieb die Gedanken Tolstojs auf und war damals von der Gewalt seiner Worte erschlagen, von der Gewalt der Liebe, die in den Tod mitrissen. Ich schrieb mir alles auf, ohne Ahnung. Alles, was der Autor mit seinem Lewin vorhatte, wie die russische adlige Gesellschaft und das Leben der einfachen Bauern aussah, was Kitty erträumte, die Liebe von Wronskij zu seinem Pferd und wer Anna war. Es war eine Art Tagebuch geworden. Damals wusste ich noch nichts von den Gefühlen, damals war mir der Junge ein unbekanntes Wesen, jedoch das Korn war gesät. In der Schule klärte uns die Lehrerin fast mit einer heimlichen Freude über die Dreiecke des Romans auf - zum ersten Mal erfuhr ich, was es sei. Es klang verboten und gar nicht unglücklich. Als ich nach Deutschland kam, war komischer Weise gerade "Anna Karenina" das erste Buch in meinem Leben, das ich mir am Bahnhof in Kassel von meinem letzten Geld in deutscher Übersetzung gekauft hatte.

Es vergingen Jahre, vieles passierte um mich herum und mit mir. Ich fand zu meinem Judentum, eine Atheistin bleibend, begann bewusst all das in mich aufzunehmen, was mir Jahre zuvor entgangen war, wurde liberal, begann wieder die von mir zu Unrecht vergessene russische Literatur zu lesen. So entdeckte ich mich. Mich entdeckte das Unglück. Ich begann zu schreiben. Das Leben ging, lief, floss, aber das Unglück blieb beständig mir folgend, wie ein Schatten, auch nachts in der Dunkelheit, und fragte nicht. 

Bis eines Tages jemand kam, der Tolstoj liebte. Mit seiner jungfräulichen Stille hat er mich der Leidenschaft und der Erwartung des Glücks gelehrt. Mit jedem Haar und jedem Gedanken, den man aus dem anderen aussaugen wollte. Er sagte zu mir: Du bist meine Anna Karenina.

Ab dem 25. Oktober im Kino.


I love you
Why?
Don't ask why about love