28. Oktober 2008

Unmoralische Fragen

Was ist besser? Unglücklich und dadurch von der Muse geküsset zu sein, damit sich die Gedichte von alleine schreiben lassen, um die Lesenden um Verstand zu bringen, oder Glück bis zu eigener Wahnsinnsgrenze ausleben zu können und damit die Lyrikgabe womöglich für immer zu verlieren? Was ist sinnerfüllter? Die Dichtung ins Leben zu verwandeln, indem man den Geliebten mit dem heimlichen Seufzer weckt, anstatt das Leben in die Dichtung mit der öffentlichen Preisgabe der Intimität umzuwandeln? Was ist attraktiver? Eine Unnahbare zu spielen oder auf der Suche nach der Inspiration die Betten mit den Anderen auszuturnen, bis man gefühllos wird? Was ist begehrenswerter? Als Engel oder als Hure benannt zu werden? Was nun, wenn man als Beides in Frage kommen würde? Wer ist eine Hure? Diejenige, die nicht ihren Körper, sondern ihre Seele prostituierend öffnen lässt? Ich bin keine. Und Engel will ich auch nicht sein. Wer bin ich überhaupt? Ein Hauch wovon?

Bin ich diese Musik?
Marketa Irglova singt im Film "Once" (Spiegel-Artikel über den Film)
"If you want me satisfy me..." (Liedtext)




Bin ich diese Lyrik von Louise Glück?
Aus dem Gedicht
"Oktober"

(...)
2.
Sommer um Sommer ist vergangen,
Balsam nach der Gewalt:
es tut mir nicht gut,
jetzt gut zu mir zu sein;
die Gewalt hat mich verändert.
Tagesanbruch. Die flachen Hügel glänzen
ocker und feurig, selbst die Felder glänzen.
Ich weiß, was ich sehe; eine Sonne, vielleicht
die Augustsonne, die alles zurückgibt,
was genommen wurde –
Du hörst diese Stimme? Es ist die Stimme meines Geistes;
meinen Körper kannst du jetzt nicht berühren.
Er hat sich einmal verändert, er ist ausgehärtet,
bitte ihn nicht, von neuem zu antworten.
Ein Tag, einem Sommertag gleich.
Ungewöhnlich still. Die langen Schatten der Ahornbäume
fast malvenfarben auf den Wegen aus Kies.
Und am Abend Wärme. Nacht, einer Sommernacht gleich.
Es tut mir nicht gut; die Gewalt hat mich verändert.
Mein Körper ist kalt geworden wie die entblößten Felder;
jetzt ist da nur mein Geist, vorsichtig und wachsam,
mit dem Gefühl, auf eine Probe gestellt zu sein.
Noch einmal geht die Sonne auf, wie sie aufging im Sommer;
großzügige Gabe, Balsam nach der Gewalt.
Balsam, nachdem die Blätter verfärbt sind, die Felder
geerntet und gepflügt.
Sag mir, dies ist die Zukunft,
ich werde dir nicht glauben.
Sag mir, ich lebe,
ich werde dir nicht glauben.

Bin ich die Protagonistin dieses Films?
Als Ana im Film von Julio Medem "Die Liebenden vom Polarkreis", der mich innerlich mitgenommen hat? Muss ich auch zum Polarkreis reisen?

"(...)At the same time—and this is the brilliance of Medem’s filmmaking—it is a stunningly romantic film that overwhelms the viewer, leaving a feeling of near exhaustion by the end… and it is well worth the struggle! As Ana and Otto’s relationship is an intimacy of mind, soul, and body, so does the viewer’s mind, soul, and body interact with this film.(...)"
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Ausschnitte aus dem Film zur Musik von Craig Armstrong "This Love":




Wer bin ich, wer? Woran kann man glauben? Wem kann man glauben?

Kommentare:

jm hat gesagt…

Lieber unglücklich als belanglos. Die Frage nach Unnahbarkeit oder Gefühlslosigkeit ist nicht die Fragen nach Attraktivität, sondern die Frage danach, was einen besser mit der Welt klar kommen lässt.

Auf diesem Wege danke für die Verlinkung.

Ann hat gesagt…

Ja, du hast Recht, lieber "Bildverlust"-Autor. Mann muss wahrscheinlich das auswählen, was dich am Leben erhalten lässt oder besser gesagt, das wählt letztendlich dich aus... Und sei es auch das Unglück und Melancholie... In Phasen, in denen man gefühllos geworden ist, sehnt man sich nach dem Sturm, nach dem Aufbruch, nach dem Fall. In den Augenblicken der Euphorie vergießt man die Sehnsucht, man ist in ihr drin, man lebt sie aus, man ist nich mehr unnahbar, man schöpft die Kraft, auch wenn man befürchtet, dass es nur Augenblicke andauern würde... Die Grenze zwischen Glück und dem Gegenteil davon ist wohl fließend und wandelbar und nicht begreifbar. Man weiß nicht so genau, ob man sich als erstes oder zweites schätzen soll und sucht Kraft im Unglück, das gleichzeitiges Glück bedeutet.