12. November 2012

Aus Trotz und Zärtlichkeit

* * *
Heute fragte mich jemand: Warum bist du allein?
Nichts konnte ich ihm entgegnen und nicht mal "weil".
November badet mich im Regen kalt und blass,
Das Wort "Warum" entzieht sich seiner dunklen Pracht.
Das Haar des Herbstes trocknet sich zum Gold,
Sein Anblick ändert sich, wenn ich ihn furchtlos kost'.
 
12. November 2012



Heute ist es mir nach ...


... Thomas Brasch (19.02.1945 - 03.11.2001)

Lied

Für B.

Wolken gestern und Regen
Jetzt ist keiner mehr hier
Ich bin nicht dagegen
Singe und trinke mein Bier

Tränen heute und Lieder
Bäume verdunkeln den Mond
Ich komme immer wieder
Dorthin wo keiner mehr wohnt

Blätter morgen und Winde
Bist du immer noch hier
Ich besinge die Rinde
Der Bäume und warte bei dir.   



Wer wohnt wo

1
Und wen sie nicht gelebt haben
den sterben sie noch heute.


2
Unter den Märchen. Oder
über den Märchen. Zwischen 2 Orten
wohnen die Menschen. Beiderlei Sorten.
Ruf mich mit beiderlei Worten




Schlaflied für K.

Nacht oder Tag oder jetzt
Will ich bei dir liegen
Vom schlimmsten Frieden gehetzt
Zwischen zwei Kriegen

Ich oder wir oder du
Denken ohne Gedanken
Schließ deine Augen zu
Siehst du die Städte schwanken

In den Traum oder Tod oder Schlaf
Komm in den Steingarten
wo ich dich nie traf
will ich jetzt auf dich warten



Mehr Brasch ist hier.

Wunderbar geschrieben, einfach zerreißend:
Thomas Brasch war Haut.
"In der Haut, so sagt man, nistet die Seele des Menschen. Er hat seine Haut über diese Welt gespannt, und die Welt zerbarst. Und seine Haut zerriß. Was war das Besondere an diesem Mann? Er wirkte ja ungebärdig, und dabei war es eine zärtliche Ungebärdigkeit. Er wußte als hochentwickelter Künstler, daß Kunst das Gehärtete sein muß. Unter dem Gehärteten, unter dem Unerbittlichen des Kunsgesetzes lag aber seine Bittlichkeit. Immer, wenn Sie genau lesen, ob in Stücken, in Prosa, vielleicht ganz besonders in der Lyrik, werden Sie finden eine gebärde des Flehentlichen. Sabre nennt man in Israel die dort Geborenen. Sabre ist die Kakteenfrucht: außen stachlig und innen süß und saftig. Thomas Brasch, nicht dort geboren, war gleichwohl eine Sabre. Er hat uns eine Welt vorgeführt, vor der er die Menschen warnt. Gleichwohl hat er gesagt, sie möge nicht so sein. Das war der Impetus des Werks von Thomas Brasch. Deswegen konnte er Freund sein, deswegen konnte er die Menschen streicheln, übrigens nicht nur mit dem Wort, sondern veritabel streicheln. Eine Umarmung mit Thomas Brasch war immer gleichzeitig die Umarmung mit einem großen Stück Traurigkeit. Diese seltsame Wechselwirkung zwischen Traurigkeit, Trotz und Zärtlichkeit war, was für mich den Menschen Thomas Brasch ausmachte und was sein Werk prägte. Deswegen glaube ich, daß es lange wirken wird. Zärtlichkeit war gleichzeitig das Ungebärdige, das Nicht-akzeptieren-Wollen eines jeglichen Kodex. Ich habe mir einen Satz aufgeschrieben, mit dem er seine wunderschöne Majakowski-Auswahl im Suhrkamp Verlag vorstellte, wo er sagt, woran liegt es denn, daß wir diese Welt, diese Gesellschaft, gleich welche Gesellschaft, auch die, die Majakowski bauen wollte, nicht ertragen? Das liegt daran, daß wir, gelähmt von den vergangenen stillen Zeiten und dem kommenden endlosen Alptraum, die Arme nicht mehr hochbekommen, das einzig nötige zu tun, jede staatliche Ordnung mit all ihren Wurzeln aus unserem Leben, unserem Beruf und aus unserem Herzen zu reißen. Dieses ist zugleich die Definition eines Einsamen. Das ist die andere Seite des Thomas Brasch. Er hatte gewiß nicht allzu viele, aber ein paar sehr gute Freunde. Vielleicht ist es unangebracht, wenn ich einen Freund nenne, und das ist Kathi Thalbach. Gleichwohl war er, und wollte es auch sein, einsam bis ganz zum Schluß. Er verlor sich in dieser Welt. Vielleicht darf man erinnern an den Kleistschen Satz: „Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Mit dieser Familie der Literatur, ob Büchner, ob Bertolt Brecht, aber bis hin zum anderen Großen, dem dritten großen B. Gottfried Benn, hat er diesen Zirkelschlag der Einsamkeit auch gebraucht zur Selbstdefinition seines Ich, und damit übrigens, das kann eben nur Kunst leisten, und das hat seine Kunst geleistet, daß wir uns damit auch definieren. Das ist die Leistung der Kunst, uns Augen neu einzusetzen. Dafür danke ich Thomas Brasch. Ich habe ihn geliebt, den Künstler, den Menschen. Adieu, Thomas Brasch."

Fritz J. Raddatz, Auszug aus der Grabrede auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof
Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2002
Mehr lesen

Bild: Thomas Brasch, November 1993.
By Marion Brasch (= user Freitach) (Own work) [CC-BY-SA-2.0-de], via Wikimedia Commons

4. November 2012

Finde mich

Finde mich

Finde mich unter den Gesichtern.
Ich trage keine Maske 
Und habe wieder Mantel an.
Der Herbst - Verstoßener von allen,
Er kam und deckte meine Schulter ab.

Ich schreibe, finde mich, lass mich nicht sterben
Unter der Kälte jenen, die mich grüßt.
Nimm mich hier weg, nimm mich den Andren.
Nimm mich in deine Arme, bitte, Herbst.

Ruf mich, sag mir doch meinen Namen,
Bleibe nicht stumm, ich bitte, Herbst.
Nimm mich zu dir, nimm mich in deine Arme,
Lass Blumen dich beschmücken,
Fast langsam, leise um dein Herz.

04. November 2012


Ich bin aufgetreten, eben, zwei Male. Bin aus mir rausgekommen, rausgeflogen war die Seele, verlor völlig die Angst vor dem Publikum und habe ein Meer mit meinen Worten erschaffen. Nein, keines zum Ertrinken, zum Schwimmen, zum  Leben, zum Schwimmen zur Heimat, dahin, wo man auf dich warten könnte. Und ich kann doch gar nicht schwimmen, aber an jenen Abenden flog ich über dem Meer. Wie ein Vogel, einer seltenen, ausgestorbenen Art. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Wieder zu Hause angekommen, was erwartete mich da... Ein Blatt Papier und mein Herz. Und das Herz durfte klingen, durfte leben.

Die erste Literaturkritik ist erschienen. Noch weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen kann... Sie ist gewiss schön... Ja, das ist sie... Aber... Lest doch selbst, was soll ich noch sagen.

Ein Bild aus der Lesung, Oktober 2012:


Musik. Sie dringt in mein Inneres, irgendwohin, wo man aufhört zu sein. Heute ist sie von Piazzolla, den ich lange gemieden hatte. Es ist aber wunderschöne, alles mitnehmende Musik. Hört sie euch an, hört.

27. Oktober 2012

Denn Nächte

... sind nicht zum Schlafen da. Ich trage ein Kleid um meine Seele. Eines der Nacht. Und trinke Sterne.

Enigma "Twelve after midnight"



Friederike Mayröcker  

Gesang zwischen mir und dir

siehst du den Abendstern?
ich sehe
hörst du den Wind?
ich höre
fühlst du die Ewigkeit?
ich fühle
und dein Name?
nenne mich Nacht
woher kommst du?
aus deiner Einsamkeit
wohin gehst du?
in deine Innigkeit
gib mir die Hand

27.07.1948 [Aus: Friederike Mayröcker "Liebesgedichte"]

10. Oktober 2012

Wie heißt der Himmel

* * *
Mein Name ist wie Straßenkind
Unter der zischenden Laterne.
Auf ewig flieht es von sich selbst,
Wird satt gewärmt von Dirnen.
Mit einem löchrigen Umhang,
Unter des Fremden Decke,
Verstecken sie es nachts und scheu,
Wenn Freier nackte betteln. 

Wie heißt der Himmel,
Der mich träumt.
Wie riecht die Erde, 
Die ich schlucke.
Gefallen auf der Flucht
In Schlucht, allein
Die Ferne langsam blute.

Wenn Ohr mein 
Schritte hört und weint.
Wo lebt der Gtt,
Der nicht mehr feilscht,
Wenn er mich ehrt,
Ruiniert und preist.

Als ich den Mund von dir erfand,
Dein Kuss in mir verblieb, ich starb.
Erstarrt ist meine Seele, fort.
Das Bett wurde mir zum Schafott.

Ann

10. Oktober 2012



Ist es gut, dass es mir wieder nach Bulat Okudzhava ist?.. Nach seiner Weisheit und Herzlichkeit. Was macht einen Dichter aus? Seine Ehrlichkeit allein. Sie fand ich bei ihm.

Булат Окуджава


* * *

У поэта соперников нету
ни на улице и ни в судьбе.
И когда он кричит всему свету,
это он не о вас – о себе.

Руки тонкие к небу возносит,

жизнь и силы по капле губя.
Догорает, прощения просит:
это он не за вас – за себя.

Но когда достигает предела

и душа отлетает во тьму…
Поле пройдено. Сделано дело.
Вам решать: для чего и кому.

То ли мед, то ли горькая чаша,
то ли адский огонь, то ли храм…
Все, что было его, – нынче ваше.
Все для вас. Посвящается вам.




Bulat Okudzhava

übersetzt von Eric Boerner


* * *

Weder im Schicksal, noch auf der Straße
hat ein Dichter Konkurrenz.
Es gilt nie euch, wenn er laut rasend
die Welt anbrüllt, – es gilt ihm selbst.

Die Arme, die dünnen, hebt er zum Himmel;

das Leben, die Kraft allmählich verfällt.
Doch wenn er verbrennend um Gnade wimmert,
dann gilt das nicht euch, nur für ihn selbst.

Erreicht er dann die letzte Grenze,

die Seele in das Dunkel rast …
Das Feld ist durchschritten, die Sache beendet.
Ihr müsst nun entscheiden: für wen und für was.

War's Himmelslicht, war's Höllenfeuer,

war's Honig, war's ein Kelch voll Leid …
Alles, was sein war, – das ist nun euer.
Alles für euch. Euch ist's geweiht.


[Quelle]


2. Oktober 2012

Die Welt ist mein

Was haben Benjamin von Stuckrad-Barre und Henryk M. Broder gemeinsam?

Hm... Mhh.. Antworten Sie, ohne lang' zu überlegen.
Sie sind im Kino zu sehen! Wie, fragt der Neugierige? Da ich mir die meiste Zeit meiner Woche kein Fernsehen anschaue, bleibt wohl nur der Gang in das Kinotheater auch übrig, um wenigstens da in den Genuss des Verbotenen zu kommen. Für paar Momente nur den Blick wagen. Diesmal auf eine grandiose Reklame. Als ich heute folgende Videos sah...


Auflösung: Axel Springer Verlag hat mit einer neuen Kampagne Bilder, Plakate und Emotionen kreiert, die dem Leser, Hörer, Zuschauer, im Ergebnis  - DEM Menschen unvergesslich bleiben werden. Die Welt ist mein.



„Die Welt gehört denen, die neu denken.“
„Die Welt gehört denen, die lieber zu weit gehen als zurück.“ 
„Die Welt gehört denen, die schlau sind und nicht auf klug machen."
„Die Welt gehört denen, die ausbrechen, statt einzuknicken.“
„Die Welt gehört denen,  die nicht lang fackeln, sondern für was brennen."

Ich will, nein, ich muss ins Kino. Nur für diese zwei Herrschaften. Danach kann auch "Anna Karenina" und "The deep blue sea" kommen. Nichts wird Broder überstrahlen. Im Großformat.
 
Die Neugierige. 

28. September 2012

Was ist Freiheit


Um zwei Uhr siebzehn nachts essen gehen oder sich einen arg mystischen Film vor dem Einschlafen anschauen, obwohl man weiß, dass jeder Schatten in der Wohnung danach zum Mörder wird. Morgens den Wecker ausschalten und nicht zur Arbeit gehen. Ein luftiges Kleid anhaben und an einem windigen Durchzug einer Straße barfuß mit geschlossenen Augen stehen. Nackt sein. Lächerlich erscheinen. Frieren. Ich sein dürfen. Keine Angst haben, zu lachen. Das Glück nicht spielen müssen. Dumm sein. Wahrheit sagen dürfen. Wahrheit verstecken können. Nicht lügen müssen. Geliebt sein. Treppenschritte zählen oder etliche Bäume beim Zugfahren. Nachts einkaufen gehen. Ausschreien können. Denjenigen küssen, den man will. Denjenigen nicht küssen, den man will. Einsam sein. Von einem Fremden berührt werden. Da. Und da. Unvernünftig  sein. Sich nichts verbieten lassen. F.. you - sagen dürfen. F... me - sagen können. Traurig sein. Illusionen schaffen und sie danach zerbrechen. Verdammt unvernünftig sein. Sehnsucht scharlachrot färben. Demjenigen, den man liebt, es auch sagen können. Gehört werden. Empfindungen nicht definieren müssen. Gefühle fühlen können. Sie unterdrücken. Sich selbst vergessen. Verletzbarkeit zeigen. Genug Geld für Wohnung und Bücher haben. Einem Bruder sagen können, dass er einer wäre und ich ihn all die Jahre vermisst hätte. Jüdin sein. Keine Angst haben, dümmer zu sein, als andere. Auch klüger. Sex. Keine Angst haben, eigene Meinung zu äußern. Nicht allein sein. Allein sein. An niemanden denken. Träumen. Von jemandem träumen. Weinen dürfen. Nach New York wollen. Außerseits sein. Zukunft haben. Leidenschaftlich sein dürfen. In den USA leben. Ostsee riechen. Mit jemandem schlafen, den ich will. Neben ihm aufwachen und verschwinden. Um neben ihm bloß zu sterben. Seine Handfläche küssen. Sein Geschlecht spüren. Schlafenden Ihn anschauen. Glück. Heimat haben. Unglücklich sein. Meinen Vornamen von Lippen eines Anderen lesen können. Aufwachen. Riechen. Kindisch sein. Schreiben. Fühlen. Denken. Vermissen. Ersticken. Nein. Ja sagen können. Malen. Aufatmen. Begehren. Frühling statt Herbstes umarmen. Seine Zungen spüren. Lieben. 

Das ist Freiheit.

27. September 2012

[Bild: Ann, September 2012] 

Goldfrapp "Lovely head"



Bereits früher  zitierte ich Gedanken Hannah Arendts zur Liebe: Teil 1 und Teil 2. Neulich fand ich einige von ihnen wieder, diesmal ist einer der Ausschnitte ungekürzt:
"Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick.

Die Ehe als Institution der Gesellschaft zerreibt dies Ereignis, wie alle Institutionen die Ereignisse aufzehren, auf denen die gegründet waren. Institutionen, die sich auf Ereignisse gründen, halten der Zeit so lange Stand, als die Ereignisse nicht völlig aufgezehrt sind. Vor solchem Verzehrt-werden sind nur Institutionen sicher, die auf Gesetzen basieren. Solange die Ehe, immer zweideutig in dieser Hinsicht, als unscheidbar galt, war sie doch wesentlich auf dem Gesetz, nicht auf dem Ereignis der Liebe gegründet und damit eine echte Institution.


Inzwischen ist die Ehe zur Institution der Liebe geworden, und als solche ist sie noch um ein weniges hinfälliger als die meisten Institutionen der Zeit. Die Liebe wiederum ist seit ihrer Institutionalisierung ganz und gar heimat- und schutzlos geworden.


Dagegen protestieren Männer wie Frauen, jeder auf seine Weise. Beide versuchen, die zunehmende Flüchtigkeit der Liebe, ihre zunehmende Substanzlosigkeit zu verhindern. Die Frauen, indem sie aus der Liebe, die ein Ereignis ist, ein Gefühl machen, was nicht nur die Liebe degradiert, weil ein Göttliches zu einem Menschlichen gemacht wird, sondern auch alle Gefühle degradiert, weil sie offenbar dem Feuer der Liebe, an dem sie gemessen werden, nicht standhalten.


Der Irrtum kommt daher, dass die Liebe sich im Herzen des Menschen einnistet; das menschliche Herz ist die Wohnung, aber nicht die Heimat! der Liebe; das Missverständnis ist zu glauben, die Liebe entspringe dem Herzen und sei daher, mit einem weiteren Missverständnis, vom Herzen wie ein Gefühl hervorgebracht.
Diesem Gefühl geben die Frauen – die besten gerade, die die Institutionalisierung der Liebe durch Ehe mit Recht fürchten – sich hin, mit dem Erfolg, dass die Liebe im Gefühl und von ihm verzehrt wird, dass der dazugehörende Mann sich so schnell wie möglich retten muss, denn es geht ihm wirklich ans Leben!, und dass die Frauen, meist nur gelinde enttäuscht über die Flucht des für das Gefühl eher störenden Mannes, aus der »Liebe« ihren Lebensunterhalt machen. Inhalt eines Lebens kann die Liebe aber nur werden, wenn sie mindestens ein halb Dutzend Kinder hervorgebracht hat, zwecks täglicher Beschäftigung. Dann aber geht der ganze Humbug in der entstehenden ernsten Arbeit ohnehin zum Teufel. Die Frauen, deren Lebensinhalt die Liebe als solche ist, gehen meist an Tagträumerei oder, in selteneren Fällen, an Langeweile zugrunde.


Der Protest der Männer führt zu dem Umdenken der Liebe in Freundschaft. Zu diesen gehören wesentlich Kants Definition der Ehe, deren Gegenseitigkeit ein Kontrakt der Freundschaft verbürgt, dieser Kontrakt hat nur leider zum Inhalt, was keine Freundschaft schon rein physisch je zu leisten vermag. Auch Nietzsches Bemerkung, dass der größte Teil der Ehe der Unterhaltung gilt, weist in die Richtung: Sie schlägt vor, Kriterien der Freundschaft zu Kriterien der Ehe zu machen. Keine Freundschaft aber kann tragen, was eine Ehe zumutet. Wenn der Freundschaft zugemutet wird das tägliche Zusammen der Ehe oder der Liebe, geht sie zugrunde. – Die Ehe als reine, legal gesicherte Institution kann das Zusammen mühelos ertragen, nicht nur um der Kinder willen, sondern weil eine solches Tragen oder Ertragen gar nicht zum Problem wird. Sie wahrt ja immer die absolute Distanz der Partner, die in der Liebe durchbrannt wird und in der Freundschaft dauernd überbrückt.


Zur Abgrenzung: Gefühle habe ich; die Liebe hat mich. Freundschaft ist wesensmäßig abhängig von ihrer Dauer – eine zwei Wochen alte Freundschaft existiert nicht; die Liebe ist immer ein »coup de foudre«."
[Auszug aus: Hannah Arendt, Denktagebuch. 1950-1973, 2 Bde., hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann, München-Zürich 2002.]