24. März 2013

Atmen

* * *
Nimm meine Augen und schau',
Wohin ich sehe, was ich will.
Ich schreibe an den Wänden,
Zerkratze Schaufenster,
Singe dir wilde Träume,
Verbrenne deine Grenzen.
Dein Wunsch entsteht in mir.

Das Wandern in den Nächten.
Ich warte auf das Wunder,
Wenn du mir leise flüsterst:
Verschwinde bitte nicht.
Du isst von meinem Lachen,
Ich schenke dir den Körper.
Du stößt in mir zu Grenzen.
Du schläfst mit meinen Küssen,
Dein Kissen schmeckt nach mir.

23. März 2013


Trixie Whitley "Breathe You In My Dreams"



Weitere Gedichte:

Noch mehr ist unter "Meine Gedankenspiele" zu lesen.

23. Februar 2013

Fragil: Fünf Fragen

1. Wie geht es dir?

Leser, mein Leser, du liest mich, saugst mich auf, schmunzelst oder genießt hier Lyrik, Gedanken und Träume. Ich breche zu den neuen Zielen, neuen Gerüchen auf. Im Radio läuft währenddessen ein schönes Lied und begleitet mich durch den Tag voller Kartons, weggeworfener Entwürfe, sommerlicher Kleidung und Nylonstrümpfe. Bin allein in einer bald nicht mehr meinen Wohnung, habe etwas Muskelschmerzen von Tragen und Schleppen. Paris ist nur 2 Stunden entfernt, stehe barfuß da, die Heizung ist aufgedreht auf Maximum, hier herrscht der pure Frühling, packe Gläser, sogar zwei Flaschen Rotwein, Bücher, unter welchen sich paar Muscheln finden, und träume vom Meer. Seit langem war ich nicht so sehr inspiriert zu schreiben, ja zwischen den Kartons, wie jetzt. 15 davon sind zu befüllen - alles, was darüber hinaus sein wird, wird weggeworfen. Es wäre an der Zeit, zu interagieren. Ich stelle dir diesmal fünf Fragen, und ob kenntlich, ob anonym, beantworte du sie mir hier in den Kommentaren. Ob ich dich erkennen werde oder du ein Fremder bist. Wage es.

 Bild: Ann
 
2. Was siehst du?

Schließ deine Augen und sag, was du siehst. Wie fühlt es sich an, zu fliegen, ohne in ein Flugzeug gestiegen zu sein. Siehst du den Fluss, die Spitzen der Wolkentürme, Menschenmengen auf der Zeil, die Straße zu deinem Haus? Kannst du den Weg zu deiner wahren Heimat erkennen? Spüre das Rütteln der Wände des kleinen Flugzeuges, sie sind aus Papier. Folge deinem Körper, spring furchtlos in deine Wünsche, zerreiß das Papier, durchbrech deine Fassung, fühle jede Erschütterung und Regung deiner Glieder, jede Berührung, das Wilde. Tauch ein und habe keine Angst ... Sei frei und gib gleichzeitig die Freiheit des Fallens auf. Sieh dem Leben zu.

Da neulich die zweite Fortsetzung eines meiner Lieblingsfilme "Before Sunrise" erschienen ist ("Before Midnight", Kinostart: 06. Juni 2013), erinnerte ich mich an die folgende Szene des Erstlingswerkes am Flußufer. Der Film erzählt unglaublich intim und atemraubend die Geschichte zweier Menschen, die während einer Zugfahrt zufällig an einander geraten und nur einen Tag in Wien gemeinsam erleben können.

  
"Fast anderthalb Stunden reden, reden und reden... In „Before Sunset" setzten Ethan Hawke und Julie Delpy 2004 das fort, was sie neun Jahre zuvor in „Before Sunrise" begonnen hatten. Am Ende dieses Sequels reichte ein Halbsatz von Hawkes Figur Jesse, um den kompletten Film aus den Angeln zu heben: ein Cliffhanger wie er im Buche steht, denn nach diesem offenen Schluss war es weitere neun lange Jahre der Phantasie der Zuschauer überlassen, sich vorzustellen, wie es mit den beiden gesprächigen Protagonisten weitergeht. Nun geben Hawke, Delpy und ihr Regisseur Richard Linklater mit dem Romantik-Drama „Before Midnight", das die Saga von Celine und Jesse vorerst vollendet, eine clevere und berührende Antwort auf die so lange offene Frage. Was wie ein beschwingt-wortgewandter Woody-Allen-Film beginnt, steigert sich in ein markerschütterndes Dialogdrama über die universellen Wahrheiten romantischer (Zweier-)Beziehungen: „Before Midnight" ist brillant-scharfzüngig, lustig, tieftraurig und brutal ehrlich."  weiter lesen

Der Nebel über der Großstadt durchstrich alle Pläne, von jenen zwei Wandernden lediglich keinesfalls. Neben den Erzählungen zum Schicksal der Dritten Welt während des 2. Weltkrieges und einer kleinen Globen- wie auch einer verlockenden Waffensammlung gab es im Labyrinth des Historischen Museums der Stadt Frankfurt eine Anreihung an engen, steilen Treppen. Merkwürdiger Weise fühlte sie sich von ihnen bedroht und tappte vorsichtig ihm hinterher. Vor dem Fenster glänzte wiederum das tiefe blaue Wasser, das sie an das alte versinkende Venedig erinnerte. Auf Knopfdruck ließ sich die Uhr des Mittelalters für jeden läuten und auch die Stimme des Stadtwächters um zwei Uhr nachts laut erklingen, um die anderen Besucher völlig unerwartet erschrecken zu können
Über die weiteren Entdeckungen hält das feine Museumsblog auf dem Laufenden.

3. Was fühlst du?

Zum ersten Mal hat der Wein ihren Kopf schweben lassen. In Leichtigkeit vergraben, empfand sie ihre Umgebung plötzlich mehr, reichlich intensiver, während die Uhrzeit einer Mikrowelle  verschwommen blinkte, bis sie völlig verschwand. Das Gelbe des in Dunst verkleideten, vernebelt, doch sehr effektvoll leuchtenden Hochhauses gegenüber erschien edel. Sie wollte eine Menge empfinden, viel mehr als sonst, konnte es aber immer noch unterdrücken. Noch nicht bis zur Grenze auskosten, noch nicht richtig betrunken sein...

Verbind ihr die Augen, berühr sie durch den seidenen Schal und frag sie, was sie spürt. Neige deinen Kopf zu ihren Haaren und rieche an ihnen. Sag ihr, sich selbst zu vergessen. 

Sie spürt dabei den stechenden Schmerz der Nadel eines Tätowierers. Ihr Begleiter schaut zu, wie das Kunstwerk auf ihrem sensiblen Schulterblatt entsteht, sie selbst wird es erst später sehen können. Was wird es sein? Sie darf es vorher nicht erfahren. In Wirklichkeit ist es er selbst, der mit einem Pinsel und Farbe den ganzen Körper bemalt, beschriftet, und sie zu einem Kunstwerk verwandelt, zu einem Buch, einem Bild. Fast wie in dem überaus begehrenswerten Film von Peter Greenaway "The Pillow Book".


Im Winter floh sie mit den offenen Haaren und ihrer offenen Kleidung durch die Nacht. Sie haben sich nicht verloren, folgten einem Wege durch die Dunkelheit, sie schenkte ihm die Freiheit ihrer Gedanken und Wünsche, er gab ihr seine.

4. Was hörst du?

Dieser Text wäre heute nicht möglich gewesen, wenn sie abends nicht einen Schwächeanfall beim erwähnten Packen erlitten hätte. Woher bekommen nur zerbrechliche Frauen auf einmal Kraft. Nein, sie ist  keine der sowjetische Frauen, die ein Pferd im Reitflug mit den bloßen Händen stoppen könnte; sie kann mit ihren Worten und Phantasien allerdings die Welt der Anderen verändern und dessen ist sie sich bewusst... 

I forget who I am when ...

Musik, die verschluckt, ist unbestritten auch diejenige von "Django Unchained", z.B. "Ancora Qui". Der Film war ein Genuss in den "E-Kinos", auch wenn manch Szene den Kopf zur Seite drehen liess, um Brutales nicht sehen zu müssen.

Aber auch eine Neuentdeckung, eine starke Sängerin mit solch zerbrechlicher Stimme...



5. Was willst du?
Sarah Kirsch

"Alte Wörter"

Ich reich dir vom Fuß bis an den Scheitel
Langgestreckt meine Taille; was ich sage
Vermessen: "immer" und "nie" und "niemals".
Die abgedroschenen süßen Sätze!
Von denen ich nach Nimmermehr schau. 

Ein Tag in...

6. Februar 2013

Gekleidet

Das starke Ballettstück hat mich etwas verstört, gehoben, gerissen, verzaubert. Wenn man glaubt, dass der Höhepunkt in der Darstellung bereits erreicht ist, überschlägt die Welle der Faszination von Neuem. Jener Tanz hat mich berührt und so entdeckte ich Nederlands Dans Theater. Ein Mann - eine Frau, ihr Kampf, schöner kann man es nicht zeigen.



Марина Цветаева

* * *

Вскрыла жилы: неостановимо,
Невосстановимо хлещет жизнь,
Подставляйте миски и тарелки!
Всякая тарелка будет – мелкой,
Миска – плоской.
                    Через край – и мимо –
В землю черную, питать тростник.
Невозвратно, неостановимо,
Невосстановимо хлещет стих.

6 января 1934

Marina Cvetaeva

* * *

Pulsadern offen: unaufhaltsam,
Unwiederbringlich sprudelt das Leben,
Teller stellt unter, Schüsseln, Tassen!
Jeglicher Teller: nur ein Gefäßchen,
Selbst Schüsseln: zu eben.
          Über den Rand – in die Ebene –
In schwarze Erde, Schilf zu nähren.
Unumkehrbar, unaufhaltsam,
Unwiederbringlich sprudelt der Vers.

6. Januar 1934

[Übersetzt von Eric Boerner

1. Februar 2013

Verführung zu Freitag

140 ungelesene Nachrichten, 2 Wochen bis zu einem neuen Leben, 2 neue Musikentdeckungen und ein Gedicht, sogar anderthalb. Noch keine neue Wohnung gefunden und trotzdem sorglos sein. Wird diese neue Stadt zu einem neuen Zuhause? Werde ich Kraft dafür haben?
Der Aufbruch in das Leben, ein atmendes, wildes, mich erschlagendes Leben, bis an die Grenze und über die Schmerzensgrenze hinaus, will ich wieder spüren. Mein Herz hören. Alles. Laut lachen, ohne dabei meine Zärtlichkeit zu verlieren, kurze Kleider tragen. Ausbruch aus der Ruhe.

* * *
Wenn ich mir Flügel leichte klebe,
Zieht Frühling Anderes mir aus.
Er kommt mit der Gewalt des Windes,
nimmt mich.
Die Blüten öffnen sich, er staunt.

 
01. Februar 2013


Verführung zu Freitag: 
LuLúxpo "Rock Me Love"

Vor einiger Zeit in Saarbrücken entdeckte ich in einem Buchladen einen sehr ansprechenden Poesieband mit Aktzeichnungen von Klimt, geschmückt mit seinem "Wasserschlangen"-Motiv als Cover. An einem Abend las ich es und fühlte meinen Atem wieder, schrieb gleich selbst.

"Ich sehne mich nach Licht und Liebe. Die schönsten erotischen Gedichte von Frauen" [kaufen auf amazon] Wer gar nicht abwarten kann, kann einige der Zeichnungen unter diesem Link sehen. Für mich waren es Neuentdeckungen, das Spannende ist jedoch das Zusammenspiel zwischen Wort und Bild im Buch selbst gewesen.

Kostet etwas davon:
Hannelies Taschau

Blind sein

Blind sein
und noch mal
die Zunge
die große
die mich bedeckt
sich festhackt in
meinem Fleisch
mich dehnt
mich ausstopft
dampft auf mir
mich mürbe schlägt
die mich zerreibt
fühlt wie ich
die scharfe Zunge
die blutlos schreibt
nichts habe ich
gesehen
lese während sie schreibt
meine Haut ist zerschnitten
von schönen Zeichen
unheilbar
wählerisch
so tief es geht
Blind sein
mit viel mehr Haut.

Verführung Nr. 2:  
The Phenomenal Handclap Band & Peaches "Walk The Night"


Dear Frankfurt, ich empfehle dir kein Rot zu tragen, denn jene Farbe werde ich anhaben.
Es lebe die Dunkelheit, ich will sie erhellen. Bis bald!

26. Januar 2013

Rote Kälte

* * *
Ich trage den Winter, der Winter trägt mich.
Er peitscht meine Seele und sie trägt sein Kind.
Die Sehnsüchte wachsen in einem Karton -
Sie welken, kein Frühling, sie leben nicht fort.
26. Januar 2013



Kälte
Ein trauriges Herz hat keine Wünsche,
Ein schweres Lasten ist nie ausgeweint.
Man tut nur so, als ob erfüllt vor Freude
Das Leben einem würdevoll erscheint.

Ich gehe heim oder auch auswärts
Und fühle mich oft obdachlos.
Bloß Sterne sind vom Glück besiedelt,
Sie glühen rote Kälte wunderlos.

Ob in den großen oder kleinen Träumen,
Entmutigt, still und hoffnungslos.
Wer bist du  - du derjenige, an den nicht glaube.
Das Unglück, das ich atme, hauche - 
Wofür? Was habe ich getan? Wieso?
26. Januar 2013


Ich bin berührt von einem Artikel in "Die Zeit" aus dem Jahre 1962, den ich heute zum Frühstück las. Henry Miller, ja, derjenige Zyniker und der provokante Schriftsteller, der weltbekannte, schrieb darin unglaublich ehrlich mit über 70 über die Liebe, über seine ersten Gefühle, den Altersunterschied, Beziehungen und das Unglück..: lesen.

Seit ich Jugendliche bin, komme ich an Remarque nicht vorbei. Ein einziger Satz, vor Jahren fing damit dieses Blog an :
„… ich liebte sie, und wenn ich ihr sagte: Komm, so kam sie, nichts stand zwischen uns, wir konnten uns so nahe sein, wie es Menschen nur können – aber dennoch war alles manchmal auf eine rätselhafte weise verschattet und qualvoll, ich konnte sie nicht lösen aus dem Ring der Dinge, nicht herausreißen aus dem Kreise des Daseins, der über uns und in uns war und uns seine Gesetze aufzwang, den Atem und das Vergehen, den fragwürdigen Glanz der immerfort ins nichts abstürzenden Gegenwart, die schimmernde Illusion des Gefühls, dass im Besitzen schon wieder Verlieren war…“
(Erich Maria Remarque, „Drei Kameraden“, 1936)

21. Januar 2013

Farbe blau

Eine Frau, verschenkt in die blauen Träume.
Der graue Himmel, der lichtgraue Schnee, zu viel des Untröstlichen und kein Ende vom Regen, der die Löcher in das Schneemeer bohrt. Die Schneeperlen auf ihren Haaren werden bald zu Diamanten, verloren von einer Halskette der Nacht. Träumt sie vom Frühling, denkt sie an seine Augen, die zu den nie welkenden Feldblumen werden. Denkt sie an seine Arme, die ihr Herz hören würden, wenn sie sie fest umgarnen, wie Zweige eines Baumes den anderen Baum umarmen. Das laute, unruhige Herz. Das Entzünden des Gasherdes lässt blaue Flammen aus ihren Löchern auf einmal vorkriechen, täuscht aber blaue Wärme bloß vor. Die in der Waschmaschine gewaschenen Jeans haben sich auf der zarten cremefarbenden  Bluse verewigt. Meereswellen. Sie zieht sie an.

Drei Farben: Blau (Regie: Krzysztof Kieslowski)


Ulla Hahn

Frau in Blau

Fernes Beben der Erde der Hand der ganze
Körper bebt in feinen Pinselstrichen
Beben gebahnt durch Sehnen
und Muskeln Gewebe
Samtmieder Halsband Spitzenhäubchen
schwer wie der Weg
den sich das Wasser aus den Steinsgeschichten
bahnt ins Blau aus reinem weißen
Schweigen leinenblassem Schweigen
in blaue Erscheinung blaue Fluchten
aus Kindertagen ins dreißigste Jahr
innerlich von Weinen geschüttelt müde
von so viel Form und Befreiung
Er sieht sie an und ihre blauen Lippen bringen ihn zum Lachen. Sie sieht wie jemand aus, der reife, trunkene Kirschen gerade gestohlen hätte. Vom Wein gefärbt sind sie in Wirklichkeit. Er verlor sich in Überlegungen, ob wenn er ihre Lippen berühren würde, sie sich ebenfalls abfärben würden. Er stand da und merkte nichts von seiner eigenen Bläue.

YSL "Opium" zur Musik von Mozart



Ein wenig Simone de Beauvoir "Das andere Geschlecht" am Abend:
"... Durch sie, durch das Beste und Schlechteste in ihr, macht der Mann die Erfahrung, von Glück, Leiden, Laster, Tugend, Lüsternheit, Verzicht, Aufopferung, Tyrannei und lernt sich selbst kennen. Sie ist Spiel und Abenteuer, aber auch Prüfung. Sie ist das triumphierende Gefühl des Sieges, aber auch das eher bittere Gefühl der gemeisterten Niederlage. Sie ist der Sog des Untergangs, die Faszination der Verdammnis und des Todes. Es gibt eine ganze Welt von Bedeutungen, die nur durch die Frau existieren. Sie ist die Substanz der Handlungen und Gefühle des Mannes, die Verkörperung aller Werte, die seine Freiheit beanspruchen. So wird verständlich, weshalb der Mann, selbst wenn er zu den grausamsten Enttäuschungen verurteilt wäre, nicht auf einen Traum verzichen möchte, der alle seine Träume umschließt...."