19. Februar 2009

Vor dem Bild

Der Samstag kam schnell und verflüchtigte sich in den schönen Erinnerungen.

Auf dem Weg zur Galerie sah ich die ersten Schneeglöckchen. Auf den Hügeln der Villa, zu der ich mich eilte, befand sich noch Schnee. Im Schatten der Bäume sprossen die kleinen Blumen. Es war immer noch kalt, aber die Wärme kroch in das Herz hinein. So stand ich da und lächelte vor mich hin die ersten Freiwilligen des Frühlings an. Man wollte sie fast begrüßen. In meinem Kopf klangen Millionen von Melodien, abwechselnd zwischen Tschaijkowski, ClickClickDecker, "Manha de Carnaval" von Joan Baez, ... und Brahms.

Nun stand ich unerwartet vor Kandinsky, folgte dem Fluss der Besucher, und auf einmal sah ich die lebensgroße Rodins Skulptur "Eva" vor mir. Sie war beschämt, aber lebendig für mich... Es folgten der obligatorische "Seerosenteich" von Monet, danach Picasso, Dali, Cezanne, Matisse und Klee... Die Ausstellung war klein, aber die Bilder überfüllten mich. So hatte ich Zeit für jedes und keine Eile. Courbet, Van Gogh, Renoir... Türme, Frauen mit Schirmen, Punkte, Stillleben. Aber plötzlich stand ich da und konnte nicht weiter... Gauguin. Vielleicht erinnert sich jemand von den Lesern daran, was eine junge Frau mit dem Bild von Gauguin verband. ["Vielleicht"] Ich bestaunte einige Minuten lang völlig stumm und nicht atmend mehrere seiner Bilder, als ob ich in meinen Gedanken vor mir selbst stehen würde und mich von der Seite betrachtend. Nein, die Hand von jemandem Bestimmten berührte meine Schulter nicht. Es fand kein Treffen mit der vertrauten, verrauchten Stimme statt... Wartete ich in jenem Augenblick unbewusst trotzdem darauf? Ich weiß es nicht, war aber aufgewühlt, zeigte es aber nicht... Atmete nur schwer und versuchte es zu vergessen...

Als ich die Galerie bereits verlassen wollte, lenkte eine ältere Frau die Aufmerksamkeit ihrer wahrscheinlich Enkelinnen auf das Bild von Ferdinand Hodler und sprach begeistert davon. Ich ging bereits früher an diesem nicht so kleinen Bild vorbei, erst jetzt aber sah ich es mir an und entdeckte die Schönheit auf den zweiten Blick. Sieht so auch mein Frühling aus?

Stilles und weiteres Chaos

Am Abend wartete ein sehr kleines, aber gemütliches Kino mit vielleicht nur 45 Plätzen. Die Karten bezahlte man bei dem Kassierer, der zu jedem Sitzplatz kam. Die rote Eingangstür von der Straße führte direkt in den kleinen Saal, der bereits fast gefüllt war. Wir erhaschten die Plätze neben dem Klavier für die Stummfilmaufführungen, fühlten uns wie in eine kleine Boheme-Welt eingetaucht und widmeten uns der Geschichte eines Italieners, der nach dem Tod seiner Frau über sein Leben nachdenkt. Er verändert es schließlich auch, während er auf der Bank vor der Schule seiner Tochter Tag für Tag sitzt, die geflogenen Airlines und Wohnungsadressen aufzählt und nach dem Sinn sucht.... Eine berührende Tragikomödie, ein richtiges Vergnügen. Hier geht es zum deutschen Film-Trailer: "Stilles Chaos" von Nanni Moretti.

"Moretti: Großartig in seiner lakonischen Melancholie" (dpa)


Die "Heartcore"-Autorin schaffte es schneller als ich noch einen großartigen Kinostreifen zu erwähnen. "Vicky Cristina Barcelona" von Woody Allen. Johanna zeigt in dem Beitrag ihre Sicht der Dinge beim Abend mit den Freunden, auch wenn sie den Film nur "ganz nett" fand:
"(...) Plötzlich wurde es interessant. Man stritt sich, wurde lauter, hier ging es plötzlich nicht mehr bloß um Meinungen, sondern um die Verteidigung von Lebenshaltungen, das Schützen des eigenen Ungemachs und das Verstecken eigener Ängste. Alles startete mit dem jüngsten Streich des Brillenträgers und Großstadtneurotikers Nummer Eins, der sich wahrscheinlich diebisch gefreut hätte und Wochen später schon an einem Streifen mit dem Arbeitstitel „Neukölln oder Kunst frisst Seelen auf“ gearbeitet hätte.
Falls Sie den Woody Allen Film "Vicky, Christina, Barcelona“ bereits gesehen haben, werden Sie wissen: Darin machen unfassbar schöne Menschen schöne Dinge wie Essen, Dunkelkammerküssen, mit freier Liebe kokettieren, und aus Leidenschaft mit Revolvern in der Gegend rumfuchteln. Es gibt Menschen, die diesen Film für eine wunderbar ironische Sommerkomödie halten, für einen leichten Reigen romantischer Wirrungen.
Scarlett Johansson, Penélope Cruz, Javier Bardem. Mehr, sagen die Fans, bräuchte es ja gar nicht, außer einem Woody, der die Fäden in der Hand hält. Schönheit, Humor und Intelligenz in einem Film und als Sahnehäubchen Barcelona – wer das nicht liebt, soll doch in Regensburg versauern.
Dann gibt es die andere Fraktion, die sagt: Dieser Film sei doch bloß eine Versuchsanordnung, mit einer irritierend scheußlichen Erzählerstimme und einer zynischen Grundhaltung, im Mantel einer blond-brünetten Altherrenphantasien. Denn am Ende bleiben alle in ihren gewohnten Gefängnissen leben, keiner ist wirklich verändert. Die Sonne scheint weiter, Barcelona und die Ladies sehen toll aus und der todlangweilige Ehegatte in Amerika bekommt doch die kurzeitig anderweitig entflammte Vicky.(...)" weiter lesen
Musik aus dem Film von Giulia & Los Tellarini "Barcelona"

Zum Schluß noch etwas Interessantes über die Suche nach Liebe:
Wunschlos unglücklich
"(...) Es ist absurd: Unser großes Ideal in Liebesdingen, Romeo und Julia aus Verona - die zwei haben nur eine Nacht miteinander gehabt. Ihre Geschichte verrät uns nichts darüber, wie man es schafft, schwierige Lagen des Alltags zu durchschiffen oder auch nach der tausendundersten Nacht ein aufregendes Intimleben zu führen. Wer aber soll einem als Vorbild dienen? Fragen Sie sich einmal, mit wem Sie wirklich würden tauschen wollen in Sachen Liebe. Nicht nur für eine Stunde, sondern für ein halbes oder ganzes Leben. Mancher mag sich für die sogenannte freie Liebe entscheiden und in den Texten Sartres und Simone de Beauvoirs den Schlüssel suchen, wie eine solche Verbindung ohne Eifersuchtsdramen zu realisieren wäre. Andere lesen den "Brief an D.", die Liebeserklärung von André Gorz an seine Frau Dorine, verfasst nach 58 gemeinsam verbrachten Lebensjahren. So schön der Text ist - er liefert einem keine Anhaltspunkte, wie man eine solche Beziehung mit einem Partner umsetzen kann. Bleibt die Frage, wie die Liebe im Alltag überlebt.
Die Antwort kann übrigens jeder nachlesen. Sie steht in Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Dort errechnet ein Riesencomputer die Lösung für "das Leben, das Universum und für alles", mithin also auch für alle Beziehungsprobleme. Es ist die Zahl 42. Es bleibt nun jedem überlassen, wie er diese Botschaft auslegt. Sie könnte bedeuten: 42 Unterschiede zwischen sich und dem Partner finden und diese akzeptieren. Oder mit 42 Jahren anfangen zu meditieren, um selbst beim anstrengendsten Partner die Ruhe zu bewahren. (...)
Was sagt die Liebe zu uns? Vielleicht flüstert sie uns ja, frei nach Erich Fried, dies ins Ohr: Es scheint unsinnig, sich um mich zu bemühen. Ich bin aber nach wie vor das weitaus schönste Gefühl, das ihr Menschen empfinden könnt." den Artikel weiter lesen

1 Kommentar:

lavinie hat gesagt…

Auf dem Weg zur Galerie sah ich die ersten Schneeglöckchen. Auf den Hügeln der Villa, zu der ich mich eilte, befand sich noch Schnee. Im Schatten der Bäume sprossen die kleinen Blumen. Es war immer noch kalt, aber Wärme kroch in das Herz hinein. So stand ich da und lächelte vor mich hin die ersten Freiwilligen des Frühlings an, man wollte sie fast begrüßen. In meinem Kopf klangen Millionen von Melodien, abwechselnd zwischen Tschaijkowski, ClickClickDecker, "Manha de Carnaval" von Joan Baez, ... und Brahms. Danke, Anna. Das ist gerade das, was ich heute brauchte.

Die Austellung scheint klein aber fein zu sein, lauter Lieblings Maler (Kandinsky und Klee... aaaah!)

Viele liebe Grüsse aus der sonnigen schneebepuderten Schweiz