30. April 2014

Bäume im Frühling sind schöner als ich

... Ein Gedankenwolkenbruch aus dem frühen April.

Wir folgten unbekannten Geräuschen aus dem Zentrum der Stadt. Neben dem Brunnen da spielte  ein alter Mann mit den langen grauen Haaren auf einem Zupfinstrument, dessen Namen ich nicht kenne. Es war anders und klang sehr anziehend, man hatte fast das Gefühl, dass gleich etwas passieren würde. Ich fühlte mich ein wenig verloren und drehte mich suchend um. Es ereignete sich aber nichts. Wir spazierten und sprachen, gingen zu einem alten kleinen Friedhof, wo Clara und Robert Schumann ihre Stätte bekamen, setzten uns auf eine Bank dort im Schatten und erzählten uns, was jeder in den letzten Jahren durchlebt hatte. Das letzte Mal habe ich meine Begleiterin vor drei Jahren gesehen, danach geschah Einiges. Unweit von uns wurde ein Film gedreht, es gab Besucher mit den Blumen und wir sprachen ausgesprochen leise, flüsterten. Es war seltsam, andererseits das Menschlichste, was man nur tun könnte, das Beruhigendste wegen der Stille dort. Sie meinte: "Ach, sie hätten doch nichts dagegen, von den Problemen der Lebenden zu erfahren. Sie hatten sie früher bestimmt auch…" Das Wichtigste, was ich an diesem Abend für mich wieder verstand, war, dass unser Leben viel zu kurz sei, sich in den Nebensächlichkeiten zu verlieren, und wir Menschen, die uns wichtig sind,  erfreuen sollten, sie glücklich machen. Bevor es zu spät wird. 

Auf dem Rückweg durch die Rheinbrücke in Bonn entdeckte ich unerwartet folgende Zeilen auf Russisch, gekritzelt mit einem schwarzen Marker... Zunächst ging ich weiter, es beschäftigte mich aber und ich kehrte nach 20 Schritten wieder zurück, stand da und konnte nicht fort... Es sind Worte des großen russischen Dichters Sergej Jessenin gewesen. 


Übersetzt bedeutet es:

Den Groben wird Freude gegeben,
Den Zärtlichen Traurigkeit.
Mir selbst ist nichts vonnöten,
Niemand tut mir leid...

Daneben stand etwas in einer Sprache, die mich an Hebräisch erinnerte.

Ane Brun "To let myself go" (Kaiben Remix)

 
Und dann fing der Frühling an. Die Fenster wurden nur deswegen gewaschen, um frische Blätter sehen zu können, jeden Tag, in einem Mix aus weißen bis weißgrauen Wolken, welche aus einem kaputten Zuckerwattegerät auf die blaue Wiese geschleudert wurden. Darin besteht ihre unordentliche Schönheit. Wenn man sich kurz entspannt, werden oben Tiere sichtbar, heute war es eine Katze, eine weiße, wattige Katze mit den Ohren. Nein, ich bin nicht verrückt und nichts Romantisches wäre das gewesen, bloß Spiele für ermüdete Augen sind es immer, wenn ich den Himmel sehe. Abends riecht ein Baum in der Nähe besonders, ich nehme an, es ist eine Linde, dunkelsüß, schwer, aber nicht unangenehm. Diese Gerüche werden mit in die Wohnung genommen, nicht auf der Kleidung, eher im Kopf, auch wenn sie längst vorbei sind. Ist es nicht so, dass Gerüche einen Teil unseres Lebens ausmachen? Ohne sie wäre man irgendwie unvollständig. 









* * *  
Dunkles aus meinen Augen will entwischen, 
Es will weinen und sich vor dir verkriechen. 
Ich verliere mein Licht, bald erblinde, Liebster, 
Deine Schönheit kann nicht mehr verwirren. 
Dunkles aus meinem Herzen wird nicht länger lärmen, 
Es wird mein finsteres Herz an keins kleben - 
Mit den Tränen eines einsamen Tieres, 
Das beim Träumen verraten wurde, 
Fremd den Menschen. 
Mit den Stücken verstümmelter Flügel 
Steht es hier und erwartet dich, 
Sich belügend. 

01. April 2014 




* * *
Meine Treue trägt seltsame Stoffe, 
Meine Treue führt dich zum Altar. 
Nie war deine an meine gebunden, 
Deine Treue gehört mir nie an. 
Sie ruft laut zu mir: Sei doch frei. 

01. April 2014 




* * *
Dich lieben ist das Schwierigste, was ich zu tun habe. 
Dich lieben, ohne dich zu berühren. 
Dich wollen ist das Schmerzhafteste, was ich je erlebt habe. 
Dich wollen, ohne dich zu fühlen. 

01. April 2014


Okean Elzy "Umarme mich"   
(Engl. Übersetzung aus dem Ukrainischen ist im Video)


Bilder sind von Ann. 

Nächtliches Blühen



 




London Grammar "Nightcall" 

Eine andere Ukraine

Wer einen Einblick in den Osten der Ukraine bekommen möchte, hat mit diesem deutschen Film eine unglaublich schöne Gelegenheit dazu. Er zeigt das einfache Volk - die Schachtarbeiter in Donezk, aber auch die Elite nach der Orangenen Revolution, direkt, wie es ist, mit einer authentischen Prise Humor. Denn alle sind große Fußballfans. Ich persönlich hatte meine große Freude daran. Die Dokumentation lief gestern im ZDF und es hat mich überrascht, solch ein Meisterstück im Kleinen Fernsehspiel  zu entdecken.

"The Other Chelsea" (2011)
Online in der ZDF-Mediathek

24. April 2014

Heartbreaktown

"Tell me about your despair, yours, and I will tell you mine..."  

Als es den Tag der Poesie gab, schnappte ich irgendwo die Antworten nach der die Lesenden berührenden Lyrik auf. Eins davon waren paar Zeilen aus dem folgenden Gedicht. Ich suchte danach und wurde fündig.

"WILD GEESE"
by Mary Oliver
You do not have to be good.
You do not have to walk on your knees
For a hundred miles through the desert, repenting.
You only have to let the soft animal of your body
love what it loves.
Tell me about your despair, yours, and I will tell you mine.
Meanwhile the world goes on.
Meanwhile the sun and the clear pebbles of the rain
are moving across the landscapes,
over the prairies and the deep trees,
the mountains and the rivers.
Meanwhile the wild geese, high in the clean blue air,
are heading home again.
Whoever you are, no matter how lonely,
the world offers itself to your imagination,
calls to you like the wild geese, harsh and exciting --
over and over announcing your place
in the family of things.

Nina Kinert "Heartbreaktown"

15. April 2014

Chag Pessach Sameach!

Mir persönlich würde ich wünschen, meinen alten Vater auch nächstes Jahr bei den Seder-Vorbereitungen umarmen zu können, wie diesmal. Euch allen wünsche ich ein schönes Fest! Oft liest man auf Russisch, dass Pessach ein Fest des jüdischen Frühlings wäre. Dabei muss ich immer lächeln: Wenn man vom jüdischen Glück redet, meint man das Gegenteil davon. Was wäre dann der jüdische Frühling… Daher, damit es keinen Winter mit sich herbeiführt, ein Fest der Freiheit soll es für jeden sein und werden, in kleinen oder großen Begriffen dieses Wortes. Viel Glück! 
Anna

13. Februar 2014

Seine Hände

Als ich uferlose Felder aus der Ferne betrachtete, sah ich gelbe Kahlstellen. Zunächst dachte ich, es sei das eingefrorene Wasser, doch es hat sich als Himmel herausgestellt, der es wagte, sich hier unten blicken zu lassen. In den blauen Wasserpfützen, als ich mich näherte.

Ich will dich, Frühling, ich will dich.


Traum

Wenn ich den Hörer abhebe, höre ich deine Stimme.
Sie schleicht durch den Korridor im All schüchtern.
Bis sie an mir angedockt ist,
An meinen Lippen,
Liebe.
Bis sie mich enthüllt,

Und erschafft eine neue Anja.
Du bist so fern in deinen heiligen Dörfern,
Und wählst mich nicht mal in deinen Träumen.

Alles, was bleibt, sind schwarz-weiße Blicke,
Meine durstigen Worte, die den Hörer rütteln.


05. – 13. Februar 2014





Deine Hände *1

Ich möchte blind sein wie du, um eine Ausrede zu haben,
Dir so nah zu sein, dass wir ineinander keimen.
Wenn der Blick ins Auge und Haut durch Haut.
Bleib mit deinen Lippen an mir ranken,
Häng mit deinen Händen in mir lieben.
Leg dich zu mir blühend schlafen.

08. – 13. Februar 2014





Deine Hände *2

Ich möchte von dir geschlafen sein,
Von deiner Stimme und von deinen Gedanken.
Möchte in deinen Blicken angekommen sein,
In ihrer Dunkelheit ersaufen.
An deine Hände gebunden sein,
Ihnen meine Freiheit schenken.
Will deinen Samen getrunken haben,
Um einzig von ihm zu leben.

13. Februar 2014



- Verstörte Küsse
- Sieben Minuten lang