2. Oktober 2011

Tag *2

Mein Tag mit Wein, Brecht und Prokofiev (es bleiben 2,5 Tage, Eile geboten).

Bereits in der Frühe in das Feld gegangen, kein Mensch, kein Einziger ist da, die Lippen nicht aufmachen, keinen Ton von sich geben. Damit keiner etwas merkt. Keiner in der Wüste. Also darfst du schreien. Du sollst es aus dir ausschreien, aber du kannst es nicht. Man hat dir die Stimme genommen.


Wie schön die Sonne ist, wenn sie aufgeht. Sie aufzufangen, in ein Glas zu setzen und mitzunehmen, um von ihrer Wärme etwas stehlen zu können. Sie braucht man, die Wärme, ohne sie stirbt man. Doch tut sie das nicht, die Sonne, sie wärmt nicht. Ich kann nicht viel trinken, wie widerlich es ist. Bitter schmeckt es, bis zum Erbrechen. Aber es ist ein Muss, daher zwinge ich mich, denn ich habe es meinem Verstand versprochen. Damit man heute anstatt Glas Tränen Gläser Wein zu sich nimmt und den Schmerz abschaltet. Schmerzfreiheit für die restlichen Tage.

Wo werde ich in einem Jahr wohnen und ob immer noch Redakteurin sein - die Frage stellt sich nicht mehr. Was werde ich in diesem Jahr für wunderbare Plätze besuchen, was erleben, wo mich wie eine Neugeborene fühlen, umarmt werden. Die Frage wurde bereits beantwortet. Ich bin müde von Einsamkeit und Gleichgültigkeit, von Demütigung. Meine Neugierde, die mich immer trug, hat man erdrückt, den Mund zugeklebt. So viel kann man nicht mehr ertragen. Schwer sind die Steine, die man leidenschaftlich in jenes Organ aufgeladen und an den Fels angekettet hatte, mit Worten. So ließ man es zum Verdursten da und schaute zu, wann es endlich aufhören würde zu schlagen, zu lieben. Und das dumme Herz zuckt. Verwaschen sind die Fetzen des Kleides, verdreckt sind die Haare durch Demut. Aber der Sturm wird es reinwaschen, der Wein, zumindest für den heutigen Tag.

Wie schön es wäre, wenn ich wieder schreiben könnte, wie Charlotte von Stein an Goethe im Jahre 1776, aber wen würde es berühren:
'Die Welt ist mir wieder lieb, ich hatte mich los von ihr gemacht, wieder lieb durch Sie. Mein Herz macht mir Vorwürfe; ich fühle daß ich mir und Ihnen Qualen zubereite. Vor einem halben Jahre noch war ich so bereit zu sterben, und ich bin's nicht mehr'

Prokofiev gibt mir gerade einen schönen Takt zum Herzschlagen.

"Tanz der Ritter" aus dem Ballettstück "Romeo und Julia"

 Und Brecht zum Atmen

Bertolt Brecht

Vier Liebeslieder

I.
Als ich nachher von dir ging
An dem großen Heute
Sah ich, als ich sehn anfing
Lauter lustige Leute.

Und seit jener Abendstund
Weißt schon, die ich meine
Hab ich einen schönern Mund
Und geschicktere Beine.

Grüner ist, seit ich so fühl
Baum und Strauch und Wiese
Und das Wasser schöner kühl
Wenn ich's auf mich gieße. 


II.
Wenn du mich lustig machst
Dann denk ich manchmal:
Jetzt könnt ich sterben
Dann war ich glücklich
Bis an mein End.
Wenn du dann alt bist
Und du an mich denkst
Seh ich wie heut aus
Und hast ein Liebchen
Das ist noch jung.


III.
Sieben Rosen hat der Strauch
Sechs gehör'n dem Wind
Aber eine bleibt, daß auch
Ich noch eine find.
Sieben Male ruf ich dich
Sechsmal bleibe fort
Doch beim siebten Mal, versprich
Komme auf ein Wort.


IV.
Die Liebste gab mir einen Zweig
Mit gelbem Laub daran.
Das Jahr, es geht zu Ende
Die Liebe fängt erst an.

Kommentare:

mami-in-pumps hat gesagt…

Wieso gibt es keine Email-Adresse o.ä., mit Hilfe welcher man die grandiose Schöpferin dieses Blogs kontaktieren kann. Ich will dich kennen lernen. Ich bin fasziniert, fast schon hypnotisiert von deiner Sprache / deinen Texten...

Folgende beiden Zitate könnten über mich sein (und eben diese Tatsache macht mich so furchtbar neugierig):

"Eine junge Wahldeutsche auf der Suche nach sich selbst"
UND
"Wer ist sie?
[...]
Jemand mit der slawischen Seele und der unendlichen Sehnsucht."

Ann hat gesagt…

Vielen Dank für die Faszination. Es gab am WE eine Lesung, da hätte man sich wahrscheinlich auch im Leben kennenlernen können. Vielleicht wird sich noch etwas ergeben, ich werde auf dem Laufenden halten.:)
Mich erreicht man unter unertraeglichleicht@gmail.com

Eine schöne Woche!

Ann