31. Dezember 2015

Are you lonesome tonight?

Wir sind

Wir sind wie zwei Vögel 
Aus verschiedenen Zeitzonen.
Du betest den Sommerwind an, 
Ich die Wintersonne. 
Mit einem Sonnenstrahl 
Streichle ich deine Haare, 
Bis du aufwachst und 
Deine Augen mir alles sagen, 
Was wir nie erlebt haben, 
Weil wir einfach schwiegen. 
In der stillen Liebe, die uns immer einte. 
Wenn ich dich küssen könnte, 
Wäre ich sofort Asche. 
Der Verbrennungsgrad deiner Nähe 
Verträgt keine Heilung. 
Deine Haut ist samtig, 
Sie liebkost mein Herz mit Süße. 
Ich will Narben tragen, von jeder deinen Berührung. 
Dein Gesang ist viel zu kostbar, 
Ich sammle ihn von deinen Lippen, 
Wie man seltene Pilze findet, 
Um sie nie zu essen. 
Mein Körper hat Schmerzen, 
Weil ich dich nicht sehe. 
Ein Teil von mir ist in deiner Zeitzone, 
Da, wo die Nacht zum Morgen wird, 
Wo dein Horizont mit meinem verglüht, 
Wie eine Zigarette, die du nie rauchtest. 
Unter deinen Flügeln könnte ich sterben.

28. Dezember 2015, für Zh.






Vor einer Woche überkam mich eine Idee, dass ich dem Neuen Jahr unbedingt in Paris begegnen sollte. So wandte ich mich an völlig Fremde, die ich nicht kannte und die auch keine Ahnung von mir hatten:

"Hallo Unbekannter, was machst du am Silvester?
Es ist kein Spiel, kein Scherz, kein Experiment. Ich möchte an diesem Silvester unbedingt nicht allein sein und möchte nach Paris. Wir kennen uns nicht, per Zufall einfach ein nettes Gesicht und Augen, die einem Axtmörder doch nicht entsprechen, habe ich bei dir gesehen. Vielleicht hast du 5 Kinder zu Hause und eine Frau und dein Silvester ist fest durchgeplant, bis in den Kater am nächsten Morgen. Aber vielleicht noch nicht und du möchtest eine Wildfremde, die normalerweise auch noch Lyrik schreibt, begleiten. Einfach so, weil das Leben voller Überraschungen ist. Weil man am Silvester fröhlich und glücklich sein sollte. Und ich möchte es, ich habe nur niemanden, der es bis nach Paris schaffen würde. So bin ich gezwungen, einen Fremden dazu zu überzeugen, der verrückt genug dafür wäre.
Würdest du es wollen? Wenn ja, dann sag kurz, warum?:)
Schöne Weihnachten! Ann"

Ich schrieb einfach los. Was ich gar nicht erwartet hatte, ich bekam Antworten, wunderschöne Antworten... Es war wie ein kleines Wunder für mich. Es brauchte einige Tage, um daran wirklich zu glauben. Ich dachte dann aber für mich nach, ob es wirklich das ist, was ich will. Bzw., ob es das ist, was mein Körper jetzt vertragen kann. Wäre das die richtige Lösung für jemanden, der Zuneigung und Vertrauen braucht? Obwohl ich kurz davor war, den Koffer zu packen, ein wunderschönes Hotel und eine Fahrkarte zu buchen, hat das Herz diesmal mir gesagt: Anna, tue das nicht. So entflieht man keiner Einsamkeit, so fühlt man sich nicht glücklich. Immer wieder schrieb ich in diesem Blog Manifeste, dass das und das jetzt gut sein wird, man muss es nur wollen. So einfach ist es nicht, es war zu kindisch. Das würde klappen, wenn man auf einer Insel leben würde und der einzige Bewohner von ihr wäre. Ich würde nicht sagen, dass dieses Jahr besonders gut war, ich machte Fehler, die Menschen machten Fehler mir gegenüber. Aber das Gute ist, dass man die Ruhe in sich findet, trotz der Traurigkeit mit der gewissen Gelassenheit auf den Anfang des Jahres zu schauen. Ich erwarte von dem Neuen Jahr diesmal nichts Besonderes. Meine Romantik hat ziemlich nachgelassen. Eigentlich erwarte ich gar nichts von ihm. Das Irreale wird nicht geschehen. Das Neue Jahr wird nicht an die Tür klopfen und sagen: Hey, hier bin ich, ich nehme dich in meine starken Arme und lasse dich nicht los. Aber ich fühle mich weniger allein komischer Weise (auch wenn ich ziemlich allein an diesem Silvester bin). Dank diesen Antworten, die ich bekam. Dank der Liebe, die ich seit Jahren in mir trage, für einen besonderen Menschen, dank welchem all die schönen Gedichte der letzten 3 Jahre entstanden sind. Wenn ihr könnt, tut verrückte Dinge, zieht los, wagt es, nur lasst es nicht zu, dass die Anderen eure Würde und den Stolz untergraben. Lasst es rechtzeitig nicht zu, dann ist vieles einfacher im Leben. Streicht die schlechten Menschen aus dem Leben, dann ist man glücklich. Liebt.

Und was ist mit Paris?



Bittersüß sind die Träume. Denn nur die Süße ist wie der Dunst eines Zigarettenzuges, der die Ewigkeit einer Nacht bereits nicht überlebt. Süß ist die Luft in Paris, die das Herz pulsieren lässt, durch die unbekannten oder auch bekannten Straßen des Lebens. Man biegt ab in eine andere Gasse, die man nicht kennt, und schon nimmt der Weg seine neue Wendung, im Gehirn, in der Aorta, vielleicht in Paris Marais. In den bittersüßen Träumen.

Happy New Year! Seid glücklich!

Happy New Year, Zhenja.
In Liebe.
Anja


P.S.: Die Musik für diejenigen, die sich heute allein fühlen, auch unter Anderen. Ihr seid es nicht.

Zerbrechlichkeit

John William Godward

Godward, Girl in a yellow drape, (1901), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, The Mirror, (1899), [Public Domain] via Wikimedia Commons



Godward, L'Oracle de Delphes, (1899), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, La tambourine, (1906), [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons



Godward, In the Tepidarium, (1913), [Public Domain], via Wikimedia Commons



Godward, Violets, sweet violet, (1906), [Public Domain], via Wikimedia Commons



Godward, Nude on the Beach, (1922), [Public Domain], via Wikimedia Commons

Freiheit, Fehler zu machen

Sehr interessant schreibt Mises über die Freiheit, Fehler zu begehen.

"(...) Tatsache ist, daß es in einem kapitalistischen System letzten Endes die Verbraucher sind, die Befehle geben. Der Souverän ist nicht der Staat, sondern das Volk. Ein Beweis, daß die Verbraucher die wahren Herrscher sind, liegt nicht zuletzt auch darin, daß sie das Recht haben, Dummheiten zu begehen. Das ist das Vorrecht des Herrschers. Er hat das Privileg, Fehler machen zu können, niemand kann ihn davon abhalten; er muß allerdings auch für seine Fehler bezahlen. Wenn wir feststellen, daß der Verbraucher an erster Stelle steht, daß er der Souverän ist, sagen wir damit nicht, daß er frei von Fehlern ist und jederzeit weiß, was das Beste für ihn ist. Sehr oft kaufen die Verbraucher Dinge, die sie vernünftigerweise nicht kaufen oder konsumieren sollten.
Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, daß im kapitalistischen System eine Regierung die Menschen durch Kontrollen davon abhalten könnte, sich selber zu schaden. Die Vorstellung, daß der Staat eine väterliche Autorität, daß er jedermanns Wächter ist, stammt von den Sozialisten. Vor einigen Jahren unternahm die Regierung in den USA einen gutgemeinten Versuch. Dieses sogenannte "noble Experiment" war ein Gesetz, das den Genuß von alkoholischen Getränken verbot. Es ist sicher richtig, daß viele Leute zuviel Branntwein oder Whisky trinken und daß sie sich damit schaden können. Viele Behörden in den USA bekämpfen auch das Rauchen. Sicherlich gibt es viele Menschen, die zuviel rauchen, obwohl es für sie besser wäre, nicht zu rauchen. Das wirft die Frage auf, die weit über eine wirtschaftliche Diskussion hinausgeht. Sie zeigt nämlich, was Freiheit wirklich bedeutet.
Nehmen wir mal an, es sei gut, den Menschen zu verbieten, sich durch übermäßiges Rauchen oder Trinken selbst zu schaden. Aber hat man einem solchen Verbot einmal stattgegeben, werden andere kommen und sagen: Ist der Körper alles? Ist nicht der menschliche Geist viel wichtiger? Ist nicht der Geist das eigentlich Menschliche an uns, die einzig wirklich menschliche Qualität? Wenn man der Regierung das Recht zugesteht, über den Verbrauch des menschlichen Körpers zu entscheiden, nämlich, ob man rauchen, trinken oder nicht trinken soll, dann ist es schwer, den Leuten eine richtige Antwort zu geben, die behaupten: "Der Geist und die Seele sind viel wichtiger als der Körper, und der Mensch schadet sich weit mehr, wenn er schlechte Bücher liest oder schlechte Musik hört und sich schlechte Filme ansieht. Es ist deshalb Pflicht der Regierung, die Menschen davon abzuhalten, diese Fehler zu begehen."
Wie Sie wissen, haben Regierungen und Behörden viele Jahrhunderte lang geglaubt, daß das wirklich ihre Aufgabe sei. Dies geschah keineswegs nur in den früheren Zeiten. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in Deutschland eine Regierung, die es als ihre Pflicht ansah, zwischen guter und schlechter Malerei zu unterscheiden. Was gut und schlecht war, entschied ein Mann, der in seiner Jugend die Zulassungsprüfung für die Kunstakademie in Wien nicht bestanden hatte und sein Leben mit dem Malen von Postkarten fristete. Was gut oder schlecht war, entschied also ein Postkartenmaler. Und wer andere Ansichten über Kunst und Malerei äußerte als der oberste Führer, machte sich strafbar.
Räumt man erst einmal ein, daß es Pflicht des Staates sei, den Alkoholkonsum zu kontrollieren,  was kann man dann denen antworten, die behaupten, die Kontrolle von Büchern und Ideen sei viel wichtiger?
Freiheit bedeutet auch die Freiheit, Fehler zu machen. Dessen müssen wir uns bewußt sein. Wir dürfen durchaus sehr kritisch sein gegenüber unseren Mitbürgern, gegenüber der Art wie sie ihr Geld ausgeben und ihr Leben führen. Wir mögen der Ansicht sein, daß sie sich absolut töricht und schlecht verhalten. In einer freien Gesellschaft gibt es jedoch viele Möglichkeiten, unsere Meinung darüber zu äußern, wie sie ihre Lebensweise ändern sollten. Man kann Bücher oder Artikel schreiben, man kann Reden halten, man kann sogar, wenn man will, an Straßenecken predigen. Und das wird auch in vielen Ländern so gehalten. Aber man darf nicht gewissermaßen mit Polizeigewalt andere Menschen davon abhalten, gewisse Dinge zu tun, nur weil man selbst nicht will, daß die anderen die Freiheit dazu haben. 
Das ist der Unterschied zwischen Sklaverei und Freiheit. Der Sklave muß tun, was ihm sein Herr befiehlt, aber der freie Bürger - und das ist es, was Freiheit wirklich bedeutet - hat die Möglichkeit, seinen eigenen Lebensweg selbst zu wählen.(...)"

Aus: Ludwig von Mises, Vom Wert der besseren Ideen (Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik), Olzog Verlag 2008, S 45-47. [amazon]

Russische Küche und Kultur

Ein interessanter Sammelband ist an der Uni Potsdam von Norbert Franz herausgebracht worden: "Russische Küche und kulturelle Identität" (2013).
Aus der Buchbeschreibung:
"Nach sieben Jahrzehnten Sowjetunion sind die Russen in vielen ihrer Essgewohnheiten wieder zu den Traditionen der vorrevolutionären Zeit zurückgekehrt. Die Esskultur, die private wie die der Restaurants, hat wieder einen hohen Stellenwert, Kochbücher und Ratgeber in Fernsehen und Internet haben Konjunktur. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Sparte der Kultur hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Im Frühjahr 2010 fand an der Universität Potsdam die erste internationale und interdisziplinäre Tagung zum Thema „Russische Küche und kulturelle Identität“ statt. Der vorliegende Sammelband enthält viele der dort vorgestellten Beiträge in Aufsatzform. Es sind kultur- und literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu Essen und Trinken in Russland. Untersucht werden nicht nur die Bedeutung einzelner Speisen und Zubereitungsarten und die Mahlzeit als soziales Geschehen, sondern auch der Verzicht auf Nahrung, sei es freiwillig als Fasten, sei es erzwungen als Hunger. Eine andere Gruppe von Beiträgen geht der Rolle des Essens als literarischem Motiv nach, eine weitere bildlichen Darstellungen. Auch das Trinken wird bedacht. In der Kultur durchweg klar kodiert, eignen sich Essen und Trinken ganz besonders als literarische Zeichen, die in den Werken unterschiedlichste Funktionen übernehmen können. Als Ganzes eröffnen die Beiträge erste Durchblicke in ein großes und bislang oft vernachlässigtes Forschungsgebiet." Quelle
Aus dem Kapitel "Rituale des Trinkens in der Literatur" im Literarischen Trinken von Anne Hultsch:
"Die Ukrainer essen zu jedem Glas Schnaps etwas Nahrhaftes und Intensives, Speck zum Beispiel. Die Russen essen nichts dazu, riechen nur manchmal am Brot – ihrer Ansicht nach ist es hinausgeworfenes Geld, zum Wodka etwas zu essen. Er soll nicht schmecken, sondern wirken. Und die Chance darauf ist um so größer, je weniger gegessen wird. (Andruchowytsch 2005)
Американцы наивные, черствые, бессердечные. Дружить с американцами невозможно. Водку пьют микроскопическими дозами. Все равно что из крышек от зубной пасты… (Dovlatov 2000, 104)"*
*Die Übersetzung von Anne Hultsch: „Die Amerikaner sind naiv, gefühllos, herzlos. Mit Amerikanern befreundet zu sein, ist unmöglich. Sie trinken den Vodka in mikroskopischen Dosen. Soviel wie aus dem Verschluß einer Zahnpastatube…“Quelle
Hier kann man das Buch runterladen.  
Bild-Quelle: amazon  

Die besten Trinkszenen oder besser gesagt die Betrunkenen-Szenen im Kino am Silvester kenne ich aus meiner Kindheit, und zwar zwei Fragmente aus dem sowjetischen Film "Die Ironie des Schicksals oder ... " ("Ирония судьбы, или с легким паром!"):




Mehr über die russische Küche, Rezepte und Literatur, sogar Poesie gibt es hier nachzulesen.

Wo bist du, ferne Stadt

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Vollmond
Leise schwimmt der Mond durch mein Blut ...
Schlummernde Töne sind die Augen des Tages
Wandelhin – taumelher –

Ich kann deine Lippen nicht finden ...
Wo bist du, ferne Stadt
Mit den segnenden Düften?

Immer senken sich meine Lider
Über die Welt – alles schläft.


 
Aus dem Film von Claude Lelouch "Hasards ou coïncidences" ("Begegnung in Venedig") (1998)



Höre!
Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,  
Daß keine Weibin Trinken findet.  

Die dich umarmt,
Stiehlt mir von meinen Schauern,  
Die ich um deine Glieder malte.  

Ich bin dein Wegrand.  
Die dich streift,  
Stürzt ab.  

Fühlst du mein Lebtum  
Überall  
Wie ferner Saum?  
[über das Gedicht]


Deine rauhen Blutstropfen
Süßen auf meiner Haut.

Nenne meine Augen nicht Verräterinnen,
Da sie deine Himmel umschweben;

Ich lehne lächelnd an deiner Nacht
Und lehre deine Sterne spielen.

Und trete singend durch das rostige Tor
Deiner Seligkeit.

Ich liebe dich und nahe weiß
Und verklärt auf Wallfahrtzehen.

Trage dein hochmütiges Herz,
Den reinen Kelch den Engeln entgegen.

Ich liebe dich wie nach dem Tode
Und meine Seele liegt über dich gebreitet –

Meine Seele fing alle Leiden auf,
Dich erschüttern ihre schmerzlichen Bilder.

Aber so viele Rosen blühen,
Die ich dir schenken will;

O, ich möchte dir alle Gärten bringen
In einem Kranz.

Immer denke ich an dich,
Bis die Wolken sinken;

Wir wollen uns küssen –
Nicht?


Justin Peck und  Janie Taylor




Dem Barbaren
Ich liege in den Nächten
Auf deinem Angesicht.

Auf deines Leibes Steppe
Pflanze ich Zedern und Mandelbäume.

Ich wühle in deiner Brust unermüdlich
Nach den goldenen Freuden Pharaos.

Aber deine Lippen sind schwer,
Meine Wunder erlösen sie nicht.

Hebe doch deine Schneehimmel
Von meiner Seele –

Deine diamantnen Träume
Schneiden meine Adern auf.

Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel
Um meine bunte Haut.

Dich beglückt das erschrockene Rauschen
Meiner Muscheln.

Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.
O du!


Hallo, hallo, kannst du mich hören?..

Vor diesem Film kannte ich das Wort Mumblecore gar nicht. Es sind Independentfilme junger Regisseure mit einem sehr niedrigen Filmbudget, bei denen Schauspieler auch Laiendarsteller sind, die vor allem vor Kamera frei improvisieren, es wird nicht nachsynchronisiert, es sind Geschichten aus dem Leben, es ist intensiv und macht süchtig. Natürlich wusste ich nicht, dass der von mir gut geschätzte Regisseur Richard Linklater auch Mumblecorer in dem Sinne ist, sein Boyhood auch. (Mehr über Mumblecore und vor allem German Mumblecore.)

Als ich "Liebe mich!" sah, konnte ich nicht glauben, dass deutsches Kino so gut sein kann, wieder; es hat mich ziemlich mitgenommen. Das Mädchen ist mir in Einigem ähnlich, ihre fragile Einsamkeit unter den Menschen... Danach suchte ich nach dem Lied und war von ihm für einige Tage verschluckt worden.

"Regisseur Philipp Eichholtz über seinen Film:

LIEBE MICH! ist ein handgemachter Improvisationsfilm ohne großes Budget oder Filmförderung. Er entstand nach dem “Sehr gute Filme"-Manifest von Axel Ranisch und wurde mit einem sechsseitigen Drehbuch innerhalb von zehn Tagen in Berlin gedreht.

Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam. Ab und an trifft man auf Menschen, an denen man wächst. Für mich war Sarah so eine Person.


Nach drei Jahren Sehnsucht, Herzschmerz und Liebeskummer ist dieser Film ein Liebeserklärung an alle lauten, impulsiven und fordernden Menschen, die ihre Fehler und Macken offen und mutig nach außen tragen.
(...)

Am Ende kostete der Film 4000€. Ich bin jetzt pleite, konnte dafür aber meinen persönlichen Seelenfrieden mit der „echten" Sarah finden. Billiger als ein Psychiater. Leider werden Filme noch nicht von der Krankenkasse gefördert." mehr lesen
Das "Sehr gute Filme" - Manifest von Axel Ranisch:
Sehr gutes Manifest

"I. Ein sehr guter Film hängt nicht vom Budget ab. Er entsteht in Freiheit selbstbestimmt und unabhängig quasi von glücklichen Filmautoren. Sehr gute Filme sind die Bio-Produkte der Deutschen Filmlandschaft.
II. Sehr gute Filme entstehen von der Idee, über den Dreh, bis zum Schnitt in einem Schwung -
wie in einem einzigen, rauschhaften Arbeitsvorgang. Die Intuitionen ist ihr wichtigstes Werkzeug,
sie zu achten ihr oberstes Gebot.

III. Redakteure, Produzenten und Förderer dürfen und sollten sehr gutes Geld investieren. Eine inhaltliche Bevormundung aber ist kontraproduktiv. Sie würde den Arbeitsfluss empfindlich behindern und das scheue Pflänzchen Intuition vergiften.
IV. Eine sehr gute Komödie stellt immer die größtmögliche in den Mittelpunkt ihrer Handlung. Eine sehr gute Tragödie geht ans Herz, weil sie die Komik des Alltags nie aus den Augen verliert.
Sehr gute Filme sind beides : tragisch und komisch.

V. Das Drehbuch ist eine Bedienungsanleitung für die vielen Mitarbeiter eines Films.
Das Drehbuch ist aber auch ein Rasenmäher der Intuition. Ein sehr gutes Filmteam ist so klein, beweglich und spontan, dass es eine Bedienungsanleitung nicht benötigt. Es gleitet auf den Wellen
des Momentes. Sehr gute Schauspieler, Kameramänner, Regisseure und Produzenten können das.

VI. Sehr gute Filme sind Kinder einer intakten Filmfamilie. Sie entstehen aus Leidenschaft. Ihre Themen sind wahrhaftig, ihre Helden kommen aus der Nachbarschaft und trotzdem bewegen sie
sich zwischen Realismus und Fantasie, zwischen Alltag und Abstraktion.

VII. Sehr gute Filme sind nie länger als 90 Minuten, treten gern im Rudel auf, nehmen sich selbst nicht so wichtig, dürfen auch mal daneben gehen, machen Spaß, bereichern jedes Festival, sind musikalisch, politisch, einfach gestrickt und abgrundtief echt.
VIII. Sehr gute Filme sind mit nichts zu vergleichen. Sie sind in der ersten Einstellung als solche zu erkennen. Sie sind Rohdiamanten, kantig, charmant und extravagant. Sehr gute Filme haben keine Vorbilder. Sie wollen weder wie andere Filme sein, noch sich selbst wiederholen.
Jeder sehr gute Film hat das Recht sich gänzlich neu zu erfinden."
Ein weiterer guter Mumblecore-Film, der mein Herz eroberte, war "Love Steaks". Das wunderbare Spiel, eine Geschichte, die ungeduldig macht, ist fast unerträglich.



Diese Produktionsfirma hat die Schmuckstücke hervorgebracht und ich werde mir auf jeden Fall Weiteres von ihnen antun: Darling Berlin.

Aber auch das skandinavische Kino war immer mein Favorit. "Auf Anfang [:reprise]" erzählt über das Schicksal der jungen Schreibenden. Was ist es, ein Schriftsteller zu werden, was ist echte Freundschaft zwischen Männern, die Selbstzerstörung und die Liebe...


Obsession

Rohe Romantik in den 90ern in Berlin und Frankreich zeigt "Obsession" unverhofft gut. Ein wirklich ausgezeichneter Film, der nicht nur die Berliner Luft der damaligen Zeit aufgefangn hat, auch die Melancholie der schwarz-weißen Filmkunst der 20er, 30er, Musik und ganz unafgedrängt sogar das Urjüdische. Ein wenig die Verlorenheit, die verrückte Schönheit seiner Protagonisten sind unbeholfen und so authentisch. Er lebt und liebt dank ihnen. Noch nie klang das Wort "F*ck" schöner. Der verliebte Daniel Craig ist anders...


Hier kann ich ruhig träumen

Kurt Tucholsky (1890-1935)
Park Moncea
Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.


[Theobald Tiger
Die Weltbühne, 15.05.1924, Nr. 20, S. 664,
wieder in: Mit 5 PS.]



Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Was willst du von mir?

Möchtest du meine Frau werden,
Da meine Haare schon grau werden,
Schon größtenteils sind?
Möchtest du über mich lachen?
Soll ich dir Freude machen?
Oder ein Kind?

Willst du die Peitsche spüren?
Soll ich dich ausfuhren?
Brauchst du Geld oder einen Rat?
Willst du nur mit mir spielen?
Oder gefielen oder mißfielen
Dir Taten, die ich tat?

Warum bist du so still?
Soll ich dich beklagen?
Sag doch einmal: »Ich will ......«
Oder sonst ein deutliches Wort. –
Soll ich dich verjagen?
Ja. Geh zu!
Nein! – Du!
Bitte, bitte, geh nicht fort! 




Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Brief in die Sommerfrische

Ich habe so Sehnsucht nach Dir.
Weil alles so gut steht
Auf unserem Gemüsebeet.
Und Du bist in England. Nicht hier
Bei mir.
Frau heißt auf Englisch »wife«;
Muß man, um das zu lernen,
Sich so weit und so lange entfernen?

Bei uns ist alles Gemüse reif.
Meinst Du, daß ich das allein
Esse? Kommt gar nicht in Frage.
Und so vergehen die Tage.
Könnte doch zu zweit so billig sein.

Bis August und noch September vergeht,
Ist alles verfault auf dem Beet.
Aber Englisch ist wichtiger als Gemüse,
Das es schließlich auch in Büchsen gibt.
Und ich gönne Dir das alles sehr. Grüße
Dich!
Dein Mann (einsam in Dich verliebt).

Mehr Tucholsky:

Mehr Ringelnatz: hier (nach unten scrollen)

Granatapfelbaum

"Nicht wegen des nahenden Krieges, sondern aus einem anderen, unklaren Grund durchfuhr es mich manchmal im Innersten in jenem Herbst des Jahres 1947, vor lauter wehem Sehnen, vermischt mit tiefer Scham, dem sicheren Wissen bevorstehender Strafe und auch einem vagen Schmerz: Es war eine verbotene Sehnsucht, eine Sehnsucht durchtränkt mit Schuld und Kummer, nach den Labyrinthen jenes Obstgartens. Nach der Zisterne, die mit einer grünen Metallplatte abgedeckt war, nach dem fünfeckigen Zierbecken mit seinen himmelblauen Kacheln und dem Gold seiner Fische, die einen Moment im Sonnenlicht glitzerten und gleich wieder im Dicklicht der Wasserrosen verschwanden. Nach den weichen Kissen mit fein gewellten Spitzen. Nach den üppigen Teppichen mit den eingewebten Paradiesvögeln in paradiesischem Gezweig. Nach den Kleeblättern im Fensterglass, Blatt für Blatt mit eigenem Licht, ein Blatt rot, ein Blatt grün, ein Blatt golden, ein Blatt lila.
Und auch nach dem Papagei, dessen Stimme wie das Krächzen eines alten Rauchers klang: "Mais oui, mais oui, chère Mademoiselle", und nach einer Partnerin mit de Sopranstimme, die ihm glockenhell antwortete: "Tfaddal! S'il vous plait! Enjoy!"
Ich war doch einmal dort gewesen, in jenem Obstgarten, ehe ich schmächlich daraus vertrieben wurde, ich hatte ihn doch einmal mit Fingerspitzen berührt -
"Bass. Bass. Bass min fadlak. Uskut." "Genug. Genug. Genug bitte. Still."
Frühmorgen erwachte ich beim Duft des ersten Morgenlichts und sah durch die Ritzen des geschlossenen Eisenladens den Granatapfelbaum in unserem Hof. Dort, im Versteck jenes Grantapfelbaums, wiederholte jeden Morgen ein unsichtbarer Vogel präzise und mit leuchtender Fröhlichkeit die ersten fünf Töne der Melodie "Für Elise".
So ein redseliger Dummkopf, so ein lauter Dummkopf: Statt auf sie zuzugehen, wie der neue hebräische Mensch auf das edle arabische Volk oder wie ein Löwe, der sich zu Löwen gesellt, hätte ich doch einfach auf sie zugehen können wie ein Junge auf ein Mädchen? Oder nicht?"
Aus: Amos Oz, "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", Suhrkamp Verlag, 1. Auflage 2006, S. 536-537.

 

Line of Life with Golda Meir (1977)

Music to watch boys to

Lana Del Rey "Music to watch boys to"

Lana Del Rey "Fucked my way up to the top"
"(...)
Welt am Sonntag: Die Männer, die in Ihren Videos immer wieder auftauchen, tätowierte Biker etwa, wirken nicht gerade wie der Typ zuverlässiger Familienvater.
Lana Del Rey: Ja, ich bin halt etwas …Ich habe einen etwas anderen Geschmack. Ich fühle mich von Leute angezogen, die sehr selbstsicher und sehr kreativ sind in dem, was sie machen, und das sind dann oft welche, die etwas Besonderes sind.
Welt am Sonntag: Möglicherweise auch besonders schwierig.
Lana Del Rey: Ja, das stimmt. Klar. Und da beginnt das Chaos für mich, denke ich. Was ich will und was einfach ist, ist nie dasselbe. Auch hier. Was ich will, ist jemand, der dynamisch ist und anders, besonders. Aber einfacher ist es natürlich mit denen, die den geraden Weg gehen." Quelle

Die Lieder mit ihren tätowierten Männern mag ich: Blue Jeans z.B. oder West Coast.

Endymion

Heinrich Heine  "In der Frühe"

Auf dem Fauxbourg Saint-Marçeau
Lag der Nebel heute Morgen,
Spätherbstnebel, dicht und schwer,
Einer weißen Nacht vergleichbar.

Wandelnd durch die weiße Nacht,
Schaut’ ich mir vorübergleiten
Eine weibliche Gestalt,
Die dem Mondenlicht vergleichbar.

Ja, sie war wie Mondenlicht
Leichthinschwebend, zart und zierlich;
Solchen schlanken Gliederbau
Sah ich hier in Frankreich niemals.

War es Luna selbst vielleicht,
Die sich heut bey einem schönen,
Zärtlichen Endymion
Des Quartièr Latin verspätet?

Auf dem Heimweg dacht ich nach:
Warum floh’ sie meinen Anblick?
Hielt die Göttin mich vielleicht
Für den Sonnenlenker Phöbus?

[Aus "Neue Gedichte", 1. Auflage 1844, S. 180-181, Quelle]

Jérôme-Martin Langlois "Diana and Endymion" (etwa 1822),  
aus: Web Gallery of Art, via Wikimedia Commons

30. Dezember 2015

The winter cherry

"Семья, она как Родина, просто должна быть! Иначе в жизни нет никакого смысла!.."*

Was für Melancholie befiel mich, als ich mir den fast postsowjetischen Film "Die Winterkirsche" ("Zimnjaja vishnja") aus dem Jahre 1985 angeschaut habe. Sie ist dreißig, erzieht einen kleinen Sohn allein und liebt einen verheirateten Mann, der ihr Arbeitskollege ist. Natürlich kann daraus nichts Gutes werden. Ein Verheirateter wird seine Frau nie verlassen. Aber nur das russische Kino kann die verletzliche, die hoffende, das Glück suchende weibliche Seele derart fein zeigen. Es hat mich fast zerrissen... Der Realismus tut weh, aber es ist trotzdem schön in seiner Wahrheit und Musik. Vielleicht muss man sich das manchmal direkt, mit der Axt vor Augen führen.

(Das Video lässt sich auf youtube anschauen, bitte auf den entsprechenden Link auf dem Bildschirm klicken.)


Den Film in voller Länge bietet Lenfilm offiziell hier zum Schauen an. Auch die weiteren 2 Teile, die sehr gut den Zustand im Land und die sozialen Verhältnisse dort kurz vor und bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigten.

*Übersetzung aus dem Russischen von mir: "Die Familie, sie ist wie Heimat, soll einfach sein! Andernfalls hat das Leben keinen Sinn!.."

Godiva

John Collier "Lady Godiva" (ca. 1898), via Wikimedia Commons
"Godiva ist Gegenstand einer Legende, die seit dem 13. Jahrhundert belegt ist: Das Volk litt unter der Steuerlast, für die ihr Ehemann verantwortlich war. Lady Godiva ertrug es nicht, die Menschen leiden zu sehen. Sie bemühte sich, ihren Mann dazu zu überreden, die Steuerlast zu senken. Er erwiderte, er würde die Steuern erst senken, wenn sie nackt durch die Stadt reitet. Denn Leofric rechnete nicht damit, dass seine Frau tatsächlich den Mut aufbringen würde, ohne Bekleidung durch die Stadt zu reiten, damit es dem Volk besser geht. Leofric, vom Mut seiner Frau beeindruckt, habe daraufhin alle Steuern erlassen, außer jene auf Pferde." wikipedia

Alfred Tennyson "Godiva"
I waited for the train at Coventry;
I hung with grooms and porters on the bridge,
To watch the three tall spires; and there I shaped
The city's ancient legend into this:
Not only we, the latest seed of Time,
New men, that in the flying of a wheel
Cry down the past, not only we, that prate
Of rights and wrongs, have loved the people well,
And loathed to see them overtax'd; but she
Did more, and underwent, and overcame,
The woman of a thousand summers back,
Godiva, wife to that grim Earl, who ruled
In Coventry: for when he laid a tax
Upon his town, and all the mothers brought
Their children, clamoring, "If we pay, we starve!"
She sought her lord, and found him, where he strode
About the hall, among his dogs, alone,
His beard a foot before him and his hair
A yard behind. She told him of their tears,
And pray'd him, "If they pay this tax, they starve."
Whereat he stared, replying, half-amazed,
"You would not let your little finger ache
For such as these?" -- "But I would die," said she.
He laugh'd, and swore by Peter and by Paul;
Then fillip'd at the diamond in her ear;
"Oh ay, ay, ay, you talk!" -- "Alas!" she said,
"But prove me what I would not do."
And from a heart as rough as Esau's hand,
He answer'd, "Ride you naked thro' the town,
And I repeal it;" and nodding, as in scorn,
He parted, with great strides among his dogs.
So left alone, the passions of her mind,
As winds from all the compass shift and blow,
Made war upon each other for an hour,
Till pity won. She sent a herald forth,
And bade him cry, with sound of trumpet, all
The hard condition; but that she would loose
The people: therefore, as they loved her well,
From then till noon no foot should pace the street,
No eye look down, she passing; but that all
Should keep within, door shut, and window barr'd.
Then fled she to her inmost bower, and there
Unclasp'd the wedded eagles of her belt,
The grim Earl's gift; but ever at a breath
She linger'd, looking like a summer moon
Half-dipt in cloud: anon she shook her head,
And shower'd the rippled ringlets to her knee;
Unclad herself in haste; adown the stair
Stole on; and, like a creeping sunbeam, slid
From pillar unto pillar, until she reach'd
The Gateway, there she found her palfrey trapt
In purple blazon'd with armorial gold.

Then she rode forth, clothed on with chastity:
The deep air listen'd round her as she rode,
And all the low wind hardly breathed for fear.
The little wide-mouth'd heads upon the spout
Had cunning eyes to see: the barking cur
Made her cheek flame; her palfrey's foot-fall shot
Light horrors thro' her pulses; the blind walls
Were full of chinks and holes; and overhead
Fantastic gables, crowding, stared: but she
Not less thro' all bore up, till, last, she saw
The white-flower'd elder-thicket from the field,
Gleam thro' the Gothic archway in the wall.

Then she rode back, clothed on with chastity;
And one low churl, compact of thankless earth,
The fatal byword of all years to come,
Boring a little auger-hole in fear,
Peep'd -- but his eyes, before they had their will,
Were shrivel'd into darkness in his head,
And dropt before him. So the Powers, who wait
On noble deeds, cancell'd a sense misused;
And she, that knew not, pass'd: and all at once,
With twelve great shocks of sound, the shameless noon
Was clash'd and hammer'd from a hundred towers,
One after one: but even then she gain'd
Her bower; whence reissuing, robed and crown'd,
To meet her lord, she took the tax away
And built herself an everlasting name.
[Quelle]