23. August 2007

Dieses Jahr in Czernowitz

Heute habe ich einen sehr interessanten Film fast verpasst, mir verblieb nur der letzte Drittel. Die Dokumentation von Volker Koepp - "Dieses Jahr in Czernowitz" (2004) möchte ich natürlich auf jeden Fall weiter empfehlen.

Auf einmal wurde es mir ganz warm ums Herz, als ich ukrainische, und nicht einfach ukrainische, sondern westukrainische Sprache hörte. Dies war die Sprache meiner Grosseltern und meiner Mutter. Als ich in meiner Kindheit und später als Jugendliche einige Male da war, konnte ich fast kaum ein Wort dieses Dialektes verstehen. Aufgrund der Herrschaft von Österreich-Ungarn in Bukowina, zu welcher Czernowitz oder Cherniwzi gehörten, waren allerdings auch viele deutsche Worte in den Dialekt eingeflossen. Ich konnte zu meiner angenehmen Überraschung ein kleines Wörterbuch online finden, das die "bukowinische" Sprache erklärt. Hm, aber ich stellte fest, dass es doch vielmehr auch ein kleines iddisch-deutsches Wörterbuch ist, denn damals war Iddisch in der Bukowina daheim. Umso mehr ist es interessant.

Und somit komme ich zum Thema des Filmes zurück.

Der Film begleitete diejenigen, die ihren Heimatort oder den Ort ihrer geflohenen jüdischen Eltern zum ersten Mal besuchten. Überrascht war ich, als ich unter ihnen den von mir so sehr geschätzten amerikanischen Schauspieler Harvey Keitel sah und er sogar Russisch verstehen konnte. Er stand da vor dem Denkmal für Tausende von ermordeten Czernowitzer Juden und legte das Steinchen hin... Das hat mich sehr berührt.
"Im Westen der Ukraine nahe der Grenze zu Rumänien liegt Czernivzi, eine entlegene Stadt in der Mitte Europas. Früher hieß sie Czernowitz und gehörte als Hauptstadt des Kronlandes Bukowina zur österreichisch-ungarischen Monarchie. In Czernowitz lebten Menschen verschiedener Nationalitäten, Sprachen und Kulturen miteinander: Ukrainer, Rumänen, Deutsche, Polen, Huzulen. Beinahe die Hälfte der einst 150.000 Einwohner von Czernowitz waren Juden. Nur wenige von ihnen überlebten die von Deutschen und Rumänen 1941 verordnete Deportation in die Lager Transnistriens. Vor sechs Jahren drehte Volker Koepp hier den Film HERR ZWILLING UND FRAU ZUCKERMANN. Rosa Roth-Zuckermann und Mathias Zwilling gehörten zu den letzten noch im alten Czernowitz geborenen Juden, die den Krieg und die Lager überlebt hatten und in ihrer Stadt geblieben waren.. Die im vergangenen Jahrhundert aus der Bukowina geflüchteten Juden haben Exil in vielen Teilen der Welt gefunden. In ihren Familien wirken die Erinnerungen an Menschen, Lebenswelten und Landschaften nach. Mit Emigranten und Kindern von Emigranten kehrt der vielfach preisgekrönte Filmemacher Volker Koepp nun in die Region zurück. Der Cellist Eduard Weissmann macht sich von Berlin aus auf den Weg, aus Wien kommen die Schwestern Evelyne Mayer und Katja Rainer, aus New York der Schauspieler Harvey Keitel und der Schriftsteller Norman Manea. Die Fahrt zu den mythischen Orten ihrer Herkunft führt sie nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart, zu Menschen, die heute in Czernowitz leben, zur ukrainischen Studentin Tanja und dem beinahe 90jährigen Deutschen Johann." Link

Online-Seite über Bukowina mit vielen historischen jüdischen Daten.

Kommentare:

Chajm hat gesagt…

Ich hatte das Glück, gleich mehrere Menschen kennen lernen zu dürfen, die im rumänischen, doch sehr k.u.K. geprägten, Czernowitz aufwuchsen und einen hinreißenden österreichisch-rumänischen Akzent hatten und eine tiefe Verbundenheit (die mich eben sehr beeindruckt hat) zu diesem Ort fühlten. Nahezu mythisch verklärt. Zuweilen treffe ich auch jemanden, der aus dem ukrainischen Чернівці kommt. Vielleicht ist es die gleiche Stadt, aber ein anderer Ort ist es dennoch...

Ann hat gesagt…

Hallo lieber Chajm,

ja, ein Teil von mir hängt sehr an Чернівці, aber ich war da leider nur sehr sehr selten, da meine Mutter ins Zentrum der Ukraine gezogen war, wo ich schließlich auch zur Welt kam.
Sie ist nicht direkt aus Chernivzi gewesen, aber sie kennt die Stadt bestimmt sehr gut, da sie da auch studiert hat. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im Fluß Prut gebadet habe. Das Wasser ist da viel zu schnell und kalt gewesen, aber das war ein richtger Bergfluss. Und die Karpaten selbst in Ferne zu beobachten, das war sehr schön.

Ukrainisch ist meine Muttersprache und ich versuche sie auch nicht zu vergessen, obwohl es kaum jemanden gibt, mit dem ich sie praktizieren kann. Woher kommst du? Ty rozmovljaesh tezh na ukr. movi? Wenn du nicht unbedingt hier öffentlich darüber schreiben möchtest, dann sag auf jeden Fall Bescheid.

Ich war sehr angenehm überrascht, diesen Kommentar zu lesen, da ich mich ab und zu in deinem Blog verweile und sehr viel Interessantes für mich mitnehme.

Liebe Grüsse
Ann

Chajm hat gesagt…

Ups... Gar nicht gesehen, dass mein Kommentar wiederum beantwortet wurde ;-)
Zu Deiner Frage in aller Kürze: Я говорю чуть-чуть по-русски.
Scheinbar scheinen sich immer Kreise zu schließen: Du liest bei mir, ich gerate über einen Umweg hier her und lese nun also auch mit. Das ist interessant.
Schanah Towah!
Chajm

Perestroika hat gesagt…

Hi ann!

Hab diesen Czernowitz-Post mittels google gefunden. Bei dem Thema sind wir wohl Kollegen.

Den Film haben ich auch kürzlich gesehen. Sehr beindruckend. Nun, wir, Edgar H und Klaus B, sammeln Informationen über Edgar H´s Vorfahren, die u.a. aus Czernowitz stammen und erforschen dabei auch etwas die Geschichte. Unsere Sicht ist mehr die rumänisch-deutsche-jüdische. Interessant ist natürlich auch die ukrainische Sicht. Du kannst uns übrigens besuchen:
der Blog ist noch nicht fertig
http://czernowitz.blogspot.com

liebe Grüße
Klaus B

Ann hat gesagt…

Hallo lieber Klaus,

ich habe nur kurz Eure Seite überflogen, werde mir aber Zeit nehmen, um es richtig zu lesen, denn bestimmt werde ich da viel Interessantes für mich entdecken und freue mich deswegen schon darauf.

Danke für Deine Meldung.
Auch liebe Grüsse
Ann

Perestroika hat gesagt…

Hallo Ann!

Ich besuche zwar öfter Deinen blog, sehe aber erst jetzt Deine Antwort...
Wir haben zu unsrem Blog "czernowitz" noch ein kleines "Arbeits"-Forum. Ich bin da täglich zugange. Eigentlich wollte ich da etwas zum rumänisch-lernen machen. Rumänisch dient aber auch für dieses kleine Czwernowitz/Bukowina-Projekt, dass nun immer größer wird:
http://85873.forums.motigo.com

Es gibt übrigens auch eine Czernowitz-Gruppe. In dieser sind Leute aus vielen Ländern "organisiert". Vielleicht kennst du sie?

http://czernowitz.ehpes.com

viele Grüße
Klaus

Ann hat gesagt…

Lieber Klaus,
(hoffe, du liest es)

habe mich eben bei Euch angemeldet und sehe, wie vieles an Links und Infos ich bei Euch da finden kann. Bin begeistert. Und die andere Seite mit Czernowitz-Gruppe war mir bis jetzt unbekannt. Bin dankbar für all diese schönen Hinweise.
Vor gar nicht so langem lief wieder der Film "Nächstes Jahr in Czernowitz", war wieder in Gedanken versunken, als ich es mir ansah.

Falls Du Interesse für die Lyrik von der aus der Stadt stammenden Rosa Ausländer hast, dann könnte es auch für Dich interessant sein:
http://www.roseauslaender-stiftung.de/2.html

Da gibt es ausserdem eine Möglichkeit, an der Czernowitz-Reise teilzunehmen

Ihre Gedichte, wie auch diejenigen von Kaleko und auch Domin prägen mich selbst.

Viele Grüsse und wir "sehen" uns online dann sowieso.
Ann

Perestroika hat gesagt…

Hallo liebe Ann!

Jo, ich hab dich schon "bei uns" entdeckt. Das Internet ist schon komisch. Ich bin nämlich schon länger im Internet und durchaus als neugieriger Spaziergänger, und doch bin ich nie in diesen Bereich gestossen. Wenn man sich dann mit so einem Thema befasst, tut sich eine große Welt auf. Freut mich/uns, wenn Du in dem Chaos etwas Brauchbares findest. Falls Du auch mal nach deinen Vorfahren suchst, können wir dir jetzt schon ein paar Ratschläge geben.
Rose Ausländer und auch Paul Celan kenne ich ein wenig. Ihre Herkunft und ihr Leben kannte ich aber überhaupt nicht...

Jo, dann mal bis gleich...
liebe Grüße
Klaus